ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Interview mit Dr. med. Ingo Patschke, Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr: „Wir brauchen Kooperationen“

POLITIK: Das Interview

Interview mit Dr. med. Ingo Patschke, Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundeswehr: „Wir brauchen Kooperationen“

Dtsch Arztebl 2013; 110(9): A-372 / B-340

Hibbeler, Birgit; Gerst, Thomas

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Generaloberstabsarzt Ingo Patschke (60) ist der ranghöchste Arzt bei der Bundeswehr. Sein Dienstsitz ist die Rheinkaserne in Koblenz. Foto: Lajos Jardai
Generaloberstabsarzt Ingo Patschke (60) ist der ranghöchste Arzt bei der Bundeswehr. Sein Dienstsitz ist die Rheinkaserne in Koblenz. Foto: Lajos Jardai

Generaloberstabsarzt Ingo Patschke über den Ärztemangel bei der Bundeswehr, den steigenden Frauenanteil bei den Sanitätsoffizieren und die Zusammenarbeit mit dem zivilen Gesundheitswesen

Der Bundeswehr fehlen etwa 500 Sanitätsoffiziere. Ist die medizinische Versorgung der Soldaten überhaupt noch gewährleistet?

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Patschke: Der Meinung bin ich schon. Allerdings können wir die Versorgung künftig nicht mehr alleine gewährleisten. Wenn Sie sich die stationäre Versorgung ansehen: Wir sind in ganz Deutschland an fünf Standorten mit einem Bundeswehrkrankenhaus vertreten. Wir brauchen also Kooperationen mit den zivilen Kliniken und niedergelassenen Ärzten.

Mit der Bundeswehrreform schrumpft der Sanitätsdienst. Aber die Zahl der Stellen für Ärzte in der Weiterbildung steigt. Wie wollen Sie diese besetzen, wenn das heute schon nicht gelingt?

Patschke: Hier bin ich zuversichtlich. Den Personalverlust, mit dem wir vor einigen Jahren zu kämpfen hatten, konnten wir stoppen. Wir haben eine kontinuierliche Zunahme bei den Ärztinnen und Ärzten – zum einen durch eine höhere Zahl unserer Studierenden, zum anderen durch Seiteneinsteiger.

Was tut die Bundeswehr, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein?

Patschke: Der Sanitätsdienst bietet ausgezeichnete Weiter- und Fortbildungsmöglichkeiten. Wir können in weiten Bereichen die Arbeitszeiten flexibel gestalten. Außerdem haben wir finanzielle Anreize in Form von Zulagen geschaffen, um gerade die Ärzte in den Bundeswehrkrankenhäusern zu binden. Bei Ausgleichszahlungen für mehr geleistete Dienste oder Rufbereitschaften haben wir hier deutlich zugelegt.

Wenn es nur für bestimmte Bereiche Zulagen gibt, empfinden das die anderen nicht als ungerecht?

Patschke: Sicher gibt es eine Diskussion zwischen den Ärzten in den Kliniken und denen in regionalen Sanitätseinrichtungen, wie der „Kuchen“ verteilt wird. Das ist bei uns nicht anders als im zivilen Gesundheitswesen.

Was können Sie denn Quereinsteigern bieten? Ärzte werden ja überall händeringend gesucht.

Patschke: Wir bieten vor allem weniger Bürokratie. Für mich ist das fast erstaunlich. Aber es wird von den Seiteneinsteigern so empfunden. Und wir arbeiten nicht so budgetgetrieben. Natürlich ist es auch für uns von Vorteil, wenn wir durch DRGs Erlöse mit zivilen Patienten generieren. Grundsätzlich ist es bei uns aber so, dass man sich auf die Arbeit als Arzt konzentrieren kann. Das imponiert vielen Kolleginnen und Kollegen.

Der Wehrbeauftragte kritisiert in seinem aktuellen Bericht, dass man in den Bundeswehrkrankenhäusern den Fokus auf zivile Patienten legt, um Geld zu verdienen. Stimmt das?

Patschke: Der Wehrbeauftragte ist der Anwalt der Soldaten. Deswegen verstehe ich, dass er warnend den Finger hebt. Aber ich kann Ihnen versichern: Es kommt uns in unseren Einrichtungen nicht aufs Geldverdienen an. Es geht darum, unsere Ärzte für die Einsätze zu schulen. Daraus begründet sich die Existenz der Bundeswehrkrankenhäuser. Wenn ein Arzt beispielsweise eine Amputation bei einem zivilen Patienten vornimmt – sei es nach einem Verkehrsunfall oder bei einer diabetischen Gangrän – erwirbt er Kompetenzen für den Einsatz.

Stoßen Sie bei den Auslandseinsätzen personell an die Grenzen?

Patschke: Nein. Wir haben 120 Ärzte im Einsatz. Bei den Rettungsmedizinern haben wir zum Beispiel einen Pool, auf den wir kurzfristig zurückgreifen können. Ärzte, die mit auf Patrouille gehen, also in beweglichen Arzttrupps, brauchen eine besondere Ausbildung. Fundierte medizinische Kenntnisse, aber auch eine spezielle militärische Ausbildung. Derzeit haben wir keine Engpässe. Man muss aber auch sagen: Wir haben momentan keinen High-Intensity-Conflict. Die Belastung könnte also noch steigen.

Der Frauenanteil bei den Humanmedizinern liegt im Sanitätsdienst bei 37 Prozent. Das bedeutet: Mehr Ausfälle durch Schwangerschaft und Elternzeit. Schränkt das Ihre Arbeit ein?

Patschke: Natürlich bringt der steigende Frauenanteil Herausforderungen mit sich. Stichwort Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber wir brauchen die Frauen. Die Alternative wäre, niemanden zu haben. Frauen bringen außerdem viele positive Eigenschaften mit. Im Übrigen gibt es auch immer mehr Männer, die eine Elternzeit für sich in Anspruch nehmen.

Hat die Bundeswehr das Thema verschlafen?

Patschke: Für den Sanitätsdienst kann ich sagen, dass wir traditionell immer einen hohen Frauenanteil hatten. Jetzt ist das Thema für die gesamte Bundeswehr relevant. Aber darin spiegelt sich eine gesellschaftliche Diskussion wider – etwa um Kita-Plätze. Beim Sanitätsdienst müssen wir in vielen Bereichen noch besser werden, gerade bei den Teilzeitmöglichkeiten und der Kinderbetreuung.

Aber es gibt doch auch Bereiche, wo die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht umsetzbar ist. Was ist mit Auslandseinsätzen oder Marine-Törns über mehrere Monate?

Patschke: Das ist sicher richtig. Aber ich denke: Es gibt auch eine „Paybackzeit“. Wenn wir als Arbeitgeber die Frauen in der Zeit der Familiengründung unterstützen, entsteht daraus – so glaube ich – eine langfristige Bindung. Das Frauenbild hat sich außerdem geändert. Wenn man heute eine Familie gründet, ist das nicht das Ende der Karriere. Ich kenne viele junge weibliche Sanitätsoffiziere, die früh ihre Kinder einer Tagesmutter oder einer Kita anvertrauen und wieder einsteigen. Die können wir ohne weiteres wieder in Kliniken oder an regionalen Standorten einsetzen.

Stichwort regionale Sanitätseinrichtungen. Ein Fünftel der Truppenarztstellen ist unbesetzt. Wie gehen Sie damit um?

Patschke: Gerade weil das so ist, haben wir uns im Zuge der Neuausrichtung der Bundeswehr zu einer Umgliederung entschlossen. Teilweise war die Präsenzstärke unter 50 Prozent. Bei einem Standort mit einem Arzt bedeutet dies: kein Arzt. Jetzt wird die Zahl der Einrichtungen entsprechend der Stationierung reduziert. Planerisch haben wir mindestens drei Ärzte und zwei Zahnärzte pro Standort vorgesehen.

Wie weit müssen die Soldaten dann fahren, wenn sie einen Arzt brauchen?

Patschke: Es gibt eine Obergrenze von 30 Kilometern. Alles, was darüber liegt, müssen wir anders regeln – zum Beispiel durch Kooperationen mit dem zivilen Bereich.

Sind das Kooperationen mit einzelnen Ärzten oder auch mit den Kassenärztlichen Vereinigungen?

Patschke: Das sind Kooperationen vor Ort. Zur Kooperation mit den Kassenärztlichen Vereinigungen gibt es bisher nur Überlegungen. Angesichts des Ärztemangels und der demografischen Entwicklung könnte es aber in manchen ländlichen Gegenden durchaus sinnvoll sein, stärker zusammenzuarbeiten.

Wie könnte das aussehen?

Patschke: Wenn wir tatsächlich in einer Region Ärzte haben, weil wir dort über Truppenstandorte verfügen, aber die Bevölkerung nicht versorgt ist – dann müsste man abwägen, welche Möglichkeiten es gibt. Bis Mitte des Jahres wollen wir unsere Planungen für alle Standorte abschließen. Dann werden wir sehen, welche Optionen man in Modellprojekten testen kann. Wir können nicht der Hausarzt der Bevölkerung sein. Aber in unterversorgten Regionen sollten alle Player an einem Strang ziehen.

Ein Bereich, in dem die Bundeswehr auf das zivile Gesundheitswesen angewiesen ist, sind psychische Erkrankungen. Immer mehr traumatisierte Soldaten, zu wenige Psychiater. Wie passt das zusammen?

Patschke: Hier laufen wir tatsächlich der Entwicklung hinterher. Wir haben zwar hervorragend ausgebildete Kollegen und auch einige in der psychiatrischen Weiterbildung. Aber der Weg bis zur Facharztprüfung ist lang. Derzeit hakt es vor allem beim sozialmedizinischen Anerkennungsverfahren für dauerhaft Erkrankte. Das dauert zu lange. Die Behandlung der betroffenen Soldaten ist aber grundsätzlich gewährleistet. Wir haben gute Kliniken.

Wie sieht die Belastung für Ärztinnen und Ärzte im Einsatz aus?

Patschke: Es sind zwei Ängste, die besonders junge Kollegen haben. Einmal ist es die Angst, fachlich zu versagen, die Angst, dass ein Patient stirbt. Und dann natürlich die Angst vor der eigenen Verwundung. Hinzu kommt: Unsere Patienten sind gleichzeitig unsere Kameraden. Wenn man einen Patienten bekommt, der die gleiche Uniform trägt wie man selbst, dann ist das eine besondere Situation. Im Einsatz ist die Betroffenheit maximal. Das Gefühl, eine Familie zu sein, ist viel größer als sonst in Deutschland.

Das Gespräch führten Dr. med. Birgit Hibbeler und Thomas Gerst.

@Der Bericht des Wehrbeauftragten im Internet: www.aerzteblatt.de/13372

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Avatar #100415
edehac
am Freitag, 8. März 2013, 18:59

Sanitaetsdienst fuer alle Menschen in Deutschland

Frage mich schon seit langem, inwieweit der Sanitaetsdienst der Bundeswehr nicht geeignet ist als Beispiel fuer die Einfuehrung eines staatlichen Gesundheitsdienstes in Deutschland. Wenn dieser staatliche Gesundheitsdienst so ausgestattet ist wie der Sanitaetsdienst der BW koennte eigentlich keiner etwas dagegen haben, ausser die ueblichen Profiteure der Medizin-/Pharmaindustrie.
Gegenargumente - auf geht´s.

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