ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2013Gesundheitssystem: Mehr Probleme als Lösungen
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Unter dem Thema: „Patient in Deutschland“ vergleicht Dr. Müschenich einen Baumarkt mit dem Gesundheitswesen.

Sein Traum von einer allzeit verfügbaren Patientenakte geht weit an der Realität vorbei und ist auch nicht mit Online-Banking vergleichbar.

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1. Die Umsetzbarkeit:

Wir haben unsere große hausärztliche Gemeinschaftspraxis 2008 auf die elektronische Karteikarte umgestellt und standen vor dem Problem, 12 000 Papierakten mit Daten, die bereits mein Vorvorgänger vor mehr als 30 Jahren gesammelt hat, zu archivieren. Ich erinnere, dass der deutsche Hausarzt sich mit einer Quartalspauschale von 40 Euro inklusive Hausbesuchen zufriedengeben muss. Hätte man die Altkarteien von einer externen Firma archivieren lassen, wäre das immerhin auch im laufenden Betrieb machbar, aber unbezahlbar. Aus eigener Personalkraft wäre es unmöglich. Aber genau das erwartet Dr. Müschenich von den Niedergelassenen. Wie sollen denn die verstaubten Röntgenbilder digitalisiert werden, und wer soll das bezahlen?

2. Datenschutz:

PIN und TAN sind eben nicht ausreichend. 20 bis 30 Prozent der Patienten in Hausarztpraxen kommen mit psychosomatischen Problemen. Schwierigkeiten bei Einstellungsuntersuchungen, Abschlüssen von Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherungen sind vorprogrammiert. Natürlich wird es illegal sein, bei Einstellungsuntersuchungen diese Krankenakte einzusehen. Aber man bekommt die Stelle einfach nicht, wenn der Einblick nicht gewährt wird . . . Insgesamt ergibt sich ein eher Orwell’sches Szenario, als ein erstrebenswerter Zustand . . .

3. Die Zuverlässigkeit der Daten:

Abgesehen davon, dass beim genannten Beispiel es wirklich wurst ist, ob der Blinddarm 1965 oder 1966 entfernt wurde, gibt es eine ganze Menge Daten, die auf Verwechslungen beruhen. („Ich hatte einen Schlaganfall“, in Wirklichkeit war es eine periphere Fazialisparese). Diese falschen Daten bekommen dann eine „Wahrheit“ und werden immer weiter mitgeschleppt. Man denke auch an die vielen Asylbewerber und Migranten! Allergiepässe sind ja heute schon Standard und werden in der Regel vom Patienten mitgeführt.

4. Die Zielgruppe:

Die Hauptkrankenlast trägt die alternde Bevölkerung. Diese wird mit Sicherheit von Online- und Google-Aktivitäten überfordert und nicht profitieren. Die Kranken, die jung, fit und internettauglich sind, sollten aber auch in der Lage sein, bei der Anamnese sowohl OP-Datum als auch Penicillinallergie zuverlässig anzugeben.

5. Faktor Zeit:

Statistisch hat der Hausarzt neun Minuten pro Patient (Bürokratie inklusive). Aus welchem Zeitbudget soll er denn die Datenpflege herauskitzeln? Der Mensch, das Gespräch, die Zuwendung kommen dann mit Sicherheit zu kurz.

6. Konkurrenz:

Ärzte in den Praxen, lasst euch nicht Angst vor schwindenden Patientenzahlen machen! Selbst im schönen Konstanz gibt es zahlreiche Facharztgruppen mit monatelanger Wartezeit. Der Ärztemangel ist das Thema, nicht Patientenmangel!

Ich will mich nicht der Zukunft verschließen. Die Vernetzung von Kliniken, Praxen, Patienten und logischerweise auch Krankenkassen birgt aber derzeit mehr Probleme als Lösungen.

Dr. Cornel Certain, 78464 Konstanz

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