ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2013Post Scriptum Christer Strömholm: Fotografischer Existenzialismus

KULTUR

Post Scriptum Christer Strömholm: Fotografischer Existenzialismus

PP 12, Ausgabe Februar 2013, Seite 88

Bühring, Petra

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C/O Berlin zeigt die erste Retrospektive des großen schwedischen Fotografen in Deutschland.

Die Schwarz-Weiß-Fotografien von Christer Strömholm passen zum morbiden Charme des alten Postfuhramts in Berlin-Mitte: dunkel, grobkörnig, oft rau. Zusammen mit einer weiteren Ausstellung ist die Retrospektive des schwedischen Fotografen passenderweise die letzte, die die Galerie C/O Berlin, Zentrum für Fotografie, in diesen einzigartigen Räumen zeigt. Die seit zwei Jahren drohende Investorenübernahme des unter Denkmalschutz stehenden Kaiserlichen Postfuhramtes aus dem Jahre 1881, das nach der Wende weitgehend unrenoviert gelassen wurde und so sein besonderes Flair bewahren und entwickeln konnte, nahm für die Fotogalerie nach langem Bangen ein glückliches Ende. C/O Berlin kann Ende März in das Amerika-Haus nach Berlin-Charlottenburg umziehen.

„Blind girl“, Hiroshima 1963, Fotos: Christer Strömholm/Strömholm Estate
„Blind girl“, Hiroshima 1963, Fotos: Christer Strömholm/Strömholm Estate
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Christer Strömholm hätte den Ort gemocht. „Mein Vater liebte Ruinen und Graffitis, und er mochte Berlin“, sagt Joakim Strömholm, Sohn des 2002 verstorbenen Fotografen, bei der Presseführung zur ersten Retrospektive des väterlichen Werkes in Deutschland. Zusammen mit seinem Bruder Jakob und dem Museum Fotografiska in Stockholm hat er die Werkschau zusammengestellt. Zu sehen sind etwa 150 Fotografien, Kontaktbögen, Arbeitsmaterialien und Schriftstücke.

Spielende Kinder, innige Liebespaare, prominente Künstler, stolze Transsexuelle, entstellte Kriegsopfer – das sind die Themen des 1918 geborenen Strömholm, der zu den wichtigsten schwedischen Fotografen gehört. Er wendet sich in seinem Werk radikal der Welt zu und konfrontiert sich mit dieser oft rauen Realität tagtäglich – stets geduldig und präzise beobachtend. Er belauerte seine Mitmenschen nicht heimlich-voyeuristisch, sondern gab sich seinem Gegenüber klar zu erkennen. Seine subjektive Fotografie ist geprägt von großem Respekt, Nähe und gewachsener Vertrautheit.

„The boys“, Montreuil, Paris, 1962
„The boys“, Montreuil, Paris, 1962

Das Bild „The boys“ beeindruckt durch den offenen neugierigen und doch skeptischen Blick der beiden vielleicht vierjährigen Jungen. „Er hat Kinder fotografiert“, sagt Joakim Strömholm lakonisch, „aber um uns Kinder hat er sich nicht gekümmert. Er hat sein Leben der Fotografie gewidmet.“ Und er habe die Frauen gemocht, berichtet sein Sohn – fünf Ehen und zahlreiche Liebschaften zeugen davon.

Die Gunst der Frauen spielt für Strömholms Arbeit eine große Rolle. Seine Hiroshima-Porträts Anfang der 60er Jahre („Blind girl“), aber auch die Bilder von seinen USA-Reisen konnten nur entstehen, weil Strömholm mehr als zehn Jahre Freiflüge durch seine damalige Frau, einer Stewardess, bekam. Denn Auftragsarbeiten von Zeitschriften hat er als Einnahmequelle stets abgelehnt.

Christer Strömholms Fotos sind in ihrem Stil nicht eindeutig zuzuordnen. Existenzialismus mit fotografischen Mitteln ist nach Ansicht von Kunstkennern der zutreffendste Begriff: analytisch und melancholisch und dabei einfühlsam und empathisch. Er arbeitete prinzipiell mit vorhandenem Licht. Die Umgebung ist zwar wichtiger Bestandteil seiner Bilder – Details verschwinden aber meist im Dunkel.

Petra Bühring

„Post Scriptum Christer Strömholm“ ist bis zum 17. März zu sehen im C/O Berlin, Oranienburgerstraße 35/36, 10117 Berlin, www.co-berlin.com

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