ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2013Körperbilder: Stephan Balkenhol (*1957) – Hölzerne Spiegelbilder

SCHLUSSPUNKT

Körperbilder: Stephan Balkenhol (*1957) – Hölzerne Spiegelbilder

Dtsch Arztebl 2013; 110(7): [76]

Schuchart, Sabine

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So viel Aufmerksamkeit und Medieninteresse wie Stephan Balkenhol im letzten Sommer hat ein Documenta-Künstler selten erfahren. Allerdings war der Bildhauer nicht auf der prestigeträchtigen Kasseler Kunstschau zu Gast, sondern zeigte seine Skulpturen auf Einladung des Erzbistums Fulda und der katholischen Kirche zur selben Zeit in der benachbarten Elisabeth-Kirche. Besonderer Stein des Anstoßes für Documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev: Balkenhols Männerplastik auf dem Turm der Kirche. Sie fühle sich von der Figur bedroht, ließ sie die Kirchenoberen wissen – und forderte den Abbau des „anthropozentrischen“ (Christov-Bakargiev) Kunstwerks und die Verschiebung der Ausstellung. Ohne Erfolg: Klerus und Öffentlichkeit standen geschlossen hinter dem Künstler, und seine menschlichen Archetypen lockten mehr als 57 000 Besucher in die Kirche.

Dass Balkenhol mit seinen neutralen, so gar nicht provokativen Figuren aneckt, ist die Ausnahme. Seit den 1980er Jahren zählt der in Kassel aufgewachsene Künstler auch international zu den bekanntesten deutschen Bildhauern. Neben größeren Einzelausstellungen machte er mit Plastiken im öffentlichen Raum auf sich aufmerksam. Sein Raumensemble „Vier Männerakte auf Stämmen“, das das Museum Kurhaus Kleve 1998 erwarb und im Rahmen einer schönen Sammlungspräsentation zeigt, ist typisch für sein Werk: Im Mittelpunkt steht der Mensch, den Balkenhol nicht als Individuum darstellt, sondern als Durchschnittstyp, als anonymen Zeitgenossen, in dem sich der Betrachter spiegeln, den er interpretieren kann.

Von weitem wirken die vier nackten Männerkörper glatt, banal. Erst aus der Nähe fallen die Astlöcher, Maserungen und Späne auf, mit denen der virtuose Holzkünstler Haut oder Adern simuliert. Das archaische Material behält stets die Oberhand, Splitter und Risse verbleiben. Indem er den Menschen ohne Deutungsabsicht aus einem Baumstamm herausschält, möchte ihn Balkenhol vom Zwang befreien, etwas darzustellen, damit er als das gesehen werden könne, was er sei. Der Riesenwirbel in Kassel habe ihn überrascht, sagte er in einem Interview: „Aber es macht Mut, dass eine einfache Skulptur eine solche Wirkkraft entfaltet hat. Sie gilt inzwischen als Symbol der Freiheit.“ Sabine Schuchart

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Ausstellung

„Mein Rasierspiegel – Von Holthuys bis Beuys“

Museum Kurhaus Kleve, Tiergartenstraße 41, 47533 Kleve

www.museumkurhaus.de

Di.–So. 11–17 Uhr, bis 7. April

„Mein Rasierspiegel – Von Holthuys bis Beuys“, Katalog zur Ausstellung 2012/13, 588 Seiten, Freundeskreis Museum Kurhaus, 49,90 Euro.

„Stephan Balkenhol in Sankt Elisabeth“, Katalog zur Ausstellung 2012, 96 Seiten, Snoek, 19,80 Euro.

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