ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013Internetrecherche bei Gesundheitsfragen: Phänomen „Cyberchondrie“

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Internetrecherche bei Gesundheitsfragen: Phänomen „Cyberchondrie“

PP 12, Ausgabe Februar 2013, Seite 78

Eichenberg, Christiane; Wolters, Carolin

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Erste Studien beschäftigen sich mit den Einflüssen medizinischer Internetangebote auf die Angst vor Krankheit ihrer Nutzer: Hypochondrische Menschen können dadurch bestärkt werden. Die meisten profitieren jedoch von den Informationen.

Mehr als 63 Prozent der Internetnutzer greifen bei Gesundheitsfragen auf das Netz zurück. Foto: dpa
Mehr als 63 Prozent der Internetnutzer greifen bei Gesundheitsfragen auf das Netz zurück. Foto: dpa

Der Begriff der Hypochondrie wurde bereits in der Antike geprägt und bezeichnet die andauernde Beschäftigung mit der Möglichkeit, an einer ernsthaften Krankheit zu leiden. Laut ICD-10 (11) geht eine hypochondrische Störung mit der Interpretation körperlicher Wahrnehmungen als abnorm sowie der Manifestation körperlicher Symptome einher.

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Die Beschäftigung mit gesundheitlichen Problemen findet heutzutage zunehmend auch im Internet statt. Einer bevölkerungsrepräsentativen Studie (2) zufolge greifen 63,5 Prozent der deutschen Internetnutzer bei Gesundheitsfragen auf das Internet zurück. Die Möglichkeiten, sich gesundheitsbezogene Informationen zu beschaffen, reichen dabei von generellen Suchmaschinenrecherchen über Internetforen, in denen sich Laien untereinander oder mit Experten austauschen können, bis hin zu Gesundheitsportalen, die spezifische Gesundheitsinformationen aufbereiten. In einer Telefonbefragung in den USA waren 86 Prozent der Teilnehmer der Meinung, ihren Informationsbedarf bei bisherigen Gesundheitsrecherchen im Internet gedeckt zu haben (3).

Sorgen um die Gesundheit können intensiviert werden

Doch obwohl die Recherche in vielen Fällen hilfreich sein kann, birgt die Suche im Internet die Gefahr einer Intensivierung gesundheitlicher Sorgen. Dieses Phänomen wurde bereits als „Cyberchondrie“ bezeichnet (4) und definiert sich als eine unbegründete Angst oder erhöhte Aufmerksamkeit auf ernste Krankheiten, die auf der Zurkenntnisnahme von Webinhalten basiert.

Erst wenige Studien beleuchten den Einfluss von individuellen medizinischen Online-Recherchen auf das Gesundheitsverhalten. Einer US-amerikanischen Online-Studie zufolge (5) wächst mit steigender Gesundheitsangst der Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Onlinerecherchen und Terminvereinbarungen bei Ärzten. Personen mit einem geringen Ausmaß an Gesundheitsangst, die häufig gesundheitsbezogene Recherchen im Internet durchführen, hatten demnach im Jahr vor der Befragung signifikant seltener einen Arzt aufgesucht als Personen mit einer stärker ausgeprägten Gesundheitsangst.

In einer weiteren Studie zu Cyberchondrie wurden die Nutzungsdaten einer Suchmaschine analysiert sowie eine Umfrage unter 515 Angestellten der Firma Microsoft durchgeführt. Dabei gaben 38,4 Prozent der Teilnehmer an, bereits einen Angstanstieg infolge einer gesundheitsbezogenen Internetrecherche erlebt zu haben. Die Analyse der Nutzungsdaten ergab zudem, dass die Intensivierung von Gesundheitsrecherchen bei sechs von sieben Teilnehmern mindestens einmal zu einer angstbedingten Unterbrechung von Online- und weiteren Aktivitäten führte. Sieben von zehn Personen, die solche Recherchen durchführten, informierten sich auch noch Wochen und Monate später online über (ihre vermeintlich) schweren Erkrankungen.

Eine erste Befragungsstudie in Deutschland (6) richtete sich an die Nutzer verschiedener Gesundheitsforen im Internet. Mit Hilfe eines selbst entwickelten Fragebogens und der Illness Attitudes Scale in deutscher Übersetzung (7) zur Erfassung klinisch relevanter Gesundheitsängste sollten die Nutzer von Gesundheitsangeboten im Internet charakterisiert werden. Ziel war, verschiedene Nutzungsmuster und deren Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten und die individuell erlebten Gesundheitsängste zu identifizieren. Unter den 471 Teilnehmern, die aus insgesamt 180 Foren rekrutiert wurden, waren bei einem Durchschnittsalter von 40 Jahren mehr als 80 Prozent weiblich. Die Befragten scheinen mit dem medizinischen Versorgungsangebot in ihrer Umgebung insgesamt zufrieden zu sein und dieses generell gut zu nutzen: 80,2 Prozent der Teilnehmer hatten im vergangenen Jahr aufgrund einer vorübergehenden oder chronischen Erkrankung einen Arzt aufgesucht. Gesundheitsinformationen im Internet scheinen demnach eine Ergänzung zur Inanspruchnahme traditioneller Versorgung zu sein.

Menschen mit Hypochondrie nutzen häufiger das Internet

Als hypochondrisch ließen sich gemäß der Illnes Attitudes Scales gut zehn Prozent der Befragten einstufen, während sich knapp 15 Prozent der Gruppe „Verdacht auf Hypochondrie“ zuordnen lassen. Der Anteil gesundheitsängstlicher Personen scheint somit unter den Nutzern gesundheitsbezogener Online-Angebote deutlich höher zu liegen als in der Allgemeinbevölkerung, in der eine Prävalenz von 6,7 Prozent für Hypochondrie angenommen wird (8). Die als hypochondrisch klassifizierten Nutzer suchen dabei nach eigenen Angaben signifikant häufiger im Internet nach eigenen akuten und chronischen Symptomen und Beschwerden anderer (zum Beispiel von Familienangehörigen) als nicht hypochondrische Nutzer.

Insgesamt gaben die Befragten an, gesundheitsbezogene Foren am häufigsten aufzusuchen. Andere Gesundheitsdienste im Internet wie zum Beispiel Online-Enzyklopädien, Websites von Pharmaherstellern, professionelle Gesundheitsportale oder Online-Beratungsangebote von medizinischen Experten sind als Ratgeber bei Gesundheitsfragen dem Austausch mit anderen (betroffenen) Laien also nachgeordnet. Gesundheitsängstliche Nutzer konsultieren dabei alle der abgefragten Gesundheitsangebote häufiger als Personen mit gering ausgeprägter Gesundheitsangst.

Auch bezüglich der eingeschätzten Informationsqualität zeigten sich Unterschiede: Als hypochondrisch eingestufte Personen schätzten die Informationsgüte verschiedener Internetseiten zur Gesundheit höher ein als die weniger Gesundheitsängstlichen. Im Allgemeinen wurden professionelle Gesundheitsportale, Online-Beratungen sowie der Austausch mit anderen Betroffenen als verlässlicher bewertet als beispielsweise Videoportale oder Online-Diagnosesysteme. Letztere scheinen bei gesundheitlichen Fragen sogar eine beunruhigende Wirkung auf Internetnutzer zu haben. Dahingegen wurden beispielsweise Online-Beratungen, aber vor allem der Austausch mit anderen Betroffenen in Foren als Ängste lindernd beschrieben.

Des Weiteren wurden mögliche Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten infolge einer Internetrecherche nach Gesundheitsproblemen erfragt. Die wahrscheinlichste Reaktion stellt das Aufsuchen eines Arztes dar. Ebenfalls wahrscheinlich sei ein Gespräch mit Angehörigen oder Freunden, während das Unterlassen ungesunder Verhaltensweisen als eher unwahrscheinlich eingeschätzt wurde. Destruktive Selbstbehandlungsmaßnahmen wie das Bestellen von Medikamenten oder die Intensivierung gesundheitsbezogener Online-Aktivitäten wurden von gesundheitsängstlichen Personen als wahrscheinlicher eingeschätzt.

Mit dem Phänomen der Cyberchondrie wird derzeit die Diskussion über problematische Bereiche des Netzes, wie beispielsweise Internetsucht oder Plattformen, über die sich Jugendliche über Suizid oder Anorexie austauschen (9, 10), erweitert. Erste einschlägige Studien belegen, dass die Recherche nach gesundheitsbezogenen Informationen in der Tat hypochondrische Ängste verstärken und negative Auswirkungen auf das Gesundheitsverhalten haben kann. Die meisten Menschen profitieren jedoch von den leicht zugänglichen Informationen im Internet, wobei eine entsprechende Recherche sogar eine beruhigende Wirkung auf gesundheitliche Sorgen haben kann. Somit sind komplexe Bedingungsgefüge anzunehmen, wie ein moderierender Effekt von Gesundheitsangst auf den Zusammenhang zwischen Internetrecherchen und gesundheitsbezogenem Verhalten. Aber auch bei dysfunktionalen Wechselwirkungen ist das Internet weniger als Auslöser einer Störung, sondern vielmehr als Ausdrucksform oder möglicher Verstärker bereits vorhandener Tendenzen zu sehen. Weitere Untersuchungen im Bereich der Cyberchondrie sollten es sich daher zum Ziel setzen, mögliche Faktoren eines dysfunktionalen Umgangs mit gesundheitsrelevanten Informationen aufzudecken und nicht mögliche Effekte des Internets global zu problematisieren.

Traditionelle Arzt-Patient- Beziehung verändert sich

In der täglichen Sprechstunde sollten Ärzte internetbasierte Gesundheitsrecherchen von sich aus thematisieren und vor allem bei entsprechend hypochondrisch dispositionierten Patienten die negativen Auswirkungen der Selbstrecherchen problematisieren. Insgesamt müssen Ärzte heutzutage darauf vorbereitet sein, dass sich Patienten Informationen aus dem Internet beschaffen. Dass der „internetinformierte Patient“ dabei die traditionelle Arzt-Patient-Beziehung verändert, ist evident. Bei gesundheitsängstlichen Patienten wird der Arzt gegebenenfalls mehr Konsultationszeit darauf verwenden müssen, um auf die auf den Online-Informationen beruhenden Ängste einzugehen. Insgesamt sollte die ärztliche Gesprächsführung aber auch hier den grundsätzlichen Empfehlungen im Umgang mit somatoformen Patienten folgen (die entsprechende S3-Leitlinie, 11).

Priv.-Doz. Dr. phil. Christiane Eichenberg

B. Sc. Carolin Wolters

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/lit0213

1.
Dilling H, Mombour W, Schmidt MH: Internationale Klassifizierung der psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. Bern: Huber 2011.
2.
Eichenberg C, Brähler E: Das Internet als Ratgeber bei psychischen Problemen: Eine bevölkerungsrepräsentative Befragung in Deutschland. Psychotherapeut 2012. DOI 10.1007/s00278–012–0893–0.
3.
Taylor H: Cyberchondriacs on the Rise? The Harris Poll® #95, August 4th, 2010.
4.
White RW, Horvitz E: Cyberchondria: Studies of the escalation of medical concerns in Web search. ACM Transactions on Information Systems (TOIS) 2009; 27: 1–23. CrossRef
5.
Eastin MS, Guinsler NM: Worried and Wired: Effects of Health Anxiety on Information-Seeking and Health Care Utilization Behaviors. CyberPsychology & Behavior 2006; 9(4): 494–8. CrossRef MEDLINE
6.
Eichenberg C: Gesundheitsängste und Internet. In HW Hoefert, C Klotter (Hrsg.), Gesundheitsängste (239–63). Lengerich: Pabst Science Publishers 2012. MEDLINE
7.
Hiller W, Rief W: Internationale Skalen für Hypochondrie: Deutschsprachige Adaption des Whiteley-Index (WI) und der Illness attitude scales (IAS); Manual. Bern: Huber 2004.
8.
Bleichhardt G, Hiller W: Hypochondriasis and health anxiety in the German population. British Journal of Health Psychology 2007, 12: 511–23. CrossRef MEDLINE
9.
Sueki H, Eichenberg C: Suicide Bulletin Board Systems. Comparison Between Japan and Germany. Death Studies 2012; 36: 565–80. CrossRef
10.
Eichenberg C, Flümann A, Hensges K: Pro-Ana-Foren im Internet: Befragungsstudie ihrer Nutzerinnen. Psychotherapeut 2011; 6: 492–500. DOI 10.1007/s00278–011–0861–0.
11.
Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM) und Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) (2012). S 3 Leitlinie „Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden“. [Online] www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051–001.html (28.07.2012).
1.Dilling H, Mombour W, Schmidt MH: Internationale Klassifizierung der psychischer Störungen: ICD-10 Kapitel V (F). Klinisch-diagnostische Leitlinien. Bern: Huber 2011.
2.Eichenberg C, Brähler E: Das Internet als Ratgeber bei psychischen Problemen: Eine bevölkerungsrepräsentative Befragung in Deutschland. Psychotherapeut 2012. DOI 10.1007/s00278–012–0893–0.
3.Taylor H: Cyberchondriacs on the Rise? The Harris Poll® #95, August 4th, 2010.
4.White RW, Horvitz E: Cyberchondria: Studies of the escalation of medical concerns in Web search. ACM Transactions on Information Systems (TOIS) 2009; 27: 1–23. CrossRef
5.Eastin MS, Guinsler NM: Worried and Wired: Effects of Health Anxiety on Information-Seeking and Health Care Utilization Behaviors. CyberPsychology & Behavior 2006; 9(4): 494–8. CrossRef MEDLINE
6.Eichenberg C: Gesundheitsängste und Internet. In HW Hoefert, C Klotter (Hrsg.), Gesundheitsängste (239–63). Lengerich: Pabst Science Publishers 2012. MEDLINE
7.Hiller W, Rief W: Internationale Skalen für Hypochondrie: Deutschsprachige Adaption des Whiteley-Index (WI) und der Illness attitude scales (IAS); Manual. Bern: Huber 2004.
8.Bleichhardt G, Hiller W: Hypochondriasis and health anxiety in the German population. British Journal of Health Psychology 2007, 12: 511–23. CrossRef MEDLINE
9.Sueki H, Eichenberg C: Suicide Bulletin Board Systems. Comparison Between Japan and Germany. Death Studies 2012; 36: 565–80. CrossRef
10.Eichenberg C, Flümann A, Hensges K: Pro-Ana-Foren im Internet: Befragungsstudie ihrer Nutzerinnen. Psychotherapeut 2011; 6: 492–500. DOI 10.1007/s00278–011–0861–0.
11.Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e.V. (DGPM) und Deutsches Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) (2012). S 3 Leitlinie „Umgang mit Patienten mit nicht-spezifischen, funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden“. [Online] www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051–001.html (28.07.2012).

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