ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Bereitschaftsdienst im Lahn-Dill-Kreis: Wo Ärzte nachts gut schlafen

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Bereitschaftsdienst im Lahn-Dill-Kreis: Wo Ärzte nachts gut schlafen

Dtsch Arztebl 2013; 110(9): A-366 / B-334 / C-334

Rieser, Sabine

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In der Mitte Hessens wird der ärztliche Bereitschaftsdienst mit Hilfe von Kollegen in einer zentralen Leitstelle des Landkreises koordiniert. Das Besondere: Sie sitzen unter einem Dach mit den Disponenten für Rettungsdienst und Feuerwehr.

Zwei Professionen, eine Linie: Arzt Michael Saar (links) und Kreisbrandinspektor Rupert Heege in der Leitstelle. Fotos: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt
Zwei Professionen, eine Linie: Arzt Michael Saar (links) und Kreisbrandinspektor Rupert Heege in der Leitstelle. Fotos: picture alliance/Jan Haas für Deutsches Ärzteblatt

Wenn Dr. med. Michael Saar sich erinnert, wie seine Bereitschaftsdienste früher verliefen, klingt das, als ob er es selbst kaum noch glauben kann. „Alle Anrufe kamen bei mir zu Hause an“, erzählt er. „Der Opa kriegt so schlecht Luft“, habe es dann geheißen. „Ich raste mitten in der Nacht hin – da war der Notarzt auch schon da.“ Oder die vielen besorgten Mütter. „Die riefen nachmittags an, da war das Fieber des kranken Kindes noch nicht hoch. Nachts klingelte dann wieder das Telefon: 39,5 Grad Celsius! Aus lauter Sorge, dass es so weitergeht, bin ich meist hingefahren. Für mich war die Nacht gelaufen.“

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Das war vor mehr als zehn Jahren. Heute hat Saar zwar immer noch etwa 40-mal im Jahr Bereitschaft, aber er stellt fest: „Seit mehr als zwölf Monaten musste ich dafür nachts nicht mehr aus dem Bett.“ Lebensqualität, wie er findet.

Sie ist für ihn und circa 250 Vertragsärztinnen und -ärzte im Lahn-Dill-Kreis in der Mitte Hessens die Folge der guten Arbeit des A.N.R., des „Arzt-Notrufs in der Region“. 1996 gründeten die damals Niedergelassenen inklusive Saar, heute stellvertretender A.N.R.-Vorsitzender, den Verein. Der Vorstand, damals unter Führung von Dr. med. Gert Schmidt, verhandelte für die von langen Bereitschaftsdiensttagen und kurzen Nächten zermürbten Kollegen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen, dem Landessozialministerium und den Kassen erfolgreich sein Modell.

Fragen, zuhören, flink tippen

Seit Ende 1999 landen alle, die die örtliche Bereitschaftsdienstnummer wählen, bei einem Arzt des A.N.R., der gerade in der zentralen Leitstelle des Kreises in Wetzlar einen Dienst übernommen hat. Das Besondere: Dort sitzen nicht nur die ärztlichen Koordinatoren, sondern auch die Disponenten für Rettungsdienst, Feuerwehr und Katastrophenschutz. Und zwar in einem Großraumbüro, der „Integrierten Zentralen Leitstelle Lahn-Dill“, verbunden durch einen Einsatzleitrechner für alle.

An diesem Mittwoch hat Dr. med. Margarethe Best von 14 bis 19 Uhr den Dienst übernommen – freiwillig, wie alle Ärzte hier. Abends wird sie ein Kollege ablösen und bis morgens um sieben bleiben. Die Dienste werden mit 50 Euro pro Stunde honoriert. Bevor die langjährige Allgemeinärztin ihre Arbeit erläutern kann, klingelt das Telefon. „Arztnotruf, Dr. Best. Ich bin die diensthabende Ärztin“ – diesen Satz wird sie noch zigmal in das Mikrofon ihres Headsets sprechen. Best hört zu, fragt nach: Herzbeschwerden des Ehemanns? Zum ersten Mal? Seit wann? Schweißausbruch? Weitere Symptome?

„Arztnotruf, Dr. Best. Ich bin die diensthabende Ärztin.“ Schon diese wenigen Worte beruhigen viele Anrufer.
„Arztnotruf, Dr. Best. Ich bin die diensthabende Ärztin.“ Schon diese wenigen Worte beruhigen viele Anrufer.

Alle Informationen gibt sie umgehend in Kurzform in ein PC-Formular ein: Name, Adresse, Beschwerden, Krankenkasse. Extragroße Buchstaben und Zahlen auf der Tastatur erleichtern ihr das Tippen, mehrere Bildschirme nebeneinander helfen ihr, die Übersicht zu bewahren: Auf einem kann sie erkennen, welche Informationen sie beim Anrufer noch abfragen muss. Auf einem anderen Bildschirm tauchen, kaum dass sie den Anfang eines Ortsnamens eingegeben hat, schon die Namen und Adressen der Ärzte auf, die dort gerade im Bereitschaftsdienst sind. Auch Informationen über Apotheken, Krankenhäuser oder Anrufer in der Warteschleife kann die Ärztin abrufen.

„Ich schicke jetzt den Rettungswagen und den Notarzt los“, verspricht sie der Anruferin, die sich große Sorgen um ihren Mann macht, und legt auf. Der dafür zuständige Disponent schräg gegenüber hat es schon gehört. Ein Klick – und er hat alle Informationen parat, die sie zuvor eingegeben hat.

Eine schwierige Entscheidung? Diesmal nicht: „Das muss sofort abgeklärt werden“, sagt Best bestimmt. Sicher findet sie manche Entscheidung schwierig, selbst nach ungefähr zehn Jahren Diensterfahrung in der integrierten Leitstelle, denn: „Ich will nicht gleich den Rettungswagen schicken, aber auch nicht bagatellisieren.“ Ende der Erläuterungen, es klingelt wieder.

Oft hilft schon das Telefonat

„Arztnotruf, Dr. Best. Ich bin die diensthabende Ärztin.“ Eine Mutter ist am Telefon, deren Kind erkrankt ist. Kaum sind ihre Daten eingegeben, erscheint auf einem der Bildschirme, welcher Kinderarzt in ihrer Nähe in Bereitschaft ist. Best nennt der Mutter Name und Adresse und informiert auch den Kollegen. Das ist, als Fax oder Mail vom PC aus, üblich. Ein letzter Blick auf die Bildschirme: Nichts vergessen? „Ach, den Namen des Kindes“, stellt Best fest. Sie ruft zurück und füllt die Lücke im Formular aus.

Auch wenn in der Zentrale alle Koordinatoren für Krankheits- und Unglücksfälle in einem Raum zusammenarbeiten: Die Verantwortung ist eindeutig aufgeteilt. Kreisbrandinspektor Rupert Heege, der Hausherr, erläutert wie: „Der Bürger soll vorfiltern.“ Fürchtet eine Anruferin, ihr Mann habe einen Herzinfarkt erlitten, und wählt die 112 für den Rettungsdienst, dann ist der Rettungsdienst-Disponent zuständig und verantwortlich – bis er womöglich an die koordinierende Ärztin im Bereitschaftsdienst abgibt, weil er die Lage harmloser einschätzt als die Anruferin. Umgekehrt gilt: Wählt ein Anrufer 19292 oder 116117 für den ärztlichen Bereitschaftsdienst, entscheiden die Ärzte in der Leitstelle – bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie bitten, Fahrzeug und Notarzt loszuschicken.

Die Vorteile der klaren Regeln wie des engen Austauschs liegen für alle auf der Hand: Einem Drittel der Anrufer kann man telefonisch weiterhelfen, hat der A.N.R. ermittelt. Hausbesuche, nächtliche Einsätze im Bereitschaftsdienst, aber auch Selbsteinweisungen ins Krankenhaus haben deutlich abgenommen. Die Zeiträume, innerhalb derer die Rettungsfahrzeuge vor Ort sein können, haben sich verkürzt, weil sie gezielter losgeschickt werden als früher. „Wenn wir zu jedem Schnupfen den Notarzt schicken, müssten wir noch zehn mehr einsetzen“, betont Heege.

Der A.N.R.-Vorstand Saar schätzt die Zusammenarbeit in der Leitstelle sehr. „Früher haben wir jeden Unterzucker in die Klinik fahren lassen“, sagt er. „Das machen wir nicht mehr.“ Wenn jemand beim Patienten ist, den Blutzucker regelmäßig misst und engen Kontakt zum Arzt in der Leitstelle hält, geht es auch ohne Klinik. Diensthabende Ärztinnen wie Best telefonieren dann regelmäßig mit dem Angehörigen des Diabetikers, schließen sich stündlich mit Müttern hochfiebernder Kinder kurz oder helfen einer Pflegerin im Altenheim mit einem kranken Patienten durch die Nacht. „Die Kollegen haben sowieso Dienst und sind nicht so muffig, wenn man mehrmals anruft, wie ein Arzt draußen im Bereitschaftsdienst“, findet Saar. „Und wenn man von der Zentrale informiert wird und raus muss, weiß man: Jetzt ist es wirklich ernst.“

Mitschnitt für Beschwerden

„Frau Dr. Best, hier ist ein Anruf, der ist nicht so schön“, ruft ein Disponent des Rettungsdienstes. „Taubheitsgefühle im Gesicht. Wollen Sie den mal haben?“ Best will. Ein paar Klicks, und sie sieht auf ihren Bildschirmen, wonach der Disponent sich schon erkundigt hat und wer anruft. Etliche Nachfragen, dann ist sie sicher: Kein Schlaganfall, eher eine verschleppte Zahnentzündung. Der Anrufer verspricht, umgehend in die nächste Zahnklinik zu fahren.

Und wenn sich Best geirrt hat? Eine Fehldiagnose gestellt hat? Beschwerden gab es selten, juristische Klagen noch nie, aber: Alle Telefonate werden aufgezeichnet, die Entscheidungen sind somit nachvollziehbar. Im Fall der Fälle setzen sich Heege und Dr. med. Horst Klewer, der Obmann der Leitstellenärzte, zusammen und hören das Band vom Einsatztag ab. Dann sprechen sie mit demjenigen, der sich beschwert hat. Die wenigen Male bisher hätten gezeigt: Die Bürger erinnerten sich unzureichend; kein Wunder bei der Aufregung, berichtet Klewer. Alles perfekt also?

Auch im Lahn-Dill-Kreis nicht. „Die älteren Kollegen tun sich schwer, eine ganze Nacht lang hier zu sitzen“, sagt Saar. Dazu kommen Debatten übers Geld. In den ersten zehn Jahren übernahmen die Krankenkassen sämtliche Kosten; jährlich etwa 650 000 Euro. Mittlerweile tragen sie nur noch ein Drittel direkt. Ein weiteres Drittel finanzieren die Vertragsärzte über eine monatliche Umlage von 50 Euro, ein Drittel über die Abrechnung einer telefonischen Beratung pro Anrufer.

Der A.N.R. hat zwar berechnen lassen, was die Kassen an Krankenhauseinweisungen und Rettungsdienstfahrten sparen. Heege ist sich auch sicher, dass er ohne die ärztlichen Telefonkoordinatoren mehr Fahrzeuge vorhalten und mehr Notärzte einsetzen müsste. Doch es blieb immer schwierig, alle Krankenkassen von der Effizienz der Leitstelle zu überzeugen. Immerhin: Ende 2012 haben sie den Vertrag mit dem A.N.R. unbefristet verlängert.

Anfangsdebatte um Struktur

Und warum hat das Modell bislang keine Nachahmer gefunden? Man müsse es schon miteinander können, heißt es in Wetzlar. Heege und Saar verleugnen nicht, dass es anfangs Schwierigkeiten gab. „Wir arbeiten extrem strukturiert“, betont der Kreisbrandinspektor. „Die Einsatzzeiten, die wir einhalten müssen, sind ja gesetzlich vorgegeben.“ Die Ärzte mit ihrem Bereitschaftsdienst fand er anfangs nicht sehr gut organisiert. Ob sie mit der Technik und den Abläufen in der Leitstelle perfekt und zügig klarkommen würden, bezweifelte er. „Dieses Durchorganisierte des Rettungsdienstes und der Feuerwehr war vielen Ärzten ein Gräuel“, bestätigt Saar lächelnd.

Grundsätzlich muss, wer in der Leitstelle koordinieren will, längere ärztliche Erfahrung mitbringen und sich technisch schulen lassen. Längst läuft es gut. Das klingt bei Heege so: „Wir sind technisch und kommunikativ auf einer Ebene.“

Sabine Rieser

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