ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013Zwangsbehandlung: Klar definierte Grenzen sind unerlässlich
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Es ist sehr gut, dass die aktuelle Diskussion um Zwangsbehandlung in der Psychiatrie dargestellt wird. Ich arbeite als Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik und muss sagen, dass der jetzige Zustand für manche Patienten lebensbedrohend ist und für andere eine unhaltbare Verlängerung beziehungsweise Verschlimmerung ihres Leidens bedeutet.

Selbstverständlich ist das Selbstbestimmungsrecht eines Menschen fast schon das höchste Grundrecht; höher ist aber das Recht zu leben, genauer gesagt: menschenwürdig zu leben. Beides ist mitunter durch psychische Erkrankungen bedroht, und nicht immer erkennen die Betroffenen im Krisenfall, dass sie durch therapeutische Maßnahmen eine gute Chance haben, in ein lebenswertes Leben zurückzukehren. Wenn jemand krankheitsbedingt sich selbst und die Welt verzerrt sieht, kann die Möglichkeit zur Selbstbestimmung durch die Krankheit bedroht sein. Therapeutische Maßnahmen sollten dann nicht mehr als Verletzung des Selbstbestimmungsrechts angesehen werden; im Gegenteil: Sie tragen dazu bei, dieses wiederherzustellen. Muss man nicht davon ausgehen, dass ein Mensch normalerweise leben und auch keine großen Qualen erdulden möchte? . . .

Ich habe manche Patienten erlebt, die vorübergehend ohne ihre Zustimmung behandelt wurden, weil anders ihre Gesundheit oder ihr Leben nicht zu retten waren. Selten habe ich hinterher, wenn die akute Phase der Erkrankung abgeklungen war, Klagen über solche Maßnahmen gehört. Mit anderen Worten: Die meisten Patienten können im Nachhinein sehr wohl erkennen, dass die vorübergehende formale Außerkraftsetzung ihrer Selbstbestimmung den übergeordneten Wunsch nach Leben mit möglichst wenig Leiden gedient hat.

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Ich kann für unsere Patienten nur hoffen, dass für solche Behandlungen bald die Rechtsgrundlage geschaffen wird. Unerlässlich sind dabei sehr enge, klar definierte Grenzen. Wenn Politiker dies nicht zulassen wollen, möchte ich sie zu einem Praktikum in einer psychiatrischen Klinik auffordern. Was die selbst ernannten Patientenvertreter anbelangt, bin ich ratlos; Ideologien sind therapieresistente psychische Störungen . . .

Dr. Wolfgang Wiegmann, 76865 Rohrbach

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