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Barmer-GEK-Arztreport 2013: „Generation ADHS“ wächst heran

PP 12, Ausgabe Februar 2013, Seite 64

Richter-Kuhlmann, Eva

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ADHS-Diagnosen und Ritalin-Verordnungen boomen, stellten Epidemiologen aus Hannover fest. Sie fanden auch erstmals elternabhängige Ursachen.

Etwa sieben Prozent der elfjährigen Jungen in Deutschland wird Methylphenidat verordnet. Foto: dpa
Etwa sieben Prozent der elfjährigen Jungen in Deutschland wird Methylphenidat verordnet. Foto: dpa

Zappelphilippe gibt es offenbar immer häufiger. Zumindest diagnostizieren Ärzte in Deutschland bei immer mehr Kindern und Jugendlichen Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS). Dem Arztreport 2013 der Barmer-GEK zufolge stieg die Zahl diagnostizierter Fälle zwischen 2006 und 2011 um 42 Prozent, und zwar von 2,92 auf 4,14 Prozent der unter 19-Jährigen. In dieser Altersgruppe erhielten 2011 etwa 472 000 Jungen und 149 000 Mädchen die Diagnose ADHS.

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In der bundesweiten Verlaufsbetrachtung erhöht sich der Anteil noch einmal: So waren fast 20 Prozent aller Jungen, die im Jahr 2000 geboren wurden, zwischen 2006 und 2011 von einer ADHS-Diagnose betroffen. Bei den Mädchen dieses Jahrgangs waren es 7,8 Prozent „ADHS-Kinder“.

Gleichfalls hoch sind dem Report zufolge die Verordnungsraten von Ritalin (Methylphenidat). So wurde im Jahr 2011 das Medikament an circa 336 000 Personen verschrieben. Die höchsten Verordnungsraten findet man bei Kindern im Alter von elf Jahren. In diesem Alter erhielten 2011 etwa sieben Prozent der Jungen und zwei Prozent der Mädchen das Medikament. Im Laufe der Kindheit und Jugend dürften damit schätzungsweise 10 Prozent aller Jungen und 3,5 Prozent aller Mädchen mindestens einmal Methylphenidat erhalten.

Es gibt therapeutische Alternativen zu Ritalin

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Barmer-GEK, Rolf-Ulrich Schlenker, zeigte sich besorgt über diese Entwicklung. „Dieser Anstieg erscheint inflationär. Wir müssen aufpassen, dass die ADHS-Diagnostik nicht aus dem Ruder läuft und wir eine ADHS-Generation fabrizieren“, betonte Schlenker. Pillen gegen Erziehungsprobleme seien der falsche Weg: Ritalin dürfe nicht per se das Mittel der ersten Wahl sein, zumal es therapeutische Alternativen, wie Verhaltens- und Ergotherapie gebe. Es komme auf „trennscharfe Diagnosen“ an.

Besonders hohe Diagnoseraten sind zum Ende des Grundschulalters vor dem Übergang auf weiterführende Schulen zu verzeichnen, berichteten die Reportautoren Dr. Thomas G. Grobe und Prof. Dr. Friedrich W. Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung in Hannover. Dies könne unter anderem auch die Erwartungshaltungen und den Druck der Eltern widerspiegeln, vermuten sie.

Die Wissenschaftler aus Hannover konnten erstmals elternabhängige Ursachen ausmachen: Demnach sinkt mit steigendem Ausbildungsniveau der Eltern das Risiko der Kinder für ADHS. Kinder arbeitsloser Eltern sind häufiger von der Störung betroffen, ADHS wird bei Kindern von Gutverdienern tendenziell seltener diagnostiziert. Auch gibt es Hinweise darauf, dass Kinder jüngerer Eltern ein höheres Risiko haben als diejenigen von Eltern mittleren Alters. „Ob das an einer größeren Gelassenheit von Eltern im fortgeschrittenen Alter liegt oder an Erziehungsproblemen jüngerer, bleibt offen“, sagte Schlenker.

Empört über die aus dem Arztreport gezogenen Schlüsse zeigte sich indes der Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland, Dr. med. Maik Herberhold. Er verwies darauf, dass bislang nur Krankenkassen in Baden-Württemberg, Bremerhaven und Nordrhein einen Vertrag zur Verbesserung der Versorgung von ADHS-Patienten entsprechend des Mustervertrags der Kassenärztlichen Bundesvereinigung unterschrieben hätten. In diesem Vertrag wird eine Verbesserung der Diagnostik und Therapie durch Teambildung von Kinder- und Jugendpsychiatern, Kinderärzten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten geregelt.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

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