ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013Psychotraumatologie: Nachlesen, Nachdenken, Weiterdenken

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Psychotraumatologie: Nachlesen, Nachdenken, Weiterdenken

PP 12, Ausgabe Februar 2013, Seite 84

Breitenbach, Gaby

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Von der zwölften Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Psychotraumatologie im März 2010 ist nun mit dem gleichnamigen Titel ein Tagungsband erschienen. Die Herausgeber legen dabei Wert darauf zu betonen, dass die Disziplin der Psychotraumatologie einer Vernetzung von Klinik, Forschung und Politik mit therapeutischer Versorgung und Öffentlichkeitsarbeit bedarf, um erfolgreich zu wirken und sich immer weiter zu entwickeln.

Das Buch nähert sich dem Trauma aus unterschiedlichen Perspektiven. Beiträge zu Neurobiologie, Epigenetik und Genetik gestalten ein erstes Drittel des Buches. Beginnend mit einer vergleichenden Betrachtung von Depression und PTBS sowie entsprechenden disponierenden Faktoren und Wechselwirkungen, beschreiben Grabe und Mahler interessante Erkenntnisse zur Belastungsverarbeitung und den Folgen von traumatischem Stress. Der Gen-Umwelt-Interaktion wird hierbei besonders Rechnung getragen. Yehudas Beitrag zur intergenerationalen Weitergabe der PTBS und die Rolle der Epigenetik in diesem Zusammenhang lädt zum Weiterdenken (zum Beispiel hinsichtlich der Vererbbarkeit einer Dissoziationsbereitschaft) ein. Hörz und Zanarini befassen sich mit dem Zehnjahresverlauf von PTB-Störungen bei Borderline-Patienten im Vergleich zu Patienten mit anderen Persönlichkeitsstörungen. Vor allem für die Frage der Symptombelastung und schließlich der Stabilität von Behandlungsergebnissen bietet dieser Beitrag interessante Einblicke.

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Sachsse referiert (in verständlicher Sprache) zu den neurobiologischen Grundlagen nach traumatischen Lebensveränderungen und der Bedeutsamkeit von Bindung in diesem Zusammenhang. Ermutigend für Therapeuten, dass sich die Behandlungschancen der PTBS- Patienten nach seiner Statistik von 25 Prozent auf 85 Prozent gebessert haben. Tagay erörtert die Schwierigkeiten, eine kontrovers definierte Erkrankung und ihre Komorbiditäten innerhalb von Fragebögen zu erfassen. Betrachtet man die unterschiedliche Definition auch in Bezug zur Frage, was eigentlich Dissoziation ist, wird klar, dass es noch ein weiter Weg bis zu einer einheitlichen und dann auch hoffentlich multimodal betriebenen Diagnostik ist. Streek-Fischer sensibilisiert für die Besonderheiten bei der Diagnostik bei Kindern und Jugendlichen. Hier erschweren Loyalitätskonflikte und das Akkomodationssyndrom eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von komplexen Traumastörungen. Für diese stellt sie den Begriff der Entwicklungstraumastörung vor und diskutiert dafür entsprechende Kriterien. Der Ausblick auf spezifische Probleme in der Behandlung rundet diesen Beitrag ab. Dem schließt sich Bogyi mit Entwicklungsverläufen bei traumatisierten Kindern an. Gerade auch mit der Untermauerung durch Fallbeispiele wird hier vieles anschaulich – beispielsweise die Notwendigkeit einer Vernetzung im Helfernetz und die Möglichkeit zu korrigierender Beziehungserfahrung. Die Bedeutsamkeit von Stresserfahrungen und Bindungsfrustrationen für somatoforme Schmerzstörungen wird im lesenswerten Beitrag von Tiber-Egle aufgezeigt.

Der Beitrag von Sar et al. vergleicht die Gruppe schizophrener Patienten mit der dissoziativer Patienten in Bezug zu Selbstreflexion und Selbstüberzeugtsein, Grunddimensionen kognitiver Einsicht. Beide Dimensionen werden im Behandlungsverlauf betrachtet. Ökzan und Hüther referieren zu besonderen Konfliktkonstellationen bei traumatisierten Migranten, Friedmann stellt mit den Ego-States in Aktion integrative Systemaufstellungen als möglichen Behandlungsansatz für traumatisierte Menschen vor. Abschließend stellt Baierl in einem praxisnahen, lebendigen und gut lesbaren Beitrag die Alltagspädagogik mit traumatisierten Jugendlichen vor.

Das Buch beleuchtet vielfältige Aspekte in der Forschung, Diagnostik und Behandlung von Traumatisierungen. Es gibt darin einiges zum Nachlesen, Nachdenken und Weiterdenken. Gaby Breitenbach

Ibrahim Özkan, Ulrich Sachsse, Annette Streeck-Fischer (Hrsg.): Zeit heilt nicht alle Wunden. Kompendium zur Psychotraumatologie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, 224 Seiten, kartoniert, 24,99 Euro

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