ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2013Medizingeschichte: Invictus – Unbesiegt . . .?

THEMEN DER ZEIT

Medizingeschichte: Invictus – Unbesiegt . . .?

Dtsch Arztebl 2013; 110(7): A-266 / B-248 / C-248

Ohnhäuser, Tim

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Der Tetanusentdecker Arthur Nicolaier und sein Suizid vor 70 Jahren

Versteckte Botschaft in Arthur Nicolaiers Abschiedsbrief. Foto links: Erika Wagner, Foto rechts: Familie Blumenthal
Versteckte Botschaft in Arthur Nicolaiers Abschiedsbrief. Foto links: Erika Wagner, Foto rechts: Familie Blumenthal

Arthur Nicolaier (1862–1942) gilt als Entdecker des Tetanus-erregers. Während es in anderen Sprachräumen noch heute Bezeichnungen wie Nicolaier’s Bacillus oder Bacille de Nicolaier gibt, ist der Name hierzulande der Vergessenheit anheimgefallen. Nicolaier wurde Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung; er beendete sein Leben selbst am 29. August 1942 in Berlin, kurz vor der anstehenden Deportation nach Theresienstadt. Sein Fall steht exemplarisch für viele weitere Verfolgte, die im Suizid den letzten Ausweg sahen.

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Meist tödliche Infektion

Der Durchbruch erfolgte 1884: Gerade erst 22-jährig, gelang dem Medizinstudenten Arthur Nicolaier in Versuchen am Hygienischen Institut in Göttingen, den Erreger des Wundstarrkrampfs nachzuweisen. Damit endete die jahrhundertelange Suche nach den Ursachen für die schon in der Antike gefürchtete Erkrankung, die noch heute mit einer hohen Letalität einhergeht. Nicolaier lag mit seinem Ansatz richtig, in den Versuchen auf kontaminierten Erdboden zu setzen. Er verimpfte verschiedene Erdproben an Versuchstiere, wodurch es ihm gelang, bei diesen Wundstarrkrampf auszulösen sowie im Blut das charakteristische Bakterium (Clostridium tetani) zu beobachten und zu beschreiben. Damit war Tetanus als Infektionskrankheit identifiziert.

Auf Nicolaiers Veröffentlichung „Ueber infectiösen Tetanus“ in der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ noch im selben Jahr folgten weitere gezielte Forschungsanstrengungen: 1889 gelang dem Japaner Shibasaburo Kitasato (1853–1931) in Berlin die erste Reinzüchtung des Erregers, im Jahr darauf publizierte dieser gemeinsam mit Emil von Behring (1854–1917) erstmalig über die Wirkung von Antitoxinen gegen Tetanus und Diphtherie.

Behring war es auch, der die weitere Impfstoffentwicklung vorantrieb: Ein Toxin-Antitoxin-Gemisch gegen Tetanus kam erstmals massenhaft im Ersten Weltkrieg zum Einsatz und zeitigte große Erfolge, wie die Berichte des Heeressanitätswesens bezeugen. Über alle Zeiten hinweg war der in bis zu 70 Prozent der Fälle tödlich verlaufende Wundstarrkrampf gehäuft in Kriegen oder im Zusammenhang mit Kampfhandlungen aufgetreten – in den Weltkriegsjahren bewahrten Impfungen nun erstmalig Tausende Soldaten vor dem Tod durch eine Tetanusinfektion.

Arthur Nicolaier hatte mit dieser Entdeckung den Grundstein für eine Forscherkarriere gelegt: Ab 1901 lebte er in Berlin und arbeitete als Professor an der renommierten Friedrich-Wilhelms-Universität. Neben regelmäßigen Vorlesungen und Kursen in Innerer Medizin sowie seiner ärztlichen Tätigkeit – privat wie in Polikliniken – prägte besonders die Zusammenarbeit mit der Firma Schering (1) seine zweite Lebenshälfte. Im Laufe der Jahre kam es dort unter seiner Leitung und Mitwirkung zur Entwicklung von Atophan (Antirheumatikum) und Urotropin (Harnwegsdesinfiziens), deren therapeutische Wirksamkeit und damit langjährige Verbreitung ihm ein gutes Auskommen sicherten.

Das Jahr 1933 bedeutete die elementare Zäsur in Nicolaiers Biografie. Zwar war er bereits 1921 aus dem Judentum ausgetreten und in der Folge konfessionslos geblieben, doch änderte das aus Sicht der Nationalsozialisten nichts: Wenige Monate nach der Machtübernahme wurde Arthur Nicolaier – wie im Laufe der Jahre mehr als einem Drittel der Hochschullehrer der Berliner Universität (2) – die Lehrbefugnis entzogen. Noch im Jahr zuvor waren in zahlreichen Tageszeitungen anlässlich seines 70. Geburtstages Artikel „zu Ehren des Tetanusentdeckers“ erschienen.

Nach dem Entzug der Lehrbefugnis folgten das Ende der Mitgliedschaft in der Berliner Medizinischen Gesellschaft und 1938 schließlich das Erlöschen der Approbation. Gerade der Verlust der beruflichen Grundlage traf viele Ärzte existenziell – die meisten Betroffenen versuchten danach, ihre Heimat zu verlassen. Für Nicolaier kam dieser Schritt in seinem Alter nicht mehr infrage. Er blieb bis zuletzt in Berlin und musste die weitere öffentliche Isolierung erleiden, die mit einer Unzahl an Repressionen und Schikanen einherging.

Im Frühjahr 1941 wurde dem mittlerweile 79-Jährigen mitgeteilt, er habe innerhalb von 14 Tagen seine Wohnung zu verlassen – für „arische“ Mieter wurde der Wohnraum „freigemacht“, das Inventar zugunsten der Staatskasse versteigert. Nicolaier blieb danach nicht mehr als ein kleines Zimmer zur Untermiete in einem „jüdischen Wohnhaus“. Erhaltene Briefe Nicolaiers aus dieser Zeit vermitteln Einblicke in die Welt des Isolierten, dem als „gekennzeichneten“ Juden eine Teilhabe am öffentlichen Leben nach und nach unmöglich gemacht wurde.

Am 28. August 1942 erhielt er das Schreiben, aus dem für ihn unzweifelhaft hervorging, dass er für den nächsten „Alterstransport“ nach Theresienstadt vorgesehen war. Nach einigen vorangegangenen Bemühungen, die drohende Deportation noch abzuwenden, bedeutete dies das Ende aller Hoffnungen. Noch am selben Tag regelte er einige letzte Dinge und setzte schließlich seinem Leben ein Ende – Arthur Nicolaier starb in den frühen Morgenstunden des 29. August 1942 an einer Überdosis Morphium.

Botschaft an die Nachwelt

Zuvor war es ihm unter großen Schwierigkeiten mit Hilfe eines Anwalts und seiner Nichte gelungen, sein Vermögen vor dem Zugriff der NS-Behörden zu schützen. Nicht zuletzt seine Selbsttötung spielte dabei im Nachhinein eine Rolle, war er doch im Inland gestorben und fiel somit nicht unter das zynische Konstrukt von NS-Juristen, demzufolge das Vermögen „mit der Verlegung des gewöhnlichen Aufenthalts ins Ausland“ (3) – im Klartext: mit der Deportation – an das Deutsche Reich fiel.

Vielleicht war dies neben anderen einer der Gründe dafür, dass Nicolaier in seinem Abschiedsbrief, der nur einen Satz enthält („Ich scheide freiwillig aus dem Leben“), eine versteckte Botschaft unterbrachte. Das nur im Gegenlicht sichtbare Wasserzeichen im Papier besteht aus einem einzigen Wort: INVICTUS – lateinisch für: unbesiegt, unbezwungen.

Das Lebensende von Arthur Nicolaier ist nur ein Beispiel dafür, dass viele Suizide im Kontext der NS-Verfolgung – bei aller Verzweiflung und Hilflosigkeit – durchaus auch Signaturen von Selbstbehauptung und Würde tragen konnten, die oftmals in dem Wunsch nach einem möglichst selbstbestimmten Ende zum Ausdruck kamen. Wenigstens in dieser letzten aller Entscheidungen wahrten die Betroffenen somit eine Autonomie, die die Nationalsozialisten ihnen längst abgesprochen hatten. Viele der Menschen, die wie Arthur Nicolaier diesen Weg wählten, gerieten nach 1945 in Vergessenheit.

Tim Ohnhäuser

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum Aachen

tohnhaeuser@ukaachen.de

Suizid im Nationalsozialismus

Die Selbsttötungen im Nationalsozialismus als Reaktion auf Ausgrenzung und Verfolgung stellen bis heute einen wenig beachteten Forschungsgegenstand dar. Dabei waren sie spätestens ab 1941 allgegenwärtig, blieb doch der Suizid neben dem Untertauchen in die „Illegalität“ und beschwerlichen Fluchtversuchen die einzige Möglichkeit, sich einer Deportation zu entziehen. Suizid als symbolischer Akt eines politischen Widerstands oder als spontane Tat in höchster Verzweiflung – zwischen diesen beiden Extremen gab es eine große Bandbreite an situativen Entscheidungen von Einzelpersonen, Eheleuten und ganzen Familien. Die Selbsttötung kann allgemein als ein widerständiger Akt interpretiert werden – der „reibungslose“ Ablauf der Deportationen wurde so oftmals empfindlich gestört, zudem wurde so den Behörden der Zugriff auf das Vermögen erschwert oder sogar verbaut. Noch wichtiger erscheint aus der Perspektive der Betroffenen, mit diesem letzten Akt der Selbstbestimmung über die Umstände und den Zeitpunkt des Lebensendes selbst zu entscheiden.

Wie viele Menschen während der NS-Zeit ihr Leben durch eigene Hand beendeten, wird sich nie exakt bestimmen lassen. Von 1938 bis 1945 wurden alleine auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee mindestens 1 677 Menschen bestattet, die Suizid verübt hatten (4). Im Berliner Jüdischen Krankenhaus übertrafen die Einlieferungen nach Suizidversuch im Zusammenhang mit den „Osttransporten“ ab Herbst 1941 alle anderen Aufnahmegründe. Wie mit diesen Patienten zu verfahren sei, löste Diskussionen unter den behandelnden Ärzten aus. Denn oftmals wurden die nach Suizidversuch Eingelieferten auf Veranlassung der Gestapo nach ihrer Stabilisierung „vorrangig“ deportiert. Der omnipräsente ärztliche Konflikt zwischen der Pflicht zur Lebenserhaltung und einem Sterbenlassen zur Verhinderung weiterer Leiden verlief hier unter infernalischen Begleitumständen. Viele Ärzte hatten auch in anderen Situationen mit der Suizidthematik zu tun – ob als Behandelnde nach einem Notruf, als Eingeweihte in Selbsttötungspläne langjähriger Patienten oder durch das Ausstellen von Rezepten (zumeist für die Barbiturate Veronal und Luminal). Jedoch ist darüber bis heute wenig überliefert und bekannt.*

*Der Autor ist sehr dankbar für Hinweise zu dieser Thematik, die strikt vertraulich behandelt werden.

1.
Damals noch: „Chemische Fabrik auf Actien (vormals E. Schering)“.
2.
Vgl. Sven Kinas: Massenentlassungen und Emigration, in: Michael Grüttner u.a.: Die Berliner Universität zwischen den Weltkriegen 1918–1945, Berlin 2012, S. 386.
3.
Aus dem „Reichsbürgergesetz“, Elfte Verordnung vom 25. November 1941.
4.
Fischer, Anna: Erzwungener Freitod. Spuren und Zeugnisse in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938–1945 in Berlin, Berlin 2007.
1.Damals noch: „Chemische Fabrik auf Actien (vormals E. Schering)“.
2.Vgl. Sven Kinas: Massenentlassungen und Emigration, in: Michael Grüttner u.a.: Die Berliner Universität zwischen den Weltkriegen 1918–1945, Berlin 2012, S. 386.
3.Aus dem „Reichsbürgergesetz“, Elfte Verordnung vom 25. November 1941.
4.Fischer, Anna: Erzwungener Freitod. Spuren und Zeugnisse in den Freitod getriebener Juden der Jahre 1938–1945 in Berlin, Berlin 2007.

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