ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2013Anatomie: Erinnerungen an 1940
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Als 93-Jähriger erinnere ich mich an die Teilnahme am anatomischen Sektionskurs zum Beginn des Medizinstudiums 1940 in Berlin.

Ziel des Studiums war doch die Sorge um die Gesundheit der Lebenden, und es wurde hier der erste Umgang mit dem Tod klargemacht.

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Man meldete sich zum Sektionskurs in einem Saal, der nach der eigenen Erinnerung mit etwa 20 Sektionstischen bestückt war. Immer acht Studenten – genau wie jetzt – wurden zur Sektion an einer Leiche eingeteilt. Es fiel auf, dass es fast nur junge Tote – in einem ähnlichen Alter wie die Studenten – waren, und die Stimmung wurde in der Erinnerung als merkwürdig ernst erlebt – anders als in den gelegentlichen Berichten mit auch derben Scherzen im Ablauf der Kurse. „Was hat wohl zum Tode geführt?“, blieb eine unausgesprochene Frage, die aber gleichzeitig andeutete, wie nah der Tod – nicht nur an der Kriegsfront – . . . angesehen werden musste. Der Eindruck der unbekleideten Leichen war mit den offensichtlichen Zeichen der unversorgten groben Wunde durch eine Enthauptung durch das Fallbeil bestimmend.

Der Formalingeruch war charakteristisch. Mir fehlt ein Rückgriff auf die Gefühle, die man damals durch dies harte Erleben bekam.

Herr Prof. Stieve, der vor seiner Tätigkeit in der Charité mir in Halle schon bekannt gewesen war, zeigte sich distanziert und engagiert in seinem Fachgebiet. Er wirkte ernst und kritisch, so dass man das Engagement wohl zu fühlen bekam. Ich erinnere mich an das Vorzeigen einer von mir präparierten Hand einer jungen Frau, deren Schicksal so unmittelbar vor mir lag. Er lobte meine Arbeit, zeigte aber auch Kritik und damit seine Einstellung dem menschlichen Organismus gegenüber: Einen kleinen Fehler an einer Fingervene beanstandete er mit den Worten „Da haben Sie die Ehrfurcht verletzt“ . . .

Die Erlebnisse von damals wirken heute weit hergeholt und fremd. Sie haben jedoch in offensichtlich entscheidender Weise das Leben meiner Generation mitbestimmt.

Dr. med. Hans-Walter Crodel, 06120 Halle (Saale)

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