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. . . Mein Großvater, Prof. Dr. Friedrich Maurer, jahrzehntelang Prorektor und Direktor der Anatomie der Universität Jena bis zu seiner Emeritierung 1932, ist in den großen deutschen humanistischen Traditionen (zusammen mit Fürbringer, Gegenbaur, Hertwig, Haeckel u. a.) als Hochschullehrer nicht nur Jena ein besonderes Vorbild für die auszubildenden Studenten beziehungsweise heranwachsende Ärztegeneration gewesen. Er hat Gott sei Dank die furchtbaren zwölf Jahre deutscher Geschichte (1936 verstorben) nicht mehr erleben müssen. Umso mehr stellt sich für mich die Frage, warum viele der genannten Anatomen (wie Hirt, Pernkopf, Voss et al.), welche doch häufig auch im obengenannten Sinn im Kaiserreich und der Weimarer Zeit erzogen worden sind, so entgleist sind. Sie haben sich in den Jahren 1933 bis 1945 geradezu „gedankenlos (sic!) als Aktivisten“ schuldig gemacht, und Götz Aly hat es so richtig formuliert: „Nicht weil sie mussten, sondern weil sie durften.“

Als jungem Medizinstudenten und Hilfsassistenten Anfang der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts in der Humboldt-Universität in Ostberlin fiel mir auf, dass im Anatomischen Institut dieser Universität (Direktor der sehr integre und vorbildhafte Prof. Dr. Waldeyer) die Saaldiener immer voller Stolz berichteten: „Die Leichen sind unser Stolz, sie kommen immer besonders ,gut‘ aus Gefängnissen“. Wir haben uns darüber keine Gedanken gemacht – leider; und heute macht mich dies doch sehr betroffen, wie ich auch mein Wissen vorwiegend . . . aus den Lehrbüchern und Atlanten von Voss, Hirt, Clara, Pernkopf sowie Bargmann mir angeeignet habe . . .

Natürlich beschämt mich das heute alles sehr, wir haben es nicht gewusst – aber A. Schweitzers Satz: „Die Ehrfurcht vor dem Leben“ – analog doch auch vor dem Toten – . . . war uns auch jungen Medizinstudenten bewusst. Doch „Leben“ heißt nach Goethe ja auch „Werden“. Insofern wollen wir täglich dankbar sein, Humanismus leben zu dürfen und zu müssen – und aber auch unser ärztliches Tun immer hinterfragen . . .

Dr. med. Torsten Maurer, 99817 Eisenach

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