ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2013Schach: In Tabakdunst gehüllt

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Schach: In Tabakdunst gehüllt

Dtsch Arztebl 2013; 110(5): [68]

Pfleger, Helmut

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Dr. med. Helmut PflegerFoto: Dagobert Kohlmeyer
Dr. med. Helmut Pfleger
Foto: Dagobert Kohlmeyer

Wie ich bereits schon einmal in den Schachspalten erwähnte, wurde Tabak früh von den Ärzten als wunderbares Allheilmittel gepriesen und sogar bei Husten und Asthma empfohlen. In einer Umfrage in den USA 1946 wurden 113 600 Ärzte, von Allgemeinärzten bis zu HNO-Spezialisten (!) gefragt, was ihre Lieblingsmarke sei – am häufigsten wurde „Camel“ genannt.

Frank Sinatra ließ selbst beim Singen nicht von seinen Zigaretten; die berühmte Filmschauspielerin Dolores del Rio, deren Kehle hochversichert war, erklärte: „Ich riskiere keine Rachenentzündung. Egal, wie sehr ich meine Stimme beanspruche, ,Luckies‘ sind immer sanft.“

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Wer hätte sich damals vorstellen können, dass heutzutage dort Zigarettenschachteln grausige Bilder zeigen müssen: aus einer Tracheotomieöffnung hervorquellender Rauch, eine Mutter, die Rauch ins Gesicht ihres Babys bläst, ein Identifikationsschildchen am großen Zeh eines Leichnams, ein buntes Gemälde einer kranken Lunge, eine kanzeröse Lippe.

„Natürlich“ gehörte früher der Tabak auch zum Schach, der Bedächtigkeit des Zuges aus der Zigarre entsprach die Bedächtigkeit des Zuges auf dem Schachbrett; unzählige Kaffeehauspartien künden davon. Als sich 1886 Steinitz und Zukertort in New Orleans beim ersten offiziellen WM-Kampf der Schachgeschichte gegenübersaßen, pafften beide ihre Zigarren, keiner nahm daran Anstoß. Wobei die Zigarre durchaus auch als Waffe benutzt werden konnte.

Dem ehemaligen deutschen Weltmeister Emanuel Lasker (1894–1921) wurden einmal von einem Verehrer teure Zigarren überreicht, wofür er sich freundlich bedankte, sie (für später!) einsteckte und ungerührt weiter sein billiges, schwarzes Kraut rauchte, was seinem Gegner wiederum nicht so mundete. Dennoch schrieb die „New York Times“: „In einen Hauch von Tabakdunst gehüllt, sieht der Doktor, besonders wenn er sein Knie mit den Händen umfasst hält, wie eine Art Schachgott aus – ein Mann, dessen Ruhe geradezu unmenschlich wirkt.“

Die Ruhe selbst war auch Efim Bogoljubow, ganz anders als sein den Tabak hassender Widersacher Aaron Nimzowitsch, der – Ironie der Geschichte – einmal als Schönheitspreis für eine glänzende Partie 5 000 Zigaretten bekam. Demonstrativ legte „Bogol“ vor ihrer Partie eine riesige Zigarre neben sein Brett, worauf Nimzowitsch erbleichend zum Schiedsrichter lief. Dieser wies ihn darauf hin, dass Bogoljubow gar nicht rauche. Nimzowitsch: „Aber er droht zu rauchen – und die Drohung ist bekanntlich stärker als die Ausführung!“

Doch gelegentlich ist auch eine Ausführung nicht von Pappe. Beim letzten, garantiert rauchlosen Ärzteturnier hatte sich Dr. med. Friedrich Rogowski als Schwarzer gegen den doppelten Angriff auf den Springer f6 mit seinem letzten Zug Dd8-b8 listig und indirekt gewehrt, schließlich hätte nach 1. Dxb8 Txb8 Weiß „nur einen feuchten Lehm“ und 1. Lxf6 Dxf4 verlöre gar die Dame. Doch Dr. med. Karl Steiner als Weißer nun am Zug hatte etwas Durchschlagendes erspäht.

Wie kam’s?

Lösung:

Nach dem Damenopfer 1. Dxf6! gab Schwarz schon auf, weil er nach 1. . . . Lxf6 2. Lxf6+ matt wäre – der Springer e7 nimmt dem schwarzen König das Fluchtfeld g8.

Bei 1. . . . h6 2. Df4 (aber ja nicht 2. Lh4? Lxf6 3. Lxf6+ Kh7!) hxg5 3. Dxg5 (droht 4. Dh4+ und bei 3. . . . Lxb2 setzt 4. Dh6 gleich matt) Kh7 hätte 4. Te4 mit der schrecklichen Drohung 5.Th4+ gewonnen.  

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