ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013Facharztvertrag Psychotherapie, Neurologie, Psychiatrie in Baden-Württemberg: Polarisierender Selektivvertrag

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Facharztvertrag Psychotherapie, Neurologie, Psychiatrie in Baden-Württemberg: Polarisierender Selektivvertrag

PP 12, Ausgabe Februar 2013, Seite 55

Bühring, Petra

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Das Modul Psychotherapie des Facharztvertrags von Medi, AOK, Bosch-BKK und Berufsverbänden läuft seit Juli vergangenen Jahres. Jetzt werden auch Psychiater und Neurologen miteinbezogen.

Die noch fehlenden Module Neurologie und Psychiatrie des sogenannten PNP-Vertrags in Baden-Württemberg (BW) sind zu Jahresbeginn gestartet – wenngleich die angestrebte Flächendeckung noch nicht in allen Regionen erreicht wurde. PNP steht für Psychotherapie, Neurologie und Psychiatrie – das Modul Psychotherapie des Selektivvertrags nach § 73 c SGB V, den die AOK Baden-Württemberg, die Bosch-BKK und Medi mit einigen Berufsverbänden abgeschlossen haben, läuft in Teilen bereits seit Juli 2012. Nun sollen sich auch Neurologen und Psychiater finden, die im Kollektivvertragssystem unzufrieden sind.

Beworben wird der PNP-Vertrag bei den Patienten mit deutlich schnelleren Terminen für psychisch Kranke (siehe „Erstgespräch in drei Tagen“, PP 11/2011) und einer strukturierteren Behandlung durch besseren Austausch zwischen Hausärzten, Fachärzten und Psychotherapeuten. Denn die Patienten müssen in dem Hausarztvertrag zwischen den Krankenkassen und Medi eingeschrieben sein. Die Leistungserbringer profitieren unter anderem von mehr Honorar, die Leistungsanreize liegen auf den ersten Sitzungen, was die Annahme neuer Patienten fördern soll. Auch das von vielen Psychotherapeuten kritisierte Gutachterverfahren entfällt. Psychiatrische und neurologische Versorgerpraxen mit vielen Patienten sollen künftig vom Wegfall von Fallzahl- und Budgetgrenzen profitieren. „Jede erbrachte Leistung wird auch bezahlt“, betont Medi-Vorsitzender Dr. Werner Baumgärtner.

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Nach Angaben der AOK nehmen derzeit 420 Ärzte und Psychotherapeuten aus allen Regionen des Landes an dem Modul Psychotherapie teil, darunter auch Hausärzte und Psychiater, die psychotherapeutisch arbeiten. In den Städten seien es erwartungsgemäß mehr als auf dem Land. Die AOK bezeichnet dies als „nahezu flächendeckend“. Insgesamt gibt es in BW 2 331 Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten sowie 856 ärztliche Psychotherapeuten.

„Die ärztlichen und psychotherapeutischen Berufsverbände sind von den Vorteilen des PNP-Vertrags überzeugt“, heißt es in einer Pressemitteilung der AOK weiter. Tatsächlich gehen die Meinungen darüber weit auseinander. Rolf Wachendorf, Psychologischer Psychotherapeut in Esslingen und Initiator der PNP-Vertrags, ist sehr zufrieden mit dem Anlaufen des Moduls Psychotherapie. Die Stimmung unter den teilnehmenden Kollegen sei sehr gut, sagt er, denn der Vertrag sei „ein Lichtblick in Bezug auf die Honorierung“. Begrüßen würden die Kollegen durchweg auch, „dass sie keine Anträge an den Gutachter mehr schreiben müssen“.

Gute Praxisorganisation sehr wichtig im PNP-Vertrag

Für die Versicherten sei die zeitnahe Versorgung ein „Riesenvorteil“. „Manchmal klingeln Menschen hier direkt an der Tür, und wir können dann gleich einen Termin für den nächsten Morgen geben“, berichtet Wachendorf. Ausschlaggebend für ein gutes Gelingen der Versorgung im PNP-Vertrag sei auf jeden Fall eine gute Praxisorganisation. Wachendorf selbst hat vier Angestellte, er behandelt die Hälfte der Patienten innerhalb des PNP-Vertrags. Von Kollegen weiß er, dass sie extra für PNP Psychotherapeuten in ihrer Praxis angestellt haben.

Nicht nur der Punkt der Anstellungen behagt den Kritikern des PNP-Vertrages nicht. „Darf mit Anstellungen ein hochproblematischer Vertrag an den sonst restriktiven Regelungen von Zulassungs- und Leistungsausweitungsgrenzen vorbei künstlich zum Laufen gebracht werden?“, fragt Psychotherapeut Jürgen Doebert, im Vorstand des Bundesverbandes der Vertragspsychotherapeuten (bvvp). Er kritisiert zudem, dass, um das im Vertrag festgelegte Quorum von 400 Therapeuten zu erfüllen, auch Psychiater und Hausärzte miteinbezogen worden seien, die bisher Psychotherapie nur geringfügig ausgeübt hätten.

Add-on-Verträge statt kollektivvertragsersetzende

Der bvvp lehnt ebenso wie die Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten und die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie kollektivvertragsersetzende Selektivverträge wegen der „substanziellen Schwächung des KV-Systems“ ab. Die Verbände versuchen gerade in Verhandlungen mit Krankenkassen in Baden-Württemberg eine bessere Versorgung durch Add-on-Verträge zu erreichen. Außerdem suggeriere der PNP-Vertrag, dass mit kürzeren Behandlungszeiten ausreichende Erfolge zu erzielen seien und der Gewinn an Zeit einer größeren Anzahl von bisher unversorgten Patienten zur Verfügung gestellt werden könne. Das diskreditiere die Arbeit von Patienten und Therapeuten, die sich auf eine die tieferliegenden Ursachen ausgerichtete Behandlung eingelassen haben, kritisieren die drei Verbände mit überwiegend psychoanalytisch arbeitenden Mitgliedern.

Petra Bühring

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