ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2013Universitätsmedizin: Alarmierender Weckruf

POLITIK

Universitätsmedizin: Alarmierender Weckruf

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): A-299 / B-277 / C-277

Flintrop, Jens

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Die Bundes­ärzte­kammer fürchtet um die Leistungsfähigkeit der Universitätsklinika.

Die 36 vom Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) berufenen Autoren der Stellungnahme „Zukunft der deutschen Universitätsmedizin“ (Bekanntgabe) dürften aufmerksam registriert haben, was der Bundespräsident der neuen Bundesministerin für Bildung und Forschung am 14. Februar mit auf den Weg gab: „In der Wissenschaftspolitik stehen nach dem Auslaufen der drei großen Milliardenprogramme von Bund und Ländern wichtige Entscheidungen an“, sagte Joachim Gauck zu Johanna Wanka.

Die Universitätsklinika hat es sehr getroffen, dass die Förderung von Großgeräten durch die Hochschulbauförderungsprogramme weggefallen ist. „Der Bund hat sich hier ziemlich ,auf lau‘ verabschiedet und die Förderung in die Kompetenz der Länder gegeben“, sagt BÄK-Präsident Prof. Dr. med. Frank Ulrich Montgomery (Interview). Die Länder erfüllten diese Aufgabe aber nicht in dem Maße, wie es nötig sei.

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Die Finanzierungsfrage bildet den ersten von vier Schwerpunkten der Stellungnahme. Die universitäre Medizin werde hier vor ganz besondere Herausforderungen gestellt, betont Prof. Dr. Heyo Kroemer, federführend im betreffenden Arbeitskreis beim Wissenschaftlichen Beirat der BÄK: „Während das normal wirtschaftende Krankenhaus defizitäre Abteilungen zur Ergebnisverbesserung schließen kann, muss die Universitätsmedizin ihren Fächerkanon zu Ausbildungszwecken beibehalten.“ Neben den Erlösen aus der DRG-finanzierten Krankenversorgung und der Unterstützung durch die Länder sei daher eine dritte Finanzierungssäule notwendig, heißt es in dem Papier – für jene Aktivitäten, „die spezifisch für die universitäre Medizin sind und bisher nur unzureichend oder gar nicht durch die Fallpauschalen und die Landesfinanzierung für Forschung und Lehre abgebildet werden können“. Die dritte Säule könne aus Bundesmitteln und/oder einem DRG-Zuschlag gespeist werden.

Im zweiten Kapitel diskutieren die Wissenschaftler mögliche Rechts- und Organisationsmodelle. Empfohlen wird das Integrationsmodell, bei dem Forschung, Lehre und Krankenversorgung durch einen gemeinsamen Vorstand geleitet werden. „Unter der Voraussetzung eines harmonischen Miteinanders können in einem solchen Vorstand Synergieeffekte zwischen den drei Bereichen der Universitätsmedizin maximal genutzt werden“, betont Kroemer, der Sprecher des Vorstands der Universitätsmedizin Göttingen. Was die Trägerschaft angeht, so bezeichnen die Autoren öffentlich-rechtliche Modelle zwar als „wünschenswert“, ein privatrechtlich organisiertes Integrationsmodell könne aber auch eine „sinnvolle“ Organisationsform sein. „Die Perspektiven für die Länderfinanzen bedrohen manche Standorte der Universitätsmedizin“, sagt Prof. Dr. med. Dr. Peter C. Scriba, der Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der BÄK. Daher müsse über Alternativen nachgedacht werden. Von bisher eher unglücklich verlaufenden Teilprivatisierungen solle man sich nicht entmutigen lassen, sondern daraus lernen, meint Scriba, der bei Helios im Aufsichtsrat sitzt.

Das dritte Kapitel widmet sich den ärztlichen Karrierewegen. „Das Auswahlverfahren und der Zugang zum Medizinstudium müssen so gestaltet sein, dass sowohl überzeugend an kurativer Medizin interessierte Kandidaten als auch für Forschung geeignete junge Menschen identifiziert werden“, betont die Stellungnahme. Die rein wissenschaftliche Karriere sei derzeit für den ärztlichen Nachwuchs unattraktiv; unter anderem deshalb, weil die arztspezifischen Tarife bisher nur für Ärzte mit klinischem Einsatz gezahlt würden. Der Präsident der Sächsischen Lan­des­ärz­te­kam­mer, Prof. Dr. med. Jan Schulze, weist zudem auf Schwierigkeiten hin, die Facharzt-Weiterbildung und eine wissenschaftliche Karriere zu vereinbaren: „Der Einstieg in die wissenschaftliche Laufbahn findet parallel mit der Absolvierung der Weiterbildung statt. Insofern sollten vermehrt Möglichkeiten geschaffen werden, Forschungszeiten auf die Weiterbildung anzuerkennen.“ Die Reform der Weiter­bildungs­ordnung verspreche hier aber Besserungen.

Abschließend beschäftigt sich die Stellungnahme mit der Frage, inwiefern die „Ambulantisierung“ der Medizin die Funktionalität der Universitätsmedizin beeinflusst. Inzwischen würden immer mehr vormals stationäre Aufgaben von Niedergelassenen übernommen, beschreibt Versorgungsforscher Scriba die Entwicklung. Das sei gut im Sinne des gewünschten Transfers von Forschungsergebnissen in die praktische Anwendung: „Nachteilig für die universitäre Aufgabe ist aber, dass ein ausreichender Zugang zu wichtigen Krankheitsbildern für Lehre, Forschung und auch Weiterbildung praktisch kaum mehr gegeben ist.“ Wissenschaftsstandorte hätten sich zu hochspeziellen Leistungszentren entwickelt, die nicht immer das gesamte Krankheits- und Behandlungsspektrum abbildeten, das für die Anforderungen einer breit ausgelegten Facharztkompetenz notwendig sei, ergänzt Schulze: „Daher ist es zunehmend wichtig, dass Universitätsabteilungen untereinander, aber auch mit anderen stationären und ambulanten Abteilungen in einem Verbundsystem kooperieren.“

Die BÄK-Stellungnahme dient der nachhaltigen Zukunftsgestaltung der Universitätsmedizin. „Es wird aber deutlich, dass viele beschriebene Strukturprobleme für alle Krankenhäuser gelten“, unterstreicht Montgomery.

Jens Flintrop

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