ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 1/2013Börse und Wahlen: Steigende Kurse nach Parteienwechsel

SUPPLEMENT: PRAXiS

Börse und Wahlen: Steigende Kurse nach Parteienwechsel

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): [10]

Jobst, Peter

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Am 22. September wird der neue Bundestag gewählt. Wahlen bergen auch für Börsianer viel Spannung: Wie wirkt sich, so die Kardinalfrage, der Wahlausgang auf die Börse aus? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt: Manchmal lässt sich gut verdienen.

Fotos: dpa, Fotolia [m]
Fotos: dpa, Fotolia [m]

Die US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen sind vorbei, und die Börse hat reagiert. Da Barack Obama nicht unbedingt als Freund des Großkapitals gilt, gab der amerikanische Aktienmarkt, gemessen am Dow-Jones-Index, in den Tagen nach der Wahl bereits etwa fünf Prozent nach. Vor dem Wahltag herrschte jedoch noch großer Optimismus, der in dem ungewöhnlich massiven Indexanstieg von fast 30 Prozent seit Beginn des Wahlkampfs vor einem Jahr erkennbar wird.

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Auch in Deutschland wird Börsianern eine relativ eng vorgefasste Meinung von der Aktienkursentwicklung in Verbindung mit Wahlen nachgesagt. Eine konservative Regierung sei gut für Unternehmen und damit gut für die Börse, hingegen stehe eine sozialistische Regierung für niedrigere Unternehmensgewinne und damit sinkende Aktienkurse. Entsprechend deutlich sollen sich die Kurse im unmittelbaren Umfeld des Wahltermins entwickeln. Aber auch für die Wahljahre selbst herrscht die Meinung, dass die Börse meist freundlich notiert. „Wahljahre sind Kaufjahre.“

Allerdings haben die letzten Wahlperioden gezeigt, dass diese Meinung eher ein Vorurteil ist. Sowohl „rot“ wie „schwarz“ haben Reformen entwickelt, von denen die Unternehmen profitierten, etwa die Senkung von Steuersätzen, als auch solche, die negativ für die Wirtschaft waren, etwa die Einführung von Handelsbeschränkungen an der Börse. Auch ein Blick in die Statistik belegt, dass sich der Aktienmarkt nicht immer nach der politischen Meinung der Investoren richtet. So gaben die Kurse in den Monaten vor der ersten Schröder-Wahl zunächst fast um 22 Prozent nach, um in den folgenden Monaten mit einem Plus von 8,6 Prozent zu schließen.

Insgesamt halten sich Gewinne und Verluste in den zurückliegenden Wahljahren weitgehend die Waage. So wurden die Bürger seit 1949 bisher 17-mal zur Urne gebeten, wobei in neun Wahljahren die Notierungen um durchschnittlich 27,6 Prozent zulegen konnten, während sie in acht Wahljahren um durchschnittlich 16,7 Prozent gefallen sind.

Gemeinsam ist vielen Wahlperioden jedoch, dass Unsicherheiten über den Wahlausgang bei Börsianern absolut unbeliebt sind. Dies belegt auch die Statistik: In den letzten drei Monaten vor jeder Bundestagswahl entwickelten sich die Kurse in neun der bisher 17 Wahlperioden mit negativem Vorzeichen. Deutlicher aufwärts ging es lediglich dann, wenn die Wahlen ein aus Anlegersicht positives oder aber klares Ergebnis erwarten ließen, beispielsweise beim Regierungswechsel im Jahr 1983 von der SPD zur CDU.

Nach dem Wahltag sehen die Ergebnisse anders aus: In den drei Monaten nach dem Urnengang gaben die Kurse an der deutschen Börse nur in vier von 17 Börsenjahren nach, hingegen konnten sie 13-mal zulegen. Entscheidend ist dabei, dass am Wahltag klare Verhältnisse geschaffen werden, unabhängig davon, welche Partei die Mehrheit erreicht. So lassen sich die Verlustperioden 1965 und 1980 mit den anhaltenden Unsicherheiten begründen, 1987 und 2002 haben wegen der weltweiten Kursrückschläge an den Börsen eine Sonderstellung eingenommen.

Auffallend ist weiterhin eine gewisse „Regierungsmüdigkeit“: In den ersten Perioden nach einem Wechsel an der Regierung verzeichneten die Börsenkurse im Gesamtwahljahr oftmals beträchtliche Steigerungen. So kletterten die Notierungen – gemessen am Deutschen Aktienindex DAX – etwa im Jahr der Amtsübernahme von Helmut Kohl um 35,9 Prozent, bei Gerhard Schröder waren es im Wahljahr 1998 immerhin noch 20,4 Prozent und bei Angela Merkel im Jahr 2005 noch 27,1 Prozent. Die Euphorie lässt jedoch im Laufe der Amtszeiten nach. So fielen die Aktien zum Ende der Ära Adenauer um zehn Prozent, bei Erhard um 15 Prozent, bei Schmidt um 0,8 Prozent, und bei Kohl ging es sogar über eine längere Strecke um mehr als 30 Prozent abwärts. Überhaupt nicht von der Börse honoriert wurde auch die zweite Amtszeit von Gerhard Schröder, brachen doch die Kurse im Wahljahr 2002 um 43,9 Prozent ein.

Auch in den nächsten Monaten dürfte es sich mithin lohnen, die Wahlen in die Anlageentscheidungen einzubeziehen. Vor allem unzureichende Mehrheiten müssen – sowohl im Vorfeld als auch erst recht nach der Wahl – als gefährlich für die Börse angesehen werden. Je klarer jedoch die Lage und insbesondere der Wahlausgang, umso positiver ist dies letztlich für den Aktienmarkt.

Positive Impulse können weiterhin von den Wahlversprechen ausgehen. So stehen neu eingeführte Steuervorteile für mehr Kaufkraft und damit höhere Umsätze des Handels sowie – als Konsequenz daraus – höhere Unternehmensgewinne. Und davon sollte der Aktienmarkt profitieren können. Gleiches gilt aber auch für solche Geschenke, die lediglich als psychologischer Effekt zu sehen sind. Wenn zum Beispiel die aktuelle Regierung kurz vor der Wahl positive Meldungen über die Wirtschaftsentwicklung veröffentlicht oder von weiter sinkender Arbeitslosigkeit berichtet, besänftigt dies die Wähler und die Börse.

Diskutiert man jedoch zum Beispiel über neue Steuern (Stichwort: Vermögenssteuer) oder strengere Regeln für Börsengeschäfte, kann dies zu einem Kapitalabfluss führen. Denn eine alte Börsianerregel besagt: „Geld ist ein scheues Reh, schon bei der geringsten Gefahr wird es flüchten.“ Besonders krass war dies im Jahr 1987 zu beobachten, als ein beiläufiger Kommentar des damaligen Finanzministers Gerhard Stoltenberg zu einer Quellensteuer in erheblichem Umfang zum ersten Börsenkrach der Nachkriegszeit am 19. Oktober 1987 beigetragen hat.

Allerdings darf man das Thema Wahlen auch nicht mehr überbewerten. Angesichts der globalen Vernetzung der Börsen und der zunehmend einheitlichen Weltkonjunktur kommt der Wirtschaftsentwicklung mindestens dieselbe Bedeutung zu. Kommt es an den internationalen Aktienmärkten zu einer Baisse oder gar einem Crash, dürften ebenfalls die Wahlen in Deutschland keinen großen Einfluss auf den DAX haben. Mit Einschränkungen gilt dies auch, wenn die Aktienmärkte weltweit boomen. Da Deutschland jedoch in Hinblick auf seine Wirtschaft eine gewisse Vorbildstellung einnimmt, könnte ein aus Sicht der Börsianer sehr negativer Wahlausgang durchaus auch kursbelastend wirken.

In jedem Fall sind Anleger gut beraten, im Vorfeld der Bundestagswahl am 22. September und ebenso bei den vorangehenden Landtagswahlen die politische Stimmung genau zu beobachten. Vor allem sollten alle die Wirtschaft betreffenden Nachrichten aus den Parteien dahingehend geprüft werden, ob sie gegebenenfalls Auswirkungen auf die Kapitalmärkte haben könnten. Dabei gilt: Je liberaler die politische Steuerung, umso stärker sind erfahrungsgemäß die Profite an den Aktienmärkten. Peter Jobst

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