ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2013Praxisgebühr: Haushalten heißt das neue Zauberwort

THEMEN DER ZEIT: Glosse

Praxisgebühr: Haushalten heißt das neue Zauberwort

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): A-317 / B-292 / C-292

Hussel, Elke

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Elke Hussel
Elke Hussel

Als Arztgattin assistiere ich meinem Mann bei der Organisation betrieblicher Abläufe, personeller Führung, finanzieller Notwendigkeiten, öffentlichkeitswirksamer Kommunikation – die Liste ist so lang wie abwechslungsreich. Doch irgendwann kommt der Zeitpunkt, zu dem jedes noch so schillernde Projekt beendet, ein Vorgang geschlossen, ein Vorhaben abgehakt wird. Jüngst geschehen mit unserem Liquiditätsmanagement. Erinnern Sie sich noch an die Anfänge der Praxis- (Pardon!) Kassengebühr?

Montagmorgen, 7.50 Uhr. Ein flotter Mittdreißiger brauchte noch schnell vor der Arbeit ein Rezept und zückte einen grünen Schein. Sein Kleingeld war am Sonntagabend für eine Singlepizza draufgegangen. Kurz darauf griff eine achtzigjährige Pelzmantelträgerin in ihr goldenes Portemonnaie und zielsicher in die Farben. Wobei ihr Grün weniger den Aktivitäten des Wochenendes, als vielmehr der sorgsam geplanten Außenwirkung geschuldet schien. Später am Vormittag folgten die Andächtigen. Sie überreichten den Hunderteuroschein derart feierlich, dass wir annehmen mussten, sie hielten einen solchen nicht zu oft in ihren Händen und hofften insgeheim, wir müssten die Gebühr mangels Wechselgeld erlassen. Schnell wurde das grüne Papier zur Machtprobe zwischen Patienten und den Damen am Empfang. Die Abwehrspannung wuchs.

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Bis wir das Spiel verstanden hatten. Fortan nahmen wir in die Stellenbeschreibung unserer Angestellten die Bitte auf, große Scheine beim privaten Einkauf in handlicheres Wechselgeld zu überführen und zurück in die Praxiskasse zu infundieren. Bald schon waren wir im Viertel so unauffällig wie das Kontrastmittel auf dem Szintigramm. Supermarkt, Bäcker, Kiosk – wir gaben unser Problem einfach weiter. Erste Rückfragen kamen, wann denn nun endlich der Porsche vor der Tür stünde. Die Außenwirkung war spektakulär. Wo wir erschienen, zahlten wir bar. Taschengeld, Kindergeburtstag, Caritasspende, stets waren wir flüssig. Uns flatterten Immobilienangebote ins Haus, die uns träumen ließen, deren Größenwahn allerdings gleich mit ans Exposé geheftet schien.

Ich persönlich glaube ja, dass die Budgetkürzungen, verminderte Regelleistungsvolumen und Umsatzeinbußen deshalb keiner ernst nahm, weil die Prominenz des Faktischen greifbarer war. Weil das grüne Tor auf dem Zahlungsmittel den Barockstil und seine Lebensfreude verkörpert. Und wer denkt bei solch grüner Üppigkeit schon an Rotstifte?

Doch plötzlich war es 2013. Ein Wahljahr rollte auf uns zu und kassierte die Kassengebühr. Seither gähnt mir die kleine blaue Stahlkassette leer entgegen, steht funktionsfrei im Weg herum und entwickelt eine handfeste Depression. Kopiergeld für die Schule, noch schnell ein paar Laugenstangen fürs Abendessen – ich fühle mich wie die Inkarnation des Liquiditätsproblems. Reagierte der Bäcker schon allergisch auf unser Papiergeld, löst meine EC-Karte nun eine Hochdruckkrise aus.

Doch weinen wir der Gebühr nicht länger nach. Denn ihr Ende unterstützt unsere guten Vorsätze im eben angebrochenen Jahr. Haushalten heißt das neue Zauberwort. Mit unseren Kräften, unserer Zeit und ja – auch mit dem Geld. Mal sehen, wann wir einen Haken hinter dieses Projekt setzen.

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