SUPPLEMENT: PRAXiS

Geldanlage: Ruinöse Angebote

Dtsch Arztebl 2013; 110(8): [20]

Morlin, János

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Foto: Fotolia/contrastwerkstatt
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Ärztinnen und Ärzte sind im Hinblick auf den Erwerb risikoreicher Kapitalanlagen besonders gefährdet. Viel Ärger bereiten hier derzeit die „Cross-Currency-Swaps“.

Ärzte vertrauen leicht, weil ihnen selbst erhebliches Vertrauen entgegengebracht wird. Sie sind also auf die Annahme von Vertrauensverhältnissen in Beratungsbeziehungen konditioniert. Ursächlich dafür ist das regelmäßig bestehende erhebliche Wissensgefälle zwischen Arzt und Patient, das den Patienten auf den Befund und die vorgeschlagene Behandlung des Arztes vertrauen lässt. Banken wissen das und arbeiten damit.

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Eine solche Wissensasymmetrie besteht in aller Regel auch zwischen der Bank als Anlageberaterin und dem Arzt als Anleger. Zudem steht der Arzt noch dazu häufig unter erheblichem Zeitdruck. Er hat kaum Zeit, den Anlagevorschlag der Bank zu prüfen oder kritisch zu hinterfragen und vertraut daher auf die Empfehlung der Bank.

Waren es vor zehn Jahren noch vermehrt geschlossene Fonds, die Ärzten als probates Mittel zur Steuerersparnis und Altersvorsorge angeboten wurden, wird die unheilsame Vertrauensbeziehung zwischen Banken und Ärzten in den letzten Jahren vermehrt durch Rechtsstreitigkeiten zwischen beiden im Hinblick auf den Erwerb spekulativer Derivate, vor allem „Cross-Currency-Swaps“, sichtbar.

Bei Cross-Currency-Swaps handelt es sich um bilaterale außerbörsliche Kontrakte. Dabei einigen sich Bank und Kunde, auf definierte Bezugsbeträge in unterschiedlichen Währungen periodische Zahlungsströme basierend auf festgelegten Zinssätzen auszutauschen.

Eine hochrisikoreiche, komplexe Spekulation

Zum Ende der Laufzeit werden die Bezugsbeträge in unterschiedlicher Währung zum im Vertrag vereinbarten Wechselkurs getauscht. Dabei können sich ganz erhebliche Abweichungen zum aktuellen Kassakurs (= Kurs bei sofort zu erfüllenden Geschäften) der Währungen ergeben.

Faktisch wird mit einem solchen Kontrakt ein „Carry-Trade“ synthetisiert, in dem sich der Anleger in einer niedrig verzinslichen Währung verschuldet und den so aufgenommenen Betrag in einer hochverzinslichen Währung anlegt. Er spekuliert dabei darauf, dass der ihm während der Laufzeit des Vertrages in der Hochzinsanlage zufließende Betrag den Betrag, den er in der Niedrigzinsverschuldung zu leisten hat, übersteigt und dieser Zinsvorteil nicht durch eine Abwertung der Hochzinswährung gegenüber der Niedrigzinswährung, insbesondere im finalen Währungstausch, aufgezehrt wird.

Bei einem solchen Derivat handelt es sich trotz der einfach aufgebauten Kontraktstruktur um eine hochrisikoreiche, komplexe Spekulation, die ein ganz erhebliches Wissen um verschiedene volkswirtschaftliche und finanzmathematische Parameter erfordert. Die mit einem solchen Kontrakt übernommenen Risiken sind dabei keineswegs theoretisch, sondern real und ruinös, wie spätestens mit dem Verfall des Euros gegenüber dem Schweizer Franken sichtbar geworden ist. Schäden in existenzbedrohender Höhe sind keine Seltenheit.

Nach der verfügbaren Datenlage wurde von den Banken im Rahmen des Vertriebs von Cross-Currency-Swaps regelmäßig so vorgegangen, dass zunächst der allgemeine Kundenberater des Arztes dessen Kreditfähigkeit ermittelte. Die dazu erforderlichen Informationen lagen dem Kundenberater meist schon vor, da oft bereits mit Krediten, etwa zur Praxisfinanzierung oder zum Immobilienerwerb, operiert worden war. Danach gab der Kundenbetreuer diese Daten bei attestierter Kreditwürdigkeit an den Derivate-Vertrieb weiter. Dem Arzt wurde im Anschluss ein als „Derivate-Spezialist“ bezeichneter weiterer Bankmitarbeiter vorgestellt, der ein Derivat zur Gestaltung, Optimierung oder Absicherung bestehender Zinsverbindlichkeiten vorstellte. Zugleich wurden „Derivate-Stammtische“ oder „Derivate-Frühschoppen“ von den Banken initiiert, in denen in lockerer Atmosphäre und größerer Runde über die Vor- und Nachteile von Finanzierungen in fremder Währung gesprochen wurde. Die Empfehlung der Bank hieß dann, Derivate zur Ausnutzung von Zinsdifferenzen in unterschiedlichen Volkswirtschaften abzuschließen. Die Kundenbetreuer erweckten den Eindruck der Beherrschbarkeit der empfohlenen Geschäfte. Sie argumentierten, die Swaps würden überwacht, und bei ungünstiger Entwicklung könne der Kunde problemlos Vertragsverlängerungen vereinbaren. Es entstand ein Eindruck von Geeignetheit und Sicherheit und nicht zuletzt eine gewisse Gruppendynamik, wenn der Nachbar am Derivate-Stammtisch mit glänzenden Augen von den Vorteilen von Swaps sprach.

Schadensersatz nur bei mangelhafter Beratung

Betroffene Ärzte, die heute ihre Engagements in solche Derivate reflektieren, müssen feststellen, dass sie häufig hohe Verluste erlitten haben. Teilweise ist die finanzielle Existenz bedroht, und das mühsam aufgebaute Vermögen ging verloren. Ihr Vertrauen wurde bewusst missbraucht. Es wird deutlich, dass die Bank nicht den Vorteil des Kunden, sondern den eigenen Profit im Sinn hatte. Eine ordnungsgemäße und erschöpfende sowie für den Kunden verständliche Aufklärung über die Chancen und Risiken fand nicht statt.

Für die Vergangenheit hilft nur die sorgfältige Aufarbeitung der Rechtsbeziehungen zwischen Arzt und Bank, die zu dem Abschluss der risikoreichen Derivate geführt hat. Häufig lassen sich Mängel in der Beratungsleistung der Bank feststellen. Dann kommt ein Anspruch auf Schadensersatz in Betracht, und der Kunde kann auf eine Kompensation der durch die pflichtwidrige Anlageberatung entstandenen Schäden hoffen. János Morlin, Rössner Rechtsanwälte, München

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