ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2013Tansania: Rehemas Babys – der Wert der Neugeborenen

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Tansania: Rehemas Babys – der Wert der Neugeborenen

Dtsch Arztebl 2013; 110(4): A-130 / B-119 / C-119

Brockmeyer, Holger

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Einen eigenen Namen erhalten Neugeborene erst, wenn sie vier Wochen alt sind. Sterben sie vorher, gelten sie als unreif und nicht lebensfähig. Diese traditionellen Vorstellungen erschweren eine gute medizinische Versorgung.

Rehema legte die saubere Rasierklinge zu den zwei Tüchern und dem Band zum Abbinden der Nabelschnur. Ein Gesundheitsarbeiter, der sogar in ihr abgelegenes Dorf im Süden von Tansania gekommen war, hatte sie gut darüber informiert, was sie zur Geburt mitbringen musste. Als die Wehen einsetzten, machte sie sich rasch auf den Weg, denn zwei Stunden würde sie über Hügel und Felder bis zur nächsten Gesundheitsstation unterwegs sein. Die Geburt dauerte lange, und es gab kein Benzin für die Verlegung in das drei Autostunden entfernte Krankenhaus.

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Als Rehemas Baby endlich geboren war, schrie und bewegte es sich nicht. Man sah nur, wie es versuchte zu atmen. Die Krankenpflegerin erklärte ihr, dass es eine Totgeburt sei und man nichts tun könne. Eine unglaubliche Trauer kam in Rehema auf. Doch sie wusste, dass sie diese Trauer nicht zeigen durfte, denn ihr Baby galt als „mtoto hajala“, als das Neugeborene, das nicht geschrien hat und nicht lebensfähig ist. Somit musste sie ihr Kind ohne Namen, ohne Beerdigung selbst in der Erde verscharren und die Gerüchte im Dorf aushalten, das sie vielleicht verhext und unfruchtbar sei.

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In der Region sterben 31 von 1 000 Neugeborenen

Zur zweiten Geburt machte sich Rehema auf den langen Weg in das Regionalkrankenhaus von Lindi. Sie brachte ein Mädchen zur Welt, das nur „Baby of Rehema“ genannt wurde und mit einer Infektion auf der Neugeborenenstation lag. Dort lernte ich Rehema bei der Visite kennen, und sie erklärte mir, dass alle Kinder bis zur vierten Lebenswoche nur „Baby of“ heißen und dann erst einen eigenen Namen bekommen. Stirbt ein Kind in den ersten Lebenstagen wird es auch „jalala“ genannt, was mit „Abfall“ übersetzt werden kann. Ein Neugeborenes wird erst als reif angesehen, wenn die Nabelschnur abgefallen ist. Dies und die Geschichte ihrer ersten Geburt haben mich sehr berührt und vieles erklärt, worüber ich mich am Anfang meiner Zeit hier im Süden Tansanias gewundert habe.

Seit mehr als einem Jahr kümmere ich mich im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) im Rahmen der technischen Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) um die klinische Versorgung von Neugeborenen, unterernährten und HIV-infizierten Kindern. Das Regionalkrankenhaus von Lindi ist die höchste Versorgungsstufe für eine Region mit einer Million Menschen. Es erstaunte mich nicht, dass es keine eigene Station für Neugeborene gab, da dies nur in wenigen Krankenhäusern Afrikas der Fall ist. Die Neugeborenen wurden neben den Müttern mitversorgt oder eben nicht versorgt. Immer wieder starben Babys auf der Mütterstation, ohne dass sich medizinisches Personal zuvor um sie gekümmert hatte. Auch war kaum Wissen über die Erstversorgung von Neugeborenen nach der Geburt vorhanden, so dass es Fälle gab, in denen der Beatmungsbeutel am Bauch angesetzt wurde. Solche Umstände mussten eine hohe Neugeborenensterblichkeit zur Folge haben.

Ein eigenes Zimmer für Frühgeborene – ein Luxus an afrikanischen Krankenhäusern. Fotos: Holger Brockmeyer
Ein eigenes Zimmer für Frühgeborene – ein Luxus an afrikanischen Krankenhäusern. Fotos: Holger Brockmeyer

Doch in der klinischen Morgenbesprechung, in der eigentlich alle Todesfälle diskutiert wurden, wurde nie über ein totes Neugeborenes berichtet. Auch in der Statistik des Krankenhauses tauchten die meisten toten Neugeborenen nicht auf. Nach Daten aus der Region, die auf Umfragen unter Müttern basieren, sterben 31 von 1 000 Neugeborenen. Diese Rate liegt um das Zehnfache höher als in Deutschland.

Während der Reanimation eines Neugeborenen mit Asphyxie klingelte das Handy der Krankenschwester, die das Kind beatmete. Sie legte den Beatmungsbeutel zur Seite, um den Anruf entgegenzunehmen. Als ich sie später deswegen zur Rede stellte, argumentierte sie, dass diese Babys doch ohnehin keine Chance hätten und zu unreif seien. Unwissenheit und Fatalismus prägen die Einstellung Neugeborenen gegenüber. So schloss sich der Kreis von Rehema aus den Lehmhüttendörfern Tansanias zur examinierten Krankenschwester, die eine vierjährige Ausbildung absolviert hatte. Mir wurde klar, dass Interventionen für die Neugeborenen nicht nur medizinische Aspekte, sondern auch das kulturelle und traditionelle Verständnis erfassen müssen. So existieren zum Beispiel in Kiswahili auch keine Wörter, um Fehlgeburt, Totgeburt oder den Tod eines Neugeborenen zu unterscheiden.

Tägliche Berichte über die verstorbenen Neugeborenen in den Morgenbesprechungen führten beim Krankenhauspersonal allmählich zu einem Umdenken. Die Mitarbeiter nahmen zum ersten Mal wahr, dass die Todesrate bei den Neugeborenen höher war als bei allen anderen Patientengruppen. Es folgten Diskussionsrunden, in denen sich das Pflegepersonal mit der eigenen kulturellen Einstellung zum Wert eines Neugeborenen auseinandersetzte. Nur so konnte ich überhaupt Verständnis und Unterstützung für die medizinischen Veränderungen im Bereich der Neugeborenengesundheit bekommen. Interessanterweise war das entscheidende Argument, um das Krankenhausmanagement zu überzeugen, ein Gedankenspiel. Ich führte ihnen vor, wie sich die Männergesundheit in Tansania entwickeln würde, wenn es für Männer keine Stationen in den Krankenhäusern mehr gäbe. Hilfreich war, dass auch die Verantwortlichen im Krankenhaus betonten, dass die Sterblichkeit von Kindern unter fünf Jahren gesenkt werden müsse. Denn 40 Prozent der Kinder unter fünf Jahren sterben in den ersten vier Wochen ihres Lebens, also als Neugeborene. Von diesen wiederum sterben fast 50 Prozent am ersten Lebenstag.

Neugeborene erhielten erstmals eine Krankenakte

In Abstimmung mit den Mitarbeitern im Krankenhaus begannen wir, zwei kleine Zimmer für kranke Neugeborene und Frühgeborene einzurichten. Sie erhielten jetzt zum ersten Mal eine eigene Krankenakte und wurden als Patienten registriert und damit auch in der Morgenbesprechung erwähnt. Das Pflegepersonal der Mütterstation wurde in Neugeborenen- und Frühgeborenenpflege und Reanimation ausgebildet. Allerdings waren die Pflegekräfte nicht in der Lage, sich neben der Versorgung der Mütter vor, während und nach der Geburt auch noch um die kleinen Patienten zu kümmern. Erst der Einsatz von Pflegepersonal ausschließlich für die Neugeborenen verbesserte deren Versorgung deutlich. Weil die Zahl der behandlungsbedürftigen Neugeborenen rasch stieg, wurde in Kooperation mit dem Krankenhaus und privaten Spendern eine Neugeborenenstation gebaut, die kurz vor der Eröffnung steht.

60 Prozent der Neugeborenen sterben aber nicht im Regionalkrankenhaus, sondern in den Gesundheitszentren der Region und zum größten Teil zu Hause. Um diese Mütter und Kinder zu erreichen, entwickelten wir mit der Hilfsorganisation Voluntary Service Overseas und dem Regional Health Management Team von Lindi das Programm „No Baby Left Out“. Mit diesem Programm bilden wir das Gesundheitspersonal der entlegenen Gesundheitszentren in der medizinischen Versorgung von Neu- und Frühgeborenen aus und führen ein neuentwickeltes Triage-System ein, welches an das Programm „Integrated Management of Childhood Illness“ der Welt­gesund­heits­organi­sation angelehnt ist. Außerdem wollen wir in den Dörfern mit Hilfe von Theatergruppen zu Diskussionen über die traditionellen Vorstellungen von Neugeborenen anregen und über Neugeborenengesundheit informieren. So könnten Babys, wie das von Rehema, nach einer schwierigen Geburt wiederbelebt werden, und Mütter ihre Trauer ausleben, ohne verstoßen zu werden. Dies ist sicherlich noch ein langer Weg, aber auch Rehema ist weit gegangen, um ihrem zweiten Kind eine gute medizinische Versorgung zu ermöglichen. Dass „Baby of Rehema“ konnte nach sieben Tagen gesund entlassen werden.

Dr. med. Holger Brockmeyer, GIZ
Kinderarzt in Tansania

1.
National Bureau of Statistics and ICF Macro: Tanzania Demographic and Health Survey 2010. Dar es Salaam, Tanzania 2010.
2.
Lawn J E, Cousens S, Zupan J, et al.: 4 million neonatal deaths: When? Where? Why? Lancet 2005; 365: 891–900. CrossRef MEDLINE
3.
Haws AH, Mashasi I, Mrisho M, Amstrong Schellenberg J, Darmstadt GL, Winch PJ: „These are not good things for other people to know“: How rural Tanzania women’s experiences of pregnancy loss and early neonatal death may impact survey data quality. Social Science & Medicine 2010; 71: 1764–72. CrossRef MEDLINE
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