ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2013Von schräg unten: Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): [76]

Böhmeke, Thomas

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Heutzutage ist alles von hektischer Betriebsamkeit geprägt, jede Information drängelt sich sofort in unser Hirn, überall plärren Alarme, alles muss sofort erledigt werden, moderne Medien lassen uns keine Sekunden, einmal innezuhalten und zu reflektieren, ein Problem in all seinen Facetten zu durchleuchten. Dafür braucht man Zeit, die man sich nehmen muss, aber nie hat. Trotzdem gibt es bei unserer wunderbaren Tätigkeit hin und wieder Momente, in denen wir abrücken von Blitzdiagnosen und Sekundenuntersuchungen. Wenn wir selbst uns diese Zeit nicht schenken, so verlangen die Umstände, dass wir eine kurze kontemplative Rast einlegen auf dem langen Weg zur richtigen Entscheidung.

„Doktor, Sie müssen mich zwei Wochen krankschreiben!“ Erwartungsvoll sitzt mir der Patient gegenüber, voller Hoffnung, dass ich seinem geschundenen Körper eine Auszeit gönne, auf dass er sich nicht mehr von seiner grausamen Arbeit seelisch und körperlich verstümmeln lassen muss. Ja, hier kann ich meine wahre Bestimmung zeigen, die Macht der Mediziner über dem Mühsal der Maloche markieren; hier kann ich Arzt sein, der bedingungslos Verordnungen zum Nutzen der Kranken treffen kann! Eine warme Woge der Wonne wallt in mir wie das Kontrastmittel bei einer Ganzkörperangiographie, fühle ich doch Hippokrates neben mir, seine Hand auf meiner Schulter wie das Schwert zum Ritterschlag.

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Aber schon fährt mir der § 12 Sozialgesetzbuch IV dazwischen wie ein Fehlschlag ebendieses Kriegswerkzeugs: Ich muss ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich vorgehen, der Versicherte darf keine unnötigen Leistungen verlangen. Darf ich bei einer benignen Extrasystolie, wie ich sie soeben bei meinem Patienten diagnostiziert habe, überhaupt krankschreiben? Lieber nicht, denn was würden meine Kollegen sagen? „Wir haben zähneknirschend akzeptiert, dass Sie Ihren Eskapismus im Deutschen Ärzteblatt frönen; muss das sein, diese schräge AU?“ Also, das geht ganz und gar nicht. Auf der anderen Seite: Wenn ich diese AU nicht ausstelle, wird der Patient in seiner weitläufigen Bekannt- und Verwandtschaft meinen Ruf ruinieren? Nein das kann ich nicht riskieren, lieber ein Rüffel von der KV als einen Ruf als A.

Aber jetzt stolpere ich über die Richtlinien des G-BA gemäß § 92 Absatz 1 Satz 2 Nr. 7 SGB, dass Arbeitsunfähigkeit nur vorliegt, „wenn der Versicherte aufgrund von Krankheit seine . . . Tätigkeit nicht mehr oder nur unter der Gefahr der Verschlimmerung . . . ausführen kann“. Mist. Das trifft für gelegentliches Herzstolpern nun wirklich nicht zu. Aber was wäre, wenn der Patient mich an den Internetpranger stellt? Kann ich wirklich mit den schlechten Noten, den harschen Bemerkungen, den ehrabschneidenden Kommentaren leben? Auf gar keinen Fall. Lieber die AU ausstellen! Oder doch nicht? Hippokrates könnte mal aufhören, mir auf die Schulter zu klopfen, sondern lieber den Weg weisen. Was ist, wenn Tausende Extrasystoliegeplagte meine Praxis überfluten, auf dass ich sie bis zum Berufsende krankschreiben möge? Ach, ich weiß es nicht, das ist alles so schwierig, so schwierig . . .

„Hör’n Sie mal, Doktor, das dauert mir hier viel zu lange! Ich kriege meine Zeit auch nicht geschenkt, ich gehe zu einem anderen Doktor, der mich krankschreibt!“

Nimm dir Zeit, und alles wird gut.

Dr. med. Thomas Böhmeke
ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.

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