ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013Psychoanalyse: Enorm fruchtbare Affektforschung

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Psychoanalyse: Enorm fruchtbare Affektforschung

PP 12, Ausgabe Februar 2013, Seite 87

Moser, Tilmann

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In Sachen psychoanalytischer Neurosenlehre ist der freudianische Lehranalytiker Rainer Krause fast als Allround-Theoretiker zu bezeichnen. Nun ist sein großes Lehrbuch nach fast zwei Jahrzehnten in erweiterter Neuauflage erschienen und rundum zu begrüßen. Man darf ihn außerdem als enorm fruchtbaren Affektforscher feiern. Zu den sogenannten Primäraffekten Freude, Trauer, Wut, Ekel, Überraschung, Furcht, Verachtung hat er nicht nur so präzise wie einfühlsam jeweils kleine Artikel geschrieben, sondern sie auch höchst anschaulich und amüsant bebildert, teilweise sogar mit seinem eigenen Porträt in verschiedenen Gefühlszuständen.

Er erläutert die Funktion von Affekten im Signalsystem menschlicher Kommunikation, ihren „Appellcharakter“, weil sie ja, abgesehen von ihrem „seelischen Ereignis“ für die Betroffenen, immer auch kommunikative Botschaften enthalten. So schon beim Säugling, wenn es ihm gelingt, durch seinen gestischen Ausdruck die Mutter zu den notwendigen Pflege- und Zuwendungsleistungen zu motivieren. Und sie spiegelt ihm ihren eigenen Antwort-Affekt zurück, sowohl in vielen präverbalen Äußerungen als auch mit sprachlichen Benennungen, was zu einer auch verbalen Affekt-Erkennung beim Kleinkind führt. Selten kann man so einfühlsame Sätze zur „Affektabstimmung“ als dem Ergebnis des Gefühlsdialogs lesen, die Grundlage jeder Beziehungsregulation, vom intrauterinen Zustand bis zur nur noch gehauchten emotionalen Verlautbarung des Sterbenden.

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Krause diskutiert auch die komplizierten Zusammenhänge zwischen Biologie, Triebstruktur des Menschen und der Verwandlung von Trieben in erkennbare Bedürfnisse und Wünsche. Ein literarisches Schmuckstück sind seine Bemerkungen zum Thema „Verachtung“: „Die Verachtung ist im therapeutischen Kontext deshalb einer der wichtigsten Affekte, weil er fast immer gut versteckt auftritt . . . Die Patienten fürchten die offene Wut, weil sie sicher sind, der Therapeut sei so kränkbar, dass er eine solche ,Insubordination’ mit den massivsten Mitteln niederschlagen würde. Dass der die Verachtung nicht merkt, ist ein weiterer Grund, sie zu steigern.“ Tilmann Moser

Rainer Krause: Allgemeine psychodynamische Behandlungs- und Krankheitslehre. Grundlagen und Modelle. Kohlhammer, Stuttgart 2012, 449 Seiten, kartoniert, 39,90 Euro

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