ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2013Bericht über eine Restitution: Happy End für ein Gemälde

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Bericht über eine Restitution: Happy End für ein Gemälde

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): A-332 / B-306 / C-306

Klinkhammer, Gisela

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Max Slevogt (attr.), Prof. Dr. Paul Glaessner, circa 1910 (Öl auf Leinwand)
Max Slevogt (attr.), Prof. Dr. Paul Glaessner, circa 1910 (Öl auf Leinwand)

Ein Berliner Arzt ersteigert ein Bild und erfährt, dass es einst einem Berliner Medizinprofessor gehörte, der sich als Jude 1938 zur Emigration gezwungen sah. Die seltene Geschichte der privaten Rückgabe eines Porträts

Vor fünf Jahren wollte Dr. med. W. E. (Name der Redaktion bekannt), Berlin, ein Bild ersteigern. Auf einer Berliner Auktion wurde ein Gemälde angeboten, dass er selbst nur als „offensichtlich sehr ungepflegt, stark beschnitten und dazu ungerahmt“ bezeichnen konnte. Doch die „herausragende Malqualität“ hatte es ihm angetan. Nachdem er das Bild dann für einen „mittleren zweistelligen Betrag“ erworben hatte, ermittelte E. den Maler sowie die dargestellte Person. Seine Recherchen ergaben, dass es sich um ein Porträtwerk des Malers Max Slevogt handeln könnte. Der Keilrahmen trägt die Kugelschreiberbezeichnung „Prof. Glaessner Berlin“. Mit Hilfe von Berliner Adressbüchern, der Ärztekammer Berlin, der Archive von Bund und Land, vor allem aber der Entschädigungsbehörde auf dem Fehrbelliner Platz in Berlin gelang es, die Biografie des Porträtierten zu rekonstruieren:

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Paul Glaessner wurde am 15. Dezember 1876 in Lobositz (Böhmen) geboren. Er war bis zu seiner Einbürgerung in Chile tschechoslowakischer Staatsbürger. 1901 erhielt er in Prag die Approbation, dort wurde er an der Deutschen Universität auch promoviert. Im Anschluss an die Zeit als Assistent bei Professor Leser an der Universitätsklinik Halle wurde er Assistent von Professor Hoffa an der Berliner Charité. Nach dessen Tod leitete er die orthopädische Abteilung der Chirurgischen Universitätsklinik der Charité unter Professor Hildebrand. Am 18. März 1912 erhielt er die Anerkennung als Facharzt für Chirurgie und Orthopädie. Am 31. Juli 1919 wurde ihm der Professorentitel verliehen. Mehr als zwei Jahrzehnte unterhielt Glaessner anschließend ein bedeutendes „chirurgisch-orthopädisches Institut“ in Berlin.

Entwürdigung des privaten und beruflichen Lebens

Seit 1933 kam es zu einer zunehmenden Entwürdigung seines privaten und beruflichen Lebens. Nachdem ihm 1938 die kassenärztliche Zulassung entzogen wurde, entschloss er sich auszuwandern. Es kam zu „Verschleuderungsverkäufen von Grundbesitz, Einrichtungsgegenständen und medizinischem Gerät“, berichtet E. dem Deutschen Ärzteblatt. Anfang September gelang Glaessner die Flucht nach Prag. Ein Jahr später wanderte er nach Chile aus. Dort führte Glaessner bis zu seinem Herztod am 7. März 1950 nach Angabe der Witwe ein „relativ verarmtes und leidvolles Leben“. Sein Sohn starb 1989 in Chile, seine Tochter lebt heute noch im Alter von 98 Jahren in São Paulo, Brasilien.

Zu dem von ihm erworbenen Bild stellte sich E. mehrere Fragen: Hatte Glaessner sein Gemälde selbst verkleinert und anonymisiert, um es praktischer und gefahrloser mitnehmen zu können? Oder hatte die Scham eines Usurpators das Gemälde nach dem Krieg in die Vergessenheit verschwinden lassen? Jedenfalls landete es nach knapp 70-jähriger Verschollenheit völlig unscheinbar in der Berliner Auktion. Der neue Besitzer des Gemäldes bemühte sich jetzt nach eigenen Angaben darum, die lebenden Nachfahren der Familie Glaessner in Südamerika ausfindig zu machen, um ihnen die „Ikone ihres Großvaters“ zurückzugeben. Dies gelang ihm mit Hilfe von Dr. phil. Rebecca Schwoch vom Institut für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Hamburg. Am 19. September kam es zur Rückgabe an die Enkelin von Paul Glaessner.

Gisela Klinkhammer

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