ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2013Börsebius: Löcher in den Schuhen

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Börsebius: Löcher in den Schuhen

Dtsch Arztebl 2013; 110(5): A-192 / B-180 / C-180

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Mein lieber Herr Gesangsverein. Ich habe mich schon erschrocken, als das „Handelsblatt“ in den letzten Tagen einen DAX von 10 000 in Aussicht gestellt hat. Nun gut, es ist natürlich noch die Frage, wann der deutsche Aktienindex diese Marke knacken könnte, zumal ich selbst durchaus auch optimistisch bin. Aber vom derzeitigen Stand von 7 700 Punkten bis zum Zehntausender ist es ja wirklich schon eine ganze Menge Holz.

Völlig perplex las ich aber dann in der „Börsen-Zeitung“ folgende Schlagzeile „DAX hat Chance auf 30 000 Punkte.“ Sapperlot! So viel Mut ist selten. Der prognostizierte Kursanstieg für die kommenden (zwölf) Jahre war beileibe auch keine kleine Notiz, sondern breitete sich über eine viertel Seite aus, und die „Börsen-Zeitung“ ist ja schließlich kein Revolverblatt, also muss sich da jemand schon ernste Gedanken gemacht haben. Eigentlich.

Beim weiteren Studium des Artikels offenbart sich dann doch schnell des Pudels Kern, genauer gesagt des Geistes Kind. Ah, ein Chartist hat hier seine Meinung ausgebreitet. Chartisten (vornehmer formuliert: technische Analysten) sind Leute, denen die fundamentalen Daten eines Unternehmens ziemlich egal sind. Sie ziehen aus den bisherigen Kursverläufen grafische Schlüsse, um so Aussagen für den künftigen Kurs einer Aktie zu treffen. Das liest sich dann original so: „Letztlich ist es interessant, dass die sehr langfristige Aufwärtsbewegung mit einem breiten Trendkanal nach einer Phase der Euphorie aus dem Trendkanal Mitte der 90er Jahre dann in eine volatile Seitwärtsbewegung umgeschwenkt ist – mit Ausbildung eines umgekehrten Dreiecks und Re-Break in den Aufwärtstrend-Kanal.“

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Wenn Sie diesen geschwollenen Satz für blühenden Unsinn halten, können Sie durchaus recht haben. Man hätte meines Erachtens auch ebenso gut schreiben können, dass es nachts kälter ist als draußen. Es gibt bis heute keinen vernünftigen wissenschaftlichen Nachweis über die Sinnhaftigkeit von technischen Analysen. Früher, als es die wuseligen Präsenzbörsen noch gab, lästerten die Händler gerne über die Chartisten. Die würden so schlau reden und hätten doch allesamt bloß Löcher in den Schuhen.

Nun sind die Chartisten nicht eine Spezies, die im Börsendschungel nur vereinzelt auftritt und vor der man daher keine Angst zu haben brauchte. Im Gegenteil, technische Analysten gibt es mindestens so viele wie fundamentale. Es kann Ihnen also durchaus passieren, dass Ihnen Ihr Anlageberater eine Aktie genau deswegen zum Kauf empfiehlt, weil eine bestimmte Formation „durchbrochen“ und damit ein Kaufsignal ausgelöst worden sei. Alles dummes Zeug. Da hilft dem Kunden nur noch eines: Die Füße unter die Arme klemmen, Formation einnehmen und nix wie weg. Und am besten nie mehr wiederkommen.

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