ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2013Privatisierte Hochschulmedizin: Kampf der Kulturen

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Privatisierte Hochschulmedizin: Kampf der Kulturen

Dtsch Arztebl 2013; 110(5): A-153 / B-141 / C-141

Flintrop, Jens

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Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

Es sind zwei Welten, die seit der Privatisierung im Jahr 2006 im Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) aufeinanderprallen: Auf der einen Seite stehen mit den Klinikchefs Hochschullehrer, die in langen Zyklen denken, sich sehr intensiv mit einer Krankheit, deren Diagnostik und Therapie auseinandersetzen und dementsprechend über viele Jahre hinaus ihre Forschungsprojekte verfolgen; meist in derselben Klinik. Auf der anderen Seite gibt es die Geschäftsführer der Rhön-Klinikum AG, die ihren Aktionären quartalsweise positive Nachrichten liefern müssen, stets den aktuellen Börsenkurs im Blick haben und für die es normal ist, sich alle ein, zwei Jahre einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Forschung und auch Lehre sind ihnen vor allem lästig. Zwar ist Rhön nur für die Krankenversorgung im UKGM zuständig, im Alltag lässt sich dies aber kaum trennen.

„Der Kampf der Kulturen in den Kliniken ist für mich der tiefste Grund, warum die Privatisierung von Universitätsklinika nicht funktionieren kann“, sagte Prof. Dr. med. Matthias Rothmund, Dekan des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität Marburg, am 23. Januar beim Forum der Emeritierten der Frankfurter Medizinischen Gesellschaft in Frankfurt am Main.

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Wie unterschiedlich ein privater und ein öffentlicher Betreiber eines Universitätsklinikums ticken, lässt sich gut anhand der in Marburg nicht in Betrieb genommenen Partikeltherapieanlage ablesen. Im Zuge der Übernahme des UKGM hatte sich Rhön verpflichtet, in Marburg eine solche Anlage zur Krebsbekämpfung zu etablieren. Die Tumoren von 2 000 Patienten sollten hier jährlich millimetergenau mit Protonen und Kohlenstoffionen beschossen werden, was für Rhön ein gutes Geschäft gewesen wäre. Als der Hersteller Siemens jedoch ermittelte, dass aus technischen Gründen bis auf weiteres höchstens 400 Patienten pro Jahr in der Anlage behandelt werden könnten, stoppte Rhön das Projekt. Es sei nicht rentabel. Anders die Situation in Heidelberg: Wohl wissend, dass sie zunächst Verluste produzieren werde, nahm das Universitätsklinikum seine Partikeltherapieanlage 2009 in Betrieb – weil man langfristig an den Erfolg der Technologie glaubte und sie den Patienten nicht vorenthalten wollte. Heute schreibt die Anlage eine „schwarze Null“.

Das Aus für die Marburger Partikeltherapie könnte für Rhön übrigens nicht nur wegen der bereits investierten rund 120 Millionen Euro ein teures Ende haben. Schließlich hatte sich der börsennotierte Konzern beim Kauf des UKGM vertraglich gegenüber dem Land Hessen verpflichtet, die Anlage bis Ende 2012 in Betrieb zu nehmen. Anderenfalls hat das Land Anspruch auf die Zahlung einer weiteren Kaufpreistranche in Höhe von 107 Millionen Euro. Ob das Land das Geld jetzt einklagt, ist offen. Und auch eine weitere für den Zuschlag wichtige Zusage von Rhön ist nicht mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurde: So hat der Konzern 2006 freiwillig auf jegliche Investitionszuschüsse des Landes verzichtet. Dem Vernehmen nach sollen in diesem Jahr aber doch 13 Millionen Euro aus Steuermitteln an das UKGM fließen.

Stand Januar 2013 ist die Privatisierung der zuvor fusionierten Universitätsklinika Gießen und Marburg mithin kein Erfolgsmodell. Die Vorgänge am UKGM liefern vielmehr Argumente dafür, dass Hochschulmedizin eine öffentliche Aufgabe sein muss. Um neue Therapien wie die Partikeltherapie zu etablieren, bedarf es mehr Geduld, als es die Geschäftsmodelle der privaten Betreiber zulassen.

Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik

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Avatar #89767
kosmo
am Mittwoch, 6. Februar 2013, 14:21

Das gesamte DRG-Abrechnungsmodell ist falsch

Das gesamte DRG-Abrechnungsmodell ist falsch, wo die Gesundheitsversorgung leistungsorientiert vergütet wird! Die Restproblematik ist sekündär: Chefarztverträtge nach Anzahl der Operationen, viele unnötige Eingriffe usw. Das Beispiel Uniklinikum Gießen und Marburg ist nur der krasseste Fall!

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