ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2013Vogelgrippe-Virusmutante: Nun wird weiter geforscht

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Vogelgrippe-Virusmutante: Nun wird weiter geforscht

Dtsch Arztebl 2013; 110(5): A-179 / B-165 / C-165

Zylka-Menhorn, Vera

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Die Erklärung zur Aufhebung des Moratoriums in:
Die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse in:

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Wegen drohender Bioterrorismusgefahr einigten sich Influenzaforscher vor einem Jahr darauf, ihre Arbeit mit einer H5N1-Mutante ruhen zu lassen. Nun wurde das Moratorium aufgehoben. Doch was hat die Zwangspause letztlich gebracht?

Einblick in ein Hochsicherheitslabor am Zentrum für Biologische Sicherheit des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Foto: Georg J. Lopata
Einblick in ein Hochsicherheitslabor am Zentrum für Biologische Sicherheit des Robert-Koch-Instituts in Berlin. Foto: Georg J. Lopata

Eigentlich sollte bereits nach 60 Tagen Schluss sein; doch jetzt hat es ein Jahr gedauert, bis internationale Influenza-Forscher ihre – in der Wissenschaft einzigartige – selbst verordnete Zwangspause für Untersuchungen an hochpathogenen Vogelgrippevirus-Mutanten aufgehoben haben. Am 23. Januar erklärten sie ihr Moratorium in den Fachmagazinen „Nature“ (doi: 10.1038/nature11858) und „Science“ (doi: 10.1126/science. 1235140) für beendet.

Dem vorangegangen war ein monatelanger, heftiger Disput zwischen Wissenschaftlern, Regierungsbehörden und Fachmedien über brisante Ergebnisse der Forschergruppen um Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam und Yoshihiro Kawaoka von der Universität von Wisconsin in Madison. Beiden war es unabhängig voneinander in Tierversuchen gelungen, das hochpathogene Vogelgrippevirus H5N1 so zu mutieren, dass es im hohen Grad per Tröpfcheninfektion übertragbar ist. Aus Sorge, dass die Beschreibung der molekularbiologischen Manipulationen in den bevorstehenden Publikationen möglicherweise eine „Bauanleitung“ für Bioterroristen sein könnte (Dual Use Research of Concern), hatte das US-National Science Advisory Board for Biosecurity damals „Science“ und „Nature“ aufgefordert, auf die Veröffentlichung von Detailergebnissen zu verzichten. Weltweit entbrannte daraufhin eine Debatte darüber, wie groß das aerogene Infektionsrisiko von manipulierten H5N1-Viren für Menschen sein könnte – aber auch, wie frei Forschung und Medien letztlich sind.

3-D-Illustration des Vogelgrippevirus H5N1: Auf der Lipidhülle befinden sich die Membranproteine Neuraminidase (rot) und Hämag glutinin (blau) sowie Ionenkanäle (grün). Foto: picture alliance
3-D-Illustration des Vogelgrippevirus H5N1: Auf der Lipidhülle befinden sich die Membranproteine Neuraminidase (rot) und Hämag glutinin (blau) sowie Ionenkanäle (grün). Foto: picture alliance

Wiederaufnahme begrüßt

Schließlich entschieden sich 40 Wissenschaftler dafür, alle Experimente mit der neuen Variante des H5N1-Erregers für 60 Tage auf Eis zu legen. Teile der Forschungsergebnisse wurden jedoch im Juni 2012 veröffentlicht (Nature 2012; 486: 420–8, Science 2012; 336: 1534–41). Und aus der 60-tägigen Forschungspause wurden letztlich zwölf Monate. Wie wurde diese Zeit genutzt?

Zahlreiche Konferenzen und Publikationen hätten sich des strittigen Themas angenommen, teilten die Unterzeichner des Moratoriums mit. Zudem habe die Welt­gesund­heits­organi­sation inzwischen neue Empfehlungen zu den Sicherheitsstandards in Laboratorien für derartige mikrobiologische Untersuchungen veröffentlicht. Nach eingehenden Untersuchungen und Diskussionen sei man nun zu dem Schluss gekommen, dass diese hohen Standards in den Einrichtungen der meisten Länder (wie Deutschland, die Niederlande, Japan, Großbritannien, Italien, Russland, China, Hongkong) eingehalten werden.

„Uns ist voll und ganz bewusst, dass diese Forschung – wie jede Arbeit mit infektiösen Agenzien – nicht ohne Risiken ist. Da jedoch in der Natur die Gefahr besteht, dass sich ein unter Säugetieren hochpathogenes H5N1-Virus entwickeln könnte, wiegt der Nutzen dieser Arbeit schwerer als die Risiken.“ Zu den Unterzeichnern zählen neben den beiden Protagonisten Kawaoka und Fouchier auch der Marburger Virologe Prof. Dr. med. Hans-Dieter Klenk und der Präsident des Friedrich-Löffler-Instituts, Prof. Dr. Thomas Mettenleiter.

Die Gesellschaft für Virologie (GfV) begrüßt grundsätzlich die Wiederaufnahme der Experimente unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Inzwischen wisse man, dass die beobachteten Veränderungen in der Rezeptorspezifität und der Stabilität des Hämagglutinins essenziell für die aerogene Übertragung beim Säuger ist. Dennoch sei man immer noch immer weit davon entfernt, das pandemische Potenzial dieser Viren in seiner Komplexität zu verstehen. Aus diesen Gründen sei es notwendig, die Forschungsarbeiten weiterzuführen, heißt es in einer Erklärung vom 18. Januar.

Darin deutete die GfV bereits an, dass die Richtlinien für die Durchführung für Untersuchungen mit potenziellem „Dual Use“ in einigen Staaten, zum Beispiel in den USA, verschärft werden müssten. Die amerikanischen Unterzeichner des Moratoriums sind nun auch die einzigen, die noch nicht wieder mit den H5N1-Mutanten arbeiten wollen. Laut Adolfo Garcia-Sastre von der Mount Sinai School of Medicine in New York müssen „die Verantwortlichen in den Laboren sich erst darüber einigen, welche Sicherheitsstufe fortan bei H5N1-Studien gelten soll“, sagte er in „Science“. Bislang werden die meisten dieser Experimente in BSL-3+-Laboren durchgeführt, doch Kritiker meinen, man sollte sie in die sichereren BSL-4-Labore verlagern.

Sorgfalt vor Schnelligkeit

Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, forderte zudem eine klare Einigung in der Frage, welche H5N1-Studien das Risiko tatsächlich wert seien. Bei dieser komplizierten und potenziell hochgefährlichen Angelegenheit sei Sorgfalt wichtig, nicht Schnelligkeit. Fauci betonte jedoch, dass die Influenzaforschung von dem Moratorium nicht sonderlich behindert werde. Die Arbeiten zur H5N1-Mutante machten nur etwa ein Prozent der gesamten Grippeforschung aus.

In Deutschland ist es derzeit Standard, dass vor Experimenten mit gentechnisch veränderten Viren eine Risikoanalyse durch die Zentrale Kommission für die Biologische Sicherheit erfolgt. Die GfV empfiehlt nun, dass zusätzlich eine externe Risikoanalyse stattfindet und erforderliche Sicherheitsmaßnahmen festlegt werden. Dieses Prozedere solle aber auch für Experimente ohne gentechnisch veränderte Viren, die möglicherweise mit vergleichbarem Risikopotenzial behaftet sind, gelten. Zudem fordert die GfV die Bundesregierung auf, sich für international verbindliche Richtlinien zur Risikoanalyse und Durchführung von Experimenten einzusetzen, welche die Übertragbarkeit oder das Wirtsspektrum zoonotischer Erreger verändern.

Priv.-Doz. Dr. med. Lars Schaade, Leiter des Zentrums für Biologische Sicherheit und Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), befürwortet ebenfalls, dass vor Studien mit nicht gentechnisch veränderten Erregern Risikoanalysen durchgeführt werden. „Über das bereits bestehende, umfangreiche Regelwerk zur Biosicherheit hinaus wäre das Missbrauchspotenzial im Sinne eines Dual Use Research of Concern zu bewerten“, sagte Schaade im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt (siehe auch Artikel „Protecting society“ in „EMBO reports“ 2013; 14: 25–30; doi: 10.1038/em bor.2012.195).

Derzeit arbeite der Deutsche Ethikrat an einer Stellungnahme zum Thema „Biosicherheit und Forschungsfreiheit“. Das Gremium soll unter anderem klären, ob die Verhaltenskodizes in Wissenschaft und Wirtschaft ausreichen. Nach Ansicht des Virologen Prof. Dr. med. Hans Dieter Klenk von der Universität Marburg, Mitunterzeichner des Moratoriums, sind „die bestehenden Vorschriften wie das Infektionsschutzgesetz, das Kriegswaffenkontrollgesetz, das Gentechnikgesetz und das Tierseuchengesetz als Rechtsrahmen ausreichend“.

Risiko größer als zugegeben

Für den amerikanischen Risikokommunikationsforscher Peter Sandman, Princeton, New Jersey, lag das Ziel des Moratoriums allein darin, Zeit für die Forschung an H5N1-Viren zu gewinnen – Zeit, um die Öffentlichkeit zu „erziehen“ und ihr möglichst einleuchtend zu erklären, warum diese Art von Forschung hinreichend sicher ist. Das Risiko einer unabsichtlichen Freisetzung von H5N1 aus einem Hochsicherheitslabor erachtet er für größer, als die Experten glauben. „Die meisten Experten werden insgeheim auch zugeben, dass es in Wahrheit größer ist, als sie derzeit öffentlich sagen“, meinte Sandman in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS) vom 20. Januar.

Die meisten Laborunfälle würden geheim gehalten. Auch Beinahe-Unfälle würden weder gemeldet noch katalogisiert und ausgewertet, um aus Fehlern zu lernen. Dieser Zustand sei weit entfernt vom „State of the art“ des Sicherheitsmanagements in den meisten Unternehmen.

Das Moratorium habe die Forschung mit manipulierten H5N1- Viren nicht signifikant sicherer gemacht, so Sandman. Zudem sei es nicht gelungen, kritische Stimmen in einen substanziellen Dialog einzubinden. „Damit könnte das Moratorium eine echte öffentliche Debatte sogar unterdrückt haben, indem es sich auf Insider beschränkte – und auf besonders entschlossene, aber nicht unbedingt kompetente Kritiker“ schrieb Sandman in der FAS.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

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