ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2013Schlaganfall: „Radikales Umdenken“ in der Forschung nötig

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Schlaganfall: „Radikales Umdenken“ in der Forschung nötig

Dtsch Arztebl 2013; 110(5): A-160 / B-146 / C-146

Zylka-Menhorn, Vera

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Vielleicht müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden: Ein Forscherteam des Universitätsklinikums Frankfurt/Main zeigt, dass vermeintlich schädliche Immunzellen nach einem Schlaganfall nicht für das Absterben von Nervenzellen im Gehirn verantwortlich sind. Die neutrophilen Granulozyten dringen gar nicht erst bis zu den dortigen Nervenzellen vor. Diese Erkenntnisse widerlegen ein gängiges Dogma und eröffnen völlig neue Ansätze für die Behandlung des Schlaganfalls.

Selbst wenn durch rasche Versorgung in einer Stroke Unit die Blutversorgung im betroffenen Gefäß wiederhergestellt wird, sterben in den Tagen nach dem Schlaganfall weitere Nervenzellen im Gehirn ab. Dafür macht man vor allem eine Entzündungsreaktion verantwortlich. Die Zellen des Immunsystems versuchen nach einem Schlaganfall, die toten Gehirnzellen zu entsorgen. Sie wandern dazu aus dem Blutkreislauf in das betroffene Gehirnareal.

Bislang ging man davon aus, dass daran auch die neutrophilen Granulozyten beteiligt sind. Eine neue Studie von Forschern verschiedener Fachdisziplinen (Biochemie, Zellbiologie, Neuroimmunologie, Neuropathologie, Neurologie) zeigt nun, dass das nicht so ist. Sie entwickelten neue immunhistologische Analyseverfahren und haben diese erfolgreich in Tiermodellen sowie postmortal von humanem Gehirngewebe angewendet. Damit gelang ihnen der Nachweis, dass die neutrophilen Granulozyten nach einem Schlaganfall in den Gehirngefäßen „stecken bleiben“ und nicht in das Gewebe wandern.

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Im Gegensatz zur gängigen Lehrmeinung gelangen diese Immunzellen somit gar nicht in die Nähe der Nervenzellen. Diese bisherige Fehlinterpretation führen die Neuropathologen Prof. Dr. med. Michel Mittelbronn und Dr. med. Patrick Harter auf zwei Faktoren zurück: Zum einen gab es bis vor kurzem wenig Möglichkeiten, die neutrophilen Granulozyten von anderen Fresszellen des Immunsystems eindeutig zu unterscheiden. Zum anderen sehen sterbende Nervenzellen den neutrophilen Granulozyten mit gängigen Färbeverfahren zum Verwechseln ähnlich.

Ob die neutrophilen Granulozyten in den Gehirngefäßen letztlich zu einer lokalen Störung der Blut-Hirn-Schranke führen, bleibt nach Angaben der Wissenschaftler noch zu zeigen. Sie fordern allerdings bereits heute ein „radikales Umdenken“ hinsichtlich der Ursachen des Nervenzellsterbens nach einem Schlaganfall. zyl

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