ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013Zwangsbehandlung: Fast alle Patienten sind dankbar
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Ich bin selbst Kinder- und Jugendpsychiater und Psychotherapeut und möchte Folgendes zu bedenken geben. Ist es ethisch und moralisch zu vertreten, dass jemand, der im Rahmen seiner Erkrankung keine Einsicht in eine Behandlungsnotwendigkeit zeigt, nicht effektiv behandelt werden kann, aber gegen seinen Willen eingeschlossen wird? Würde zum Beispiel eine schwere, wahnhafte Psychose nicht unter solchen Bedingungen noch an Akuität zunehmen? Ist es tatsächlich im Sinne der Menschenwürde, Menschen, die nicht verantwortlich für sich handeln können aufgrund von Krankheit, Verantwortung abzunehmen? Ich bin sehr für die freie Entscheidung von Menschen, glaube aber, dass es Situationen gibt, wo es verantwortungslos ist, Menschen sich selbst zu überlassen, wenn sie nicht in der Lage sind, wirklich frei für sich entscheiden zu können. Es ist daher aus meinem ärztlich-ethischen Verständnis heraus zwingend notwendig, eine Rechtsgrundlage zu schaffen, die eine schnelle und effektive Behandlung auch in den Situationen zulässt, wo ganz klar ein Patient nicht in der Lage ist, für sich zu entscheiden. Meine Erfahrung ist, dass fast alle Patienten später dankbar sind, dass ihnen Verantwortung abgenommen wurde zu einem Zeitpunkt, an dem sie nicht verantwortlich und frei für sich entscheiden konnten.

Giulio Calia, Klinik Walstedde, 48317 Drensteinfurt

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