ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2013Arzneimittelumstellungen: Sparen lohnt nicht immer

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Arzneimittelumstellungen: Sparen lohnt nicht immer

Dtsch Arztebl 2013; 110(6): A-220 / B-206 / C-206

Fischer, Martina; Bernard, Rudolf; Riedel, Rainer

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Einsparbemühungen führen im Krankenhaus häufig dazu, dass sich die Medikation ändert. Das Krankenhaus rechts der Isar hat ein Modell entwickelt, dass die Kosten solcher Umstellungen gegen die erhofften Einsparungen abwägt.

Foto: your photo today
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Die Krankenhausapotheken in Deutschland stehen im Spannungsfeld, Arzneimittel wirtschaftlich einzukaufen und gleichzeitig höchste pharmazeutische Qualität zu gewährleisten. Damit durch Umstellungen im Sortiment Einsparungen erzielt werden können, müssen die Arzneimittelpreise der Lieferanten laufend geprüft werden. Allerdings bleibt am Ende die Frage meist unbeantwortet, inwieweit die hiermit verbundenen Prozesskosten die mit den fortwährenden Arzneimittelumstellungen generierten Einsparungen kompensieren oder sogar übersteigen.

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Neben den Umstellungen im Zuge von Sparbemühungen sehen sich die Krankenhäuser in den letzten Jahren zunehmend gezwungen, Umstellungen im Sortiment vorzunehmen, weil es bei einzelnen Herstellern zu Lieferengpässen kommt. Sind Generika betroffen, kann das Problem gelöst werden, indem man einen anderen Lieferanten wählt. Bei einem patentgeschützten Arzneimittel muss der Klinikapotheker dagegen in Absprache mit dem ärztlichen Behandlungsteam auf einen anderen Wirkstoff ausweichen. Die Folge für die Patienten: Sie erhalten nicht die bestmögliche Therapie. Außerdem gefährdet jede Umstellung der Medikation die Arznei­mittel­therapie­sicherheit. Dazu kommen die wirtschaftlichen Nebenwirkungen: Den Krankenhausapotheken entsteht ein erheblicher Aufwand bei der Beschaffung von Alternativpräparaten, für die immer ein Aufpreis gezahlt werden muss, und auch auf den Stationen verursacht die Umstellung einen hohen Aufwand.

Um die ökonomischen Folgekosten einer Arzneimittelumstellung im Verhältnis zu den erwarteten Einsparungen betrachten zu können, hat die Krankenhausapotheke des Klinikums rechts der Isar ein Prozessmodell entwickelt. Mit dessen Hilfe kann die Apotheke in jedem Einzelfall festlegen, ob sich eine Umstellung finanziell lohnt. Dabei müssen auch Kosten berücksichtigt werden, die nicht der Apotheke zuzuordnen sind, sondern durch Anpassungsprozesse dort anfallen, wo die Arzneimittel verbraucht werden: auf den Stationen, in den Ambulanzen und in den OPs.

Um die Prozesskosten berechnen zu können, wurden die wesentlichen Schritte bei einer Arzneimittelumstellung festgelegt:

Umstellungen der Medikation sind immer eine Gefahr für die Arznei­mittel­therapie­sicherheit. Foto: your photo today
Umstellungen der Medikation sind immer eine Gefahr für die Arznei­mittel­therapie­sicherheit. Foto: your photo today
  • Das Vergabeverfahren umfasst die Abfrage von Preisen und Konditionen, die qualitative Bewertung des Arzneimittels durch die Apotheke sowie das Abschließen von Verträgen mit Lieferanten und den Kontakt mit dem Außendienst des Pharmaunternehmens.
  • Die Arznei­mittel­kommission legt die Arzneimittelstandards im Krankenhaus fest und entscheidet über Umstellungen, bei denen sich der Wirkstoff ändert.
  • In der Krankenhausapotheke müssen im Zuge einer Arzneimittelumstellung die Artikelstammdaten in der EDV angepasst werden; der Lagerort muss umgebaut werden; die Mitarbeiter in der Apotheke und alle diejenigen, die Arzneimittel verordnen oder verabreichen, müssen informiert werden.
  • Diejenigen Mitarbeiter, die auf den sogenannten Verbrauchsstellen Arzneimittel verordnen oder verabreichen, müssen sich auf veränderte Arzneimittelpackungen und neue Bezeichnungen einstellen. Im Falle einer Wirkstoffumstellung müssen die Mitarbeiter über das neue Therapieregime informiert und gegebenenfalls geschult werden.

Jede Arzneimittelumstellung erhöht das Risiko für die Patienten und wirkt sich so unmittelbar auf die Therapiesicherheit aus. Um die Unterschiede im Risikopotenzial zu werten, wurden im Rahmen des Prozessmodells die Umstellungen in drei Kategorien eingeteilt:

  • Werden wirkstoffgleiche Arzneimittel gegeneinander ausgetauscht, ist die Zeit der Umgewöhnung in der Regel kürzer, denn es ändern sich meist nur der Name des Herstellers sowie das Aussehen der Arzneimittelpackung. In jedem Fall überprüft die verantwortliche Pflegekraft den Beipackzettel auf Änderungen in der Handhabung oder der Dosierung.
  • Mit der Umstellung eines patentgeschützten Arzneimittels auf ein Generikum ändert sich meist der Handelsname. Da auf 80 Prozent der Stationen im Klinikum rechts der Isar die Arzneimittel im Schrank nach Handelsname sortiert sind, ändert sich im Fall einer Umstellung der Lagerort. In der Tagesroutine kommt es dabei häufig vor, dass Pflegekräfte die „Nachfolgeprodukte“ im Arzneimittelschrank nicht finden und ungewollt mehrfach bestellen. Die Schwierigkeit, das ausgetauschte Medikament zu finden, führt zuweilen dazu, dass der behandelnde Stationsarzt in der Apotheke nach einer möglichen Ausweichtherapie fragt, denn das bisher routinemäßig eingesetzte Medikament gilt als nicht verfügbar.
  • Die größten Probleme können sich aus Arzneimittelumstellungen ergeben, bei denen sich der Wirkstoff ändert oder die Applikation, wie zum Beispiel beim Wechsel von Multidose-Ampullen auf Monodose-Fertigspritzen. Solche Umstellungen greifen in die Therapieentscheidung des Arztes ein und verändern die gewohnten Abläufe des Pflegepersonals. Die Mitarbeiter müssen sich im Beipackzettel neu über die genaue Anwendung und Dosierung informieren. Weil eine falsche Arzneimittelgabe oder eine Fehldosierung hohe Risiken für die Patientensicherheit bergen, finden zusätzliche Schulungen für die betroffenen Mitarbeiter statt. Außerdem informiert die Krankenhausapotheke in Rundschreiben umfassend über die Umstellung.

Die Prozesskostenanalyse des Klinikums rechts der Isar hat ergeben, dass im Jahr der Arzneimittelumstellung für generische Umstellungen Kosten von 1 833 Euro angefallen sind, für generische Umstellungen mit Namensänderung 3 805 Euro und für komplexe Umstellungen mit einer Änderung des Wirkstoffs, der Dosierung oder der Applikation 4 690 Euro. Mehr als die Hälfte der Kosten fallen dabei an den Verbrauchsstellen an.

Für die Arzneimittelversorgung der Patienten bedeutet dies, dass Arzneimittelumstellungen im Sinne der Therapiesicherheit sorgfältig vorbereitet werden müssen. Bei Umstellungen, die einzig dem Ziel dienen, die Arzneimittelkosten zu senken, muss den Umstellungskosten ein wirtschaftlich sinnvoller Schwellenwert gegenüberstehen. So muss man zum Beispiel das Einsparpotenzial von 600 Euro jährlich für eine einfache generische Umstellung den Umstellungskosten in Höhe von circa 1 800 Euro gegenüberstellen. Für den verantwortlichen Klinikapotheker stellt sich damit die Frage, ob er sich nicht gegen die Umstellung entscheiden sollte, da die Umstellungskosten in keinem Verhältnis zu den Einsparungen stehen. Entscheidet man sich trotzdem für den Wechsel, dann in dem Vertrauen darauf, dass der Arzneimittelpreis in den nächsten drei Jahren stabil bleibt und sich durch die längere Laufzeit die Umstellungskosten amortisieren.

Martina Fischer, Rudolf Bernard,
Krankenhausapotheke Klinikum rechts der Isar

Prof. Dr. med. Rainer Riedel,
Rheinische Fachhochschule Köln

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0613

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