ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2013Mobile Versorgung: Praxis auf Rädern

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Mobile Versorgung: Praxis auf Rädern

Dtsch Arztebl 2013; 110(6): A-212 / B-198 / C-198

Krüger-Brand, Heike E.

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In der Schweiz bereits Realität: Abgelegene ländliche Gebiete etwa im Großraum Basel werden durch Ärzte versorgt, die in Kleinbussen ihre Patienten aufsuchen, um die medizinische Grundversorgung sicherzustellen (www.mobile-aerzte.ch).
In der Schweiz bereits Realität: Abgelegene ländliche Gebiete etwa im Großraum Basel werden durch Ärzte versorgt, die in Kleinbussen ihre Patienten aufsuchen, um die medizinische Grundversorgung sicherzustellen (www.mobile-aerzte.ch).

Vernetzung und Mobilität sind wesentliche Komponenten einer zukunftsgerichteten Medizin. Ein Beispiel, das mancherorts Schule machen könnte, ist das „DocMobil“.

Was können mobile Lösungen und Telemedizin für eine zukunftsgerichtete Gesundheitsversorgung, die Rationierung vermeiden will, leisten? Darüber diskutierten circa 500 Teilnehmer beim 4. Kongress „Vernetzte Gesundheit“ in Kiel (www.vernetzte-gesundheit.de). Dabei ging es unter anderem um Apps, Social Media, elektronische Patientenakten und Portale sowie um innovative Modellprojekte über Sektoren-, Berufs- und Ländergrenzen hinweg.

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Das Motto „Mobile Gesundheit – Sektoren ade?!“ solle deutlich machen, in welche Richtung die Reise gehen sollte, sagte Kristin Alheit, seit Juni 2012 Sozialministerin des Landes Schleswig-Holstein, in ihrer Eröffnungsrede. „Versorgung muss künftig anders aussehen, sie muss stärker vernetzt, kooperativ und sektorenübergreifend aufgestellt sein“, erklärte die Ministerin. Mobile Gesundheit sei heute schon aus der Versorgung nicht mehr wegzudenken, erst recht nicht in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein. Mehr Flexibilität umfasse dabei auch Telemedizin und Telematik, denn Telemedizin erspare lange Wege und Wartezeiten. Denkverbote bei der Erprobung neuer Versorgungsformen dürfe es dabei nicht geben, betonte Alheit.

Wie viel Mobilität ist möglich und notwendig, um eine qualitativ hochwertige Versorgung auch vor dem Hintergrund des demografischen Wandels zu gewährleisten? Aus Sicht einiger Experten lautet eine mögliche Antwort auf diese Frage, dass sich nicht nur Patienten und Daten bewegen müssen, sondern auch die Ärzte selbst.

Move the Doctor . . .

Im Projekt DocMobil beispielsweise arbeiten derzeit Akteure aus unterschiedlichen Bereichen daran, Patienten im dünn besiedelten Landkreis Dithmarschen an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste künftig mit einem Diagnostik- und Therapiemobil medizinisch zu versorgen. Angestellte Ärzte in wechselnder Besetzung, auch in Teilzeit, könnten dabei die Versorgung übernehmen. Noch ist das Konzept nicht in allen Einzelheiten ausgearbeitet, etwa was die Finanzierung betrifft. Auch gibt es Vorbehalte bei einigen niedergelassenen Ärzten. „Ärzte wollen nicht in einer modernen Campingvariante mobile Medizin betreiben“, erklärte Burkhard Sawade, Kreisvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Schleswig-Holstein. Befürchtet wird auch, dass dadurch der ohnehin schwierige Verkauf eines Praxissitzes unmöglich wird.

Der Vorstandssprecher der Ärztegenossenschaft Nord, Dr. med. Klaus Bittmann, warb hingegen für das Konzept als ein Beispiel dafür, „wie man innovative Verbesserungen im Gesundheitswesen schaffen kann“. Das mit mobilen Geräten wie Ultraschall, EKG, Haut-, HNO- oder Augenarztmodul ausgestattete Fahrzeug könnte nach einem festen Terminplan an festen Standorten für die ländliche Bevölkerung zur Verfügung stehen. Für die technische Wartung und Logistik wäre das Krankenhaus in der Region zuständig.

Chancen für Arzt und Patient

Für viele kleine und entlegene Orte, die keinen Haus- oder Facharzt finden und schon gar keinen Arzt, der auch Hausbesuche macht, wäre das möglicherweise ein Ausweg aus der drohenden Unterversorgung. Anders als das in Brandenburg praktizierte Modell, Patienten in Sammelbussen aufzulesen und zur Arztpraxis zu fahren, kommt eine solche Lösung vor allem behinderten und gebrechlichen Patienten entgegen, die aufwendige Wege nicht mehr bewältigen können und auf diese Weise trotzdem eine (technisch) hochwertige Medizin erhalten. Und auch für den Arzt hätte ein solches Modell Vorteile: „Eine Praxis erfordert hohe Vorhaltekosten für Geräte, Räume und Personal“, erläuterte Dr. med. Stefan Krüger vom Medizinischen Qualitätsnetz Westküste e.V. Zweigpraxen erhöhten die Vorhaltekosten noch. Ein DocMobil könnten sich dagegen mehrere Ärzte teilen, angestellte Ärzte oder Teilzeitkräfte seien gegebenenfalls leichter rekrutierbar. Junge Ärzte in Weiterbildung könnten ebenfalls von dem mobilen Einsatz profitieren.

Ein ähnliches Projekt soll darüber hinaus in diesem Jahr in Niedersachsen starten, berichtete aus dem Auditorium Stefan Hofmann, Geschäftsführer der KV Niedersachsen, Bezirksstelle Braunschweig. An dem Projekt der „rollenden Arztpraxis“ beteiligen sich dort neben der KV der Autokonzern VW, die AOK Niedersachsen und der Landkreis Wolfenbüttel. T-Systems liefert die telemedizinische Ausrüstung. Und in der Schweiz gehören Ansätze wie diese längst zum Alltag. So werden abgelegene ländliche Gebiete, etwa um Basel, durch Ärzte versorgt, die in Kleinbussen ihre Patienten aufsuchen, um die medizinische Grundversorgung sicherzustellen (www.mobile-aerzte.ch).

„Wir müssen uns solchen Möglichkeiten öffnen“, betonte Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Auch wenn dies in der jetzigen ärztlichen Berufsordnung noch nicht vorgesehen sei. „Wir sind durchaus in der Lage, innovativ zu denken, aber Schritt für Schritt. Es würde kein Arzt belangt werden, der sich in so einem Projekt mit betätigt.“

„Die neue Medizin passiert im Internet“, ist der ehemalige Klinikvorstand und Gründer des Bundesverbands Internetmedizin, Dr. med. Markus Müschenich, überzeugt. Die Information habe das Skalpell als das klassische lebensrettende Instrument in der Medizin abgelöst. Den Ärzten erwachse hier eine deutliche Konkurrenz, denn 35 Prozent der Patienten informierten sich inzwischen zunächst im Internet, bevor sie zum Arzt gingen, und viele verzichteten auf den Arztbesuch. Seiner Ansicht nach ist das Gesundheitswesen fortschrittsfeindlich und gegenüber anderen Branchen viel zu langsam. Es handele sich um eine Branche, „die sich auch deswegen um ihren Nachwuchs bringt, weil keiner Lust hat, in so einer altertümlichen Branche zu arbeiten“. Zunehmend seien es kleine branchenfremde, komplett arztfreie Start-up-Unternehmen, die nutzerorientierte Innovationen für das Gesundheitswesen entwickelten. „Die Treiber im Gesundheitswesen sind dabei endlich die Patienten“, erklärte Müschenich.

„Derzeit entwickelt sich geradezu eine Parallelwelt durch Start-ups im Gesundheitswesen“, meinte Christian Lautner, Geschäftsführer des Klinikportals 4QD – Qualitätskliniken.de. Der Mitbegründer des im Jahr 2007 gestarteten Arztsuch- und -bewertungsportals Imedo, damals eines der ersten seiner Art, berichtete über die schwierigen Anfangsjahre: „Erst wurden wir ignoriert, dann hat man gegen uns geklagt und uns mit Hasstiraden verfolgt, und ab 2009 folgten die ersten Einladungen auf Kongresse“, berichtete Lautner. „Innerhalb von fünf Jahren hat sich – von außen – ein Markt entwickelt, der vorher unvorstellbar war.“ Inzwischen gebe es keine große Krankenkasse mehr, die nicht auch über ein Arztbewertungsportal verfüge beziehungsweise daran beteiligt sei.

Die „Mommy-App“ können Gynäkologen künftig interaktiv bei der Betreuung von Schwangeren nutzen. Foto: Markenwerk
Die „Mommy-App“ können Gynäkologen künftig interaktiv bei der Betreuung von Schwangeren nutzen. Foto: Markenwerk

Als strategisches Vorbild für die Modernisierung des Gesundheitswesens dient vielen Experten der Siegeszug des Smartphones als intuitiv bedienbares Werkzeug für Information, Kommunikation und Transaktion und speziell die exponentielle Zunahme von Health-Apps. „Gesundheit ist der am schnellsten wachsende Bereich bei Apps“, meinte Jens Dommel, Microsoft Deutschland. „80 Prozent davon betreffen Information in Form von Ratgebern, Lexika et cetera.“ Die Einsatzmöglichkeiten beispielsweise für Prävention, Coaching oder die Arzt-Patienten-Kommunikation seien vielfältig. Hinzu kommen die Verbindung von App und medizintechnischem Gerät (Blutdruckmessgerät, Waage) sowie die Verteilung der Information beziehungsweise die Verbindung mit Community-Funktionen (Beispiel: gemeinsames Abnehmen).

Immerhin greifen zunehmend auch Ärzte die Möglichkeiten des Smartphones auf. So berichtete die Vorsitzende des Landesverbands Schleswig-Holstein des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V., Doris Scharrel, von einer App für Schwangere, die der Berufsverband zur ärztlichen Begleitung dieser Patientengruppe derzeit entwickelt. Mit der App wolle der Verband zusätzlich zum Mutterpass dem erhöhten Beratungsbedarf der Patientinnen Rechnung tragen, erläuterte Scharrel. Die werbefreie „Mommy-App“ zur Unterstützung für den Arzt und die Schwangere werde interaktiv nutzbar sein. Inhalte der App, die im Frühjahr für iPhones und auch Android-Smartphones erhältlich sein soll, sind unter anderem ein Ereigniskalender, eine Dokumentation zur Unterstützung des Frauenarztbesuchs sowie die Verlinkung auf die Verbandswebsite unter www.frauenaerzte-im-netz.de, wo dies medizinisch sinnvoll ist.

Heike E. Krüger-Brand

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