ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013EN 6053: Fritz Schwegler – Krisen der Liebe

KUNST + PSYCHE

EN 6053: Fritz Schwegler – Krisen der Liebe

PP 12, Ausgabe Februar 2013, Seite 50

Kraft, Hartmut

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Verrätselt, banal, überraschend, ungewöhnlich, schlicht, humorvoll, hintergründig – solch widersprüchliche Kennzeichnungen können einem Betrachter der Arbeiten von Fritz Schwegler in den Sinn kommen. Dies gilt auch für die hier vorliegende kleine Zeichnung. Erst bei genauerem Hinschauen entdecken wir schwache Umrisslinien von nicht ausgeführten Figuren und teilweise ausradierte Bleistiftlinien. Es handelt sich also keineswegs um eine spontane unbeholfene Zeichnung, sondern um eine für den Künstler typische, bewusst einfach gehaltene Arbeit. Seine fortlaufend nummerierten Einfälle (hier: EN 6053) verwendet er in immer neuen, oft überraschenden, dann auch wieder geheimnisvoll wirkenden Zeichnungen, Bildern und Plastiken.

In der hier gezeigten Bild-Text-Kombination ist eine Krise angesprochen: die sechs liegenden, offensichtlich männlichen Figuren sind bereit, diese Krise zu verfechten. Dass es sich um eine Krise der Liebe handelt, ergibt sich nicht unmittelbar aus dem Bild, sondern aus der Widmung an den Autor dieser Zeilen, der vor mehr als 20 Jahren sich in einer solchen befand. „EN 6053“ erreichte mich als Neujahrsgruß des Künstlers im Januar 1991. Das kleine Blatt war als Aufmunterung gedacht, sollte Mut machen, „die Krise zu verfechten“.

Und so liegen sie da, nicht einer allein, sondern eine Gruppe von Leidensgenossen mit ihren blauen Anzügen und den blank geputzten schwarzen Schuhen. Die Männer liegen auf dem Rücken, in einer zunächst wehrlos anmutenden Position – und doch zeigen sie sich wehrhaft. Auch ohne den Griff in den Symbolfundus der Psychoanalyse dürfte der phallische Charakter der Schwerter kaum zu übersehen sein. So drängt sich die Frage auf, um welche Art des (Ver-)Fechtens es wohl gehen wird bei dieser Krise? Schließlich geht es bei einer Krise nicht nur um den Aspekt der Gefahr, des Kampfes und der Überwindung überholter Positionen; es geht auch um eine Chance zu einer Klärung, zu einem Richtungswechsel, zu einem Neuanfang. Dieser konstruktive Aspekt von Krisen und Krisenbewältigungen wird oft verfehlt. Dann verbeißen sich die Kontrahenten ineinander, es kommt zu einem Hauen und Stechen. Rosenkriege werden aus enttäuschter Liebe und aus tiefen Kränkungen heraus bekanntlich oft mit erbitterter Wut geführt. Das aber scheint nicht die Aussage dieses Blattes zu sein. Trotz der zur Schau gestellten Waffen der Männer wirkt das Bild nicht kämpferisch oder zerstörerisch, sondern eher ruhig und verhalten. Die Schwerter, gerade in der hier gezeigten Stellung, könnten eher auf eine phallisch-sexuelle Bewältigung der Krise, auf sexuelle Potenz und auf sexuelle Lust verweisen – auch wenn die Männer selbst hier noch recht unbeholfen und wenig entschlussfreudig wirken. Krisen der Liebe lassen sich sinnvollerweise am ehesten durch die Liebe überwinden – nicht durch den offenen Kampf, in den sie manchmal abgleiten. Reden könnte auch nicht schaden, denken wir als Psychotherapeuten – aber das ist offensichtlich nicht das Thema dieser kleinen Arbeit. Dr. med. Hartmut Kraft

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Biografie Fritz Schwegler

Geboren 1935 in Breech bei Göppingen. Schreinerlehre und Meisterprüfung. Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Stuttgart. Ausgedehnte Reisen. 1970 verbrachte der Künstler mehrere Monate in Japan, wo er sich mit der Lehre des Zen beschäftigte. Den Sprüchen des Zen-Buddhismus scheinen seine eigenen Notizen verwandt. Als „Ur-Notiz Effesch Nummer (EN) . . .“ werden sie von ihm gesammelt, fortlaufend nummeriert und als Grundlage seiner Zeichnungen, Bilder und Plastiken verwendet. 1975 bis 2000 Professor für Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Hans-Thoma-Preis 1999. Lebt in Breech und Düsseldorf.

1.
Schwegler F: Der ganze Winter ist übertrieben. Köln: DuMont 1979.
2.
Schwegler F: Rheinfarbe. Stuttgart: Edition Cantz 1992.
3.
Schwegler F: Buch der 14 Buchvorworte. Das unbewegliche Theater des Fritz Schwegler von Breech. Katalog Kunsthalle Düsseldorf. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag 2004.
1.Schwegler F: Der ganze Winter ist übertrieben. Köln: DuMont 1979.
2.Schwegler F: Rheinfarbe. Stuttgart: Edition Cantz 1992.
3. Schwegler F: Buch der 14 Buchvorworte. Das unbewegliche Theater des Fritz Schwegler von Breech. Katalog Kunsthalle Düsseldorf. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz Verlag 2004.

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