ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2013Expertenvorschläge für die Grünen: Human und effizient

POLITIK

Expertenvorschläge für die Grünen: Human und effizient

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): A-302 / B-280 / C-280

Rieser, Sabine

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Kluger Ressourceneinsatz statt Fehlanreizen, Patientennähe statt Anbieterpolitik – eine Kommission hat Ideen.

Es war wohl nur bei wenigen Flucht vor dem Karneval, die sie am Rosenmontag auch von weiter her zur Heinrich-Böll-Stiftung nach Berlin getrieben hatte. Den Großteil interessierte, was eine Fachkommission für Gesundheitspolitik den Grünen für den Fall einer künftigen Regierungsbeteiligung an Reformen vorschlägt. „Wege zu mehr Effizienz, Qualität und Humanität in einem solidarischen Gesundheitswesen“ haben die Experten in ihrem 40-seitigen Bericht formuliert.

Ihr Befund in Kürze: In dem Bemühen, den Ressourceneinsatz überschaubar zu halten, haben sich die Gesundheitspolitiker vor allem auf Kostenaspekte konzentriert. Die Verbesserung der Versorgungsstrukturen und der Gesundheit der Bevölkerung wurde vernachlässigt. Die finanziellen Anreize, die folgerichtig gesetzt wurden, waren jedoch die falschen. So belohnt das System nicht Effekte wie einen verbesserten Gesundheitsstatus von Patienten, erlebte Empathie oder zusätzliche Lebensqualität, „sondern die bloße Durchführung von Leistungsziffern“.

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Zusätzlich werden Fehlanreize und ihre Folgen bei Kassen (Vertragsdiktat, Risikoselektion) und Patienten (Überforderung bei der Informationssuche, übertriebene Anforderungen) beschrieben. Allein durch Appelle an Berufsethos und Einsicht bei allen könne man die Auswirkungen der Fehlanreize nicht ausschalten, schreibt die Kommission: „Eine konsequente Orientierung am Gesundheitsnutzen der Versicherten und damit der Qualität ist deshalb dauerhaft und zuverlässig erst dann gewährleistet, wenn diese von den Leistungserbringern und von den Krankenkassen nicht verlangt, ihre wirtschaftlichen Interessen zu verleugnen.“

Die Experten raten unter anderem zu folgenden Reformen:

  • Die nächste Bundesregierung legt einen Fahrplan für die Zusammenführung von gesetzlicher und privater Kran­ken­ver­siche­rung vor. In einem „integrierten Kran­ken­ver­siche­rungssystem“ sollen Unternehmen beider Seiten unter gleichen Wettbewerbsbedingungen konkurrieren können. Es wird ein einheitliches Preissystem geschaffen; „dabei ist eine Absenkung der Honorarsumme auszuschließen“.
  • Die zentrale Schwäche des bundesdeutschen Systems sind Ineffizienzen an seinen Schnittstellen. Um multiprofessionelle Teams und flexible Gesundheitsnetze zu forcieren, werden mehr Vertragspartner als heute zur integrierten Versorgung zugelassen, auch kommunale Körperschaften oder Patientenverbände. Selektivverträge können einfacher als bisher geschlossen werden und ohne Nachweis ihrer Wirtschaftlichkeit vorab. Hausarztverträge sind keine Pflicht mehr.
  • Für die Versorgungsforschung und neue Versorgungsformen soll Geld aus dem Gesundheitsfonds zur Verfügung stehen. Notwendig sind weitere Reformen, so am morbiditätsorientierten Risiko­struk­tur­aus­gleich, bei der Qualitätssicherung und den Vergütungsstrukturen.

Sabine Rieser

DIE GRÜNEN EXPERTEN

Zu den 13 Mitgliedern der Kommission gehörten Prof. Dr. Jürgen Wasem (Vorsitzender des Erweiterten Bewertungsausschusses), Dr. Christina Tophoven (Geschäftsführerin der Bundes­psycho­therapeuten­kammer) sowie die Vorsitzenden Andreas Brandhorst (Referent Gesundheitspolitik in der Bundestagsfraktion der Grünen) und Helmut Hildebrandt (Integriertes Versorgungssystem Gesundes Kinzigtal).

@Interview mit Helmut Hildebrandt:
www.aerzteblatt.de („ 5 Fragen an“).
Kommissionsbericht: www.boell.de.

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