ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2013Sexueller Kindesmissbrauch: Aus der Opferrolle herausfinden

POLITIK

Sexueller Kindesmissbrauch: Aus der Opferrolle herausfinden

Dtsch Arztebl 2013; 110(5): A-170 / B-156 / C-156

Jachertz, Norbert

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Der aktuelle Kampagnenspot des Missbrauchsbeauftragten, gestaltet von Daniel Levy, verweist weiterhin auf die telefonische Anlaufstelle: 0800 22 55 530.
Der aktuelle Kampagnenspot des Missbrauchs­beauf­tragten, gestaltet von Daniel Levy, verweist weiterhin auf die telefonische Anlaufstelle: 0800 22 55 530.

Es gibt eine verwirrende Vielzahl von Hilfsangeboten. Und dennoch bestehen Engpässe in der Traumatherapie. Institutionen tragen ein „strukturelles Risiko“.

Am 31. Dezember 2012 schaltete die katholische Deutsche Bischofskonferenz ihre Hotline ab, bei der Opfer sexueller Gewalt anrufen konnten. Es habe kaum noch Anrufe gegeben, hieß es. Eine am 17. Januar vorgelegte Statistik der Hotline – mehr als 10 000 Kontakte innerhalb von zwei Jahren – lässt das Ausmaß der Handlungen erahnen. Genaueres zum Missbrauch von Abhängigen durch Geistliche sollte ein Forschungsprojekt zutage fördern, mit dem der Kriminologe Prof. Dr. jur. Christian Pfeiffer betraut wurde. Der Vertrag platzte am 9. Januar. Die gegenseitigen Vorwürfe lassen auf einen versteckten Dissens schließen: Die Vertragspartner hatten sich in der Eile nicht genügend über ihre jeweiligen Erwartungen und Möglichkeiten ausgetauscht. Vertane Zeit.

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Dennoch. Die Gesamtbilanz der Bemühungen um Aufarbeitung und Opferhilfe sieht so schlecht nicht aus, seit im Januar 2010 jener Brief bekanntwurde, der die Missbrauchsdebatte ins Rollen brachte. Der Leiter des Canisius-Kollegs in Berlin, Jesuitenpater Klaus Mertes, hatte an mehr als 600 Ehemalige geschrieben und vom systematischen sexuellen Missbrauch an vielen Schülern berichtet. Nicht nur katholische Erziehungseinrichtungen waren betroffen, wie sich herausstellte, doch blieben sie, neben der Odenwaldschule, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Die Welle von immer neuen Offenbarungen, von Empörung und Anschuldigungen führte dazu, dass die verantwortlichen Institutionen gezwungen wurden, Missbrauch nicht insgeheim aufzuklären, sondern strafrechtlich verfolgen zu lassen. Zugleich wurden die Opfer ermutigt, sich zu melden, Therapien anzunehmen und Entschädigungen zu fordern.

Institutionell ist, wenn auch mit Abstrichen, einiges geschehen:

1. Die katholischen Bischöfe ernannten noch im Februar 2010 den Trierer Bischof, Dr. Stephan Ackermann, zum Missbrauchsbeauftragten, gaben im August 2010 Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger heraus und entschlossen sich schließlich im März 2011 zu gewissen Entschädigungen. Stecken blieb hingegen die unvoreingenommene Aufdeckung der die Missbräuche fördernden Strukturen.

2. Gleich drei Bundesministerinnen (für Bildung, Familie und Justiz) versammelten im Frühjahr 2010 die Betroffenen um einen „Runden Tisch“; dieser kam Ende 2011 mit einem Paket von Empfehlungen zum Umgang mit Opfern, zur Intervention bei Verdachtsfällen und zur Prävention heraus. Die freilich müssen noch umgesetzt werden.

3. Gleichzeitig etablierte die Bundesregierung einen „unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“. Dieser schließt seitdem unermüdlich mit den Dachverbänden von Heimträgern, Kliniken und Jugendeinrichtungen freiwillige „Vereinbarungen“ zum Schutz von Jugendlichen.

4. Ärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser und gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung einigten sich im September 2012 auf eine Rahmenempfehlung, um das Informationsangebot und die Versorgung von Missbrauchsopfern zu verbessern (siehe DÄ, Heft 44/2012).

5. Bund und Länder errichteten 2012 – nicht nur infolge der Missbrauchsdebatte, aber durch sie vorangebracht – die beiden Fonds für Heimkinder West (dieser auch gemeinsam mit den Kirchen) und Heimkinder Ost.

6. Ein Netz von Anlauf- und Beratungsstellen entstand.

Defizite bei Prävention und Therapieangeboten

Die Missbrauchsdebatte förderte aber auch erstaunliche Defizite zutage: in der Prävention, beim Umgang mit Verdachtsfällen, bei der Zuwendung zu den Opfern, im Therapieangebot. Diese wurden zwar angegangen, sind aber keineswegs behoben. Dem Betroffenen fällt es immer noch schwer herauszufinden, welche Beratungsstelle für ihn zuständig, auf welche Anspruchsgrundlage er seine Forderung nach Hilfe stützen kann oder welcher Therapeut geeignet erscheint.

Wenn er überhaupt einen findet. Denn es gibt erhebliche Versorgungslücken auf dem Land, für Behinderte und für Betroffene mit Migrationshintergrund. Auch in der Stadt heißt es warten. Bei einem Workshop des Traumanetzes Seelische Gesundheit zum Thema „Trauma und Institution“ im Dezember 2012 in Dresden wurden Wartezeiten von einem Jahr genannt. Wünschenswert sei zudem, dass sich fortgebildete Traumatherapeuten der Missbrauchsopfer annähmen. Nicht jeder Psychiater/Psychotherapeut sei gleich auch ein Traumatherapeut. Ähnliches scheint, folgt man dem Workshop, auf psychiatrische Gutachter zuzutreffen, die zum Beispiel bei Verfahren nach dem Opferentschädigungsgesetz eine ausschlaggebende Rolle spielen. Psychiatrische Gutachter schätzten Traumatisierungen oft zu gering ein, bedauerte Dr. med. Julia Schellong von der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik in Dresden. Das sei auch eine Frage der „Schulen“. Schellong sieht die Traumatherapie als noch relativ junges, aber schon eigenständiges, wissenschaftlich fundiertes Fach an. Sie gehört zu den Initiatoren des „Traumanetzes“, in dem Ärzte, Psychologische Psychotherapeuten und weitere Gesundheits- und Sozialberufe vorwiegend aus Sachsen zusammenarbeiten.

Eine gemischte Bilanz zog auf seiner Jahrespressekonferenz in Berlin der Missbrauchsbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig. Vor allem in der Prävention sei nicht genug erreicht. „Vordringlich müssen die Spielräume der Täter eingegrenzt werden“, bekräftigte er bei dem Dresdener Workshop. Vielen Institutionen scheine immer noch das Problembewusstsein zu fehlen. Die Einstellung reiche vom Eingeständnis, man habe das Problem „sträflich vernachlässigt“, bis zu: „Bei uns ist die Welt Gott sei Dank noch in Ordnung“, zitierte Rörig Antworten aus einer Befragung bei circa 200 Einrichtungen aus dem Jahr 2012. Demnach haben 61 Prozent der befragten Einrichtungen ein Präventionskonzept erarbeitet, eine Risikoanalyse nur 36 Prozent, von einem „Notfallplan“ bei Verdacht auf Missbrauch berichten 58 Prozent. Ein Musterstück an Hilflosigkeit lieferte im November 2012 die Berliner Charité. Hier wurde ein Pfleger verdächtigt, sich Patientinnen gegenüber auffällig verhalten zu haben. Der Fall ist bislang nicht vollständig geklärt. Doch, um mit Rörig zu sprechen, „es war der Leitung nicht klar, was getan werden muss, wenn ein Verdacht aufkommt“. Nun arbeite sie an einem Konzept. „Und ich hoffe, dass die Charité nun zum Vorbild wird.“

Verlorenes Vertrauen, zögernde Wiedergutmachung

Die kindlichen und jugendlichen Opfer von sexueller und anderer Gewalt stehen zumeist allein einer „Institution“ gegenüber. Diese neigt dazu, Anschuldigungen abzuwehren oder kleinzureden, ja, sich selbst als Opfer der Täter zu sehen. Ein Lied davon kann der Jesuitenpater Mertes singen, dem die Aufdeckung der Taten am Canisius-Kolleg keineswegs gedankt wurde. Bei dem Dresdener Workshop berichtete er von spontaner Abwehr der Kirchenoberen und von Anwürfen, die ihm entgegenschlugen. Die Institution rutsche leicht ab „in das Jammern über die eigenen Schmerzen“. Das könne geradezu in Hassgefühle gegenüber den Opfern wie den Aufklärern umschlagen. Doch die Institution, hier die Kirche, müsse den Opfern Vertrauen entgegenbringen. „Das wichtigste ist, die Opfer anzuhören“, betonte Mertes.

Prävention von Gewalt setzt Selbsterkenntnis bei den Verantwortlichen voraus. Denn „Institutionen, in denen Mädchen und Jungen leben und lernen, tragen ein strukturelles Risiko sexueller Gewalt“, resümierte Christiane Hentschker-Bringt, eine Sozialpädagogin, die an Schulen mit Kindern einübt, sich zu behaupten. Täter suchten sich bewusst oder unbewusst solche Einrichtungen. Dabei geht es nicht allein um sexuelle, sondern auch um körperliche und psychische Gewalt.

Gewalt jeder Art scheint in Heimen der DDR verbreitet gewesen zu sein. Sie betraf weniger die sogenannten Normalheime als die speziellen Einrichtungen für verhaltensauffällige Jugendliche, etwa die Jugendwerkhöfe, insbesondere den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Ziel der Einweisung sei Disziplinierung, Anpassung, ja Unterwerfung gewesen, berichtete die Psychiaterin Ruth Ebbinghaus, Würzburg, auf der Dresdener Tagung. Sie arbeitete 2011 bei einem Bericht über die DDR-Heimerziehung mit. Das sei durch Kollektiverziehung, Drill und harte Strafen wie Essensentzug, An-den-Pranger-Stellen, Arrest, vielfältige Gewalt durch Erzieher, erreicht worden. Die Folgen seien überangepasstes wie auch aggressives oder autoaggressives Verhalten, fehlende Selbstständigkeit oder auch die Unfähigkeit, Hilfe anzunehmen. Wichtig für die Rehabilitation sei die offizielle Anerkennung des erlittenen Unrechts und Leids. Eine materielle Entschädigung sei auch psychisch wichtig. Entscheidend sei es, dass es den Betroffenen gelinge, aus der Opferrolle herauszufinden. Es gelte, das persönlich erlittene Unrecht als gesellschaftlich verursacht anzusehen. Es gebe freilich bisher keine speziellen Konzepte für die Behandlung komplexer Traumatisierungen.

Norbert Jachertz

Anspruchsgrundlagen

Nach dem Opferentschädigungsgesetz haben Opfer eines „tätlichen Angriffs“, der sich nach dem 15. Mai 1976 (alte Bundesländer) oder 2. Oktober 1990 (neue Bundesländer) zugetragen hat, Anspruch auf Heilbehandlung und Rehabilitation nach dem Bundesversorgungsgesetz. Sexueller Missbrauch wird als tätlicher Angriff gewertet.

Heimkinder aus den alten Bundesländern, die zwischen 1949 und 1975 in Heimen waren, können durch den Fonds Heimerziehung West, der von Bund, West-Ländern und Kirchen getragen wird, entschädigt werden (Anträge bis 31. Dezember 2014). Heimkinder aus den neuen Bundesländern, die zwischen 1949 und 1990 in DDR-Heimen waren, können Entschädigungen aus dem Fonds Heimerziehung Ost erhalten, der von Bund und Ost-Ländern getragen wird (Anträge bis 30. Juni 2016).

Beide Fonds prüfen zunächst die Berechtigung und schließen sodann mit den Antragstellern individuelle Vereinbarungen über materielle, medizinische oder psychotherapeutische Leistungen ab. Betroffene, die zwangsweise in DDR-Heime eingewiesen waren, insbesondere in den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, können zudem nach dem Strafrechtlichen Rehabilitierungsgesetz auch Ansprüche auf finanzielle Leistungen haben.

Die katholischen Bistümer vergüten bis zu 50 Sitzungen bei einem approbierten Psychotherapeuten (bei Paarbetreuung 25 Sitzungen) und zahlen außerdem eine Art Schmerzensgeld von bis zu 5 000 Euro.

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Doro Maier
am Dienstag, 5. Februar 2013, 16:09

Nach wie vor schwerwiegende Mängel

Leider stellt sich die Versorgungslage für Betroffene von sexualisierter Gewalt während der Kindheit sowie die Möglichkeit, im Rahmen des Opferentschädigungsgesetzes (OEG) Unterstützung zur Bewältigung der nachhaltig negativen Folgen dieser frühen Gewalterfahrungen zu erhalten, nach wie vor als desaströs dar. Das liegt an der jahrelangen Weigerung, diese schwere Gewalt an Kindern überhaupt zur Kenntnis zu nehmen und entsprechende Standards im Umgang damit zu verankern. So bestehen bis heute enorme Informations- und Qualifikationslücken auf allen Ebenen, nicht zuletzt bei den beteiligten Berufsgruppen (Ärzte, Psychologen, Psychotherapeuten, aber auch Gutachter, Sachbearbeiter usw.). Betroffene haben nach wie vor große Probleme, adäquate Hilfe zu bekommen.

In der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zu den gesundheitlichen Folgen von Gewalt (Heft 42) weist das Robert Koch-Institut bereits 2008 auf „die unzureichende Qualifikation im Erkennen von Gewaltfolgen und im adäquaten Umgang mit der Problematik im gesamten System der medizinischen Versorgung“ hin. Die Mehrzahl der praktizierenden Ärzte, Ärztinnen und Pflegekräfte fühlt sich demnach nicht ausreichend vorbereitet und kompetent, die Folgen körperlicher, sexualisierter und häuslicher Gewalt zu diagnostizieren.

Daran hat sich auch Jahre später nichts Wesentliches geändert, wie der Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs, Dr. Christine Bergmann, von 2011 zeigt: „Ganz offensichtlich gibt es auch im therapeutischen Berufsfeld einen allgemeinen Aus- und Weiterbildungsbedarf zum Thema sexueller Missbrauch. Dies geht aus den Erfahrungen Betroffener, den Aussagen von Expertinnen und Experten aus Pädagogik, Medizin und Therapie sowie aus der Online-Befragung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (s. D. IV.) hervor.“ Bergmann hält fest, dass „viele Psychotherapeutinnen bzw. Psychotherapeuten in ihrer Ausbildung nicht oder nur unzureichend auf die Behandlung von Patientinnen bzw. Patienten mit Missbrauchshintergrund vorbereitet werden“.

„Im Vergleich zur Relevanz der Gewaltproblematik sind die vorhandenen Forschungs- und Datenlücken in Deutschland als beträchtlich einzuschätzen. Bislang wurden lediglich ausgewählte Zusammenhänge zwischen Gewalt und Gesundheit untersucht. Gesundheitsfolgen und Komorbiditäten (…) in spezifischen Zielgruppen (…) und daraus abzuleitender Versorgungsbedarf wurden bislang weitgehend vernachlässigt. Vergleichbar wenig erforscht ist die mögliche Potenzierung gesundheitlicher Folgen von Gewalt, die Rolle biografisch bedingter Risikofaktoren für Gewalterfahrungen und gesundheitliche Folgebeschwerden sowie die Frage nach geschlechtsspezifischen Unterschieden im Kontext sexueller und/oder häuslicher Gewalt.“ (Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Heft 42, 2008)

Betroffene von sexualisierter Gewalt im Kindesalter sehen sich auch drei Jahre nach Canisius noch immer großen Lücken in der qualifizierten Diagnostik und Versorgung gegenüber. Dies gilt auch für das Opferentschädigungsgesetz (OEG). Theoretisch steht es Betroffenen von sexualisierter Gewalt unter den o.g. Bedingungen (Zeitpunkte der Taten) offen. Praktisch allerdings birgt das gesamte Verfahren für Betroffene ein hohes Retraumatisierungsrisiko und endet überproportional häufig mit einem Ablehnungsbescheid.

Eine Studie der Hochschule Fulda zum Opferentschädigungsgesetz (OEG) und der Verfahrenspraxis in der Opferentschädigung (September 2010) diagnostiziert eine im Opferentschädigungsgesetz allgemein angelegte strukturelle Benachteiligung für Opfer von häuslicher Gewalt: „Das OEG erfasst faktisch nicht alle Gewaltformen gleichermaßen. Strukturell scheint eine Benachteiligung in den Entschädigungschancen der Opfer häuslicher Gewalt vorzuliegen und damit indirekt eine Benachteiligung von Frauen, vermutlich auch von Kindern und älteren Menschen.“ (Quelle: Anna Grundel, Beate Blättner, „Entschädigung von Opfern interpersoneller Gewalt im Raum Fulda“, Studie zum Opferentschädigungsgesetz (OEG) und der Verfahrenspraxis in der Opferentschädigung, Hochschule Fulda, September 2010)

Strukturelle Beeinträchtigungen im OEG-Verfahren bestehen auch durch die Tatsache, dass die versorgungsmedizinischen Grundsätze, die in der Anlage zu § 2 der Versorgungsmedizin-Verordnung festgelegt sind und nach denen der Grad der Schädigungsfolgen zu bewerten ist, nicht den aktuellen Erkenntnissen der medizinischen Wissenschaft entsprechen. Der Opferverband „Weißer Ring“ schreibt dazu auf seiner Internetseite: „Die Anhaltspunkte wurden zum 01.01.2009 in die „Versorgungsmedizin-Verordnung“ überführt. Hiermit NICHT verbunden war eine Überarbeitung und Anpassung an die aktuellen Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft.“ (Quelle: Weißer Ring, Dezember 2010, Hervorhebung d.d.A.)

Auch im Abschlussbericht der Unabhängigen Beauftragten zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs vom Mai 2011 heißt es: „Von Fachleuten wird darüber hinaus bezweifelt, ob die bei der Begutachtung im OEG anzuwendenden versorgungsmedizinischen Grundsätze die Einbeziehung neuer Forschungsergebnisse bei der Klärung des Kausalzusammenhangs ausreichend sicherstellen.“

Das heißt: Wer als Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kindheit heute einen Antrag nach dem OEG stellt, wird nach Maßstäben beurteilt, die nicht den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen entsprechen. Entsprechend werden Gesundheitsschäden nicht als Schädigungsfolgen anerkannt oder der Grad der Schädigung zu gering bewertet.

Nach wie vor also haben Betroffene große Schwierigkeiten, an entsprechend qualifizierte Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, Gutachterinnen und Gutachter usw. zu gelangen. Nach wie vor müssen sie eher mit Unkenntnis und Fehldiagnosen rechnen, mit den entsprechenden Folgen (Retraumatisierung, Chronifizierung, falsche Therapie, etc.).

Betroffene – soviel weiß man heute – brechen ihr Schweigen häufig erst, wenn ihnen die Kraft ausgeht, ihr Geheimnis weiter zu tragen. Das Schweigen zu brechen kostet zusätzlich Kraft. Auf Unverständnis und mangelnde Kenntnis bei denjenigen zu stoßen, an die man sich wendet (isb. Professionelle), kostet zusätzlich Kraft. Kraft, die man ja eigentlich schon nicht mehr hatte, um das Geheimnis zu wahren. Sich als Betroffene/r von sexualisierter Gewalt in der Kindheit auf die Suche nach einer qualifizierten Traumatherapie zu machen, zahlreiche Fehlversuche zu überstehen, lange Wartezeiten zu ertragen, kostet zusätzlich Kraft. Sich als Betroffene/r von sexualisierter Gewalt in der Kindheit in ein OEG-Verfahren zu begeben, stellt in Deutschland ein Himmelfahrtskommando dar, kostet wiederum unsäglich viel Kraft und birgt zudem die Gefahr der Retraumatisierung (wie übrigens jede falsche Behandlung auch!). Mit all dieser Überforderung stehen Betroffene trotz zwischenzeitlich drei Jahren öffentlicher Diskussion der Problematik immer noch alleine da. Noch immer treffen sie nicht auf Strukturen, die ihnen einen schnellen Zugang zu wirklich qualifizierter Unterstützung und Hilfe garantiert. Und erst recht nicht erhalten sie die Unterstützung, die das OEG offiziell verspricht. Traurig, aber wahr.

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