ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Das Gespräch mit Wolfgang Plischke, Vorstand der Bayer AG, und Gregor Strauch, Bundesverband der Deutschen Industrie: „Der größte Sektor für Wertschöpfung“

POLITIK: Das Gespräch

Das Gespräch mit Wolfgang Plischke, Vorstand der Bayer AG, und Gregor Strauch, Bundesverband der Deutschen Industrie: „Der größte Sektor für Wertschöpfung“

Dtsch Arztebl 2013; 110(9): A-375 / B-342 / C-342

Korzilius, Heike

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Wolfgang Plischke (61) gehört seit 2006 dem Vorstand der Bayer AG an. Der Biologe ist dort verantwortlich für Technologie, Innovation und Nachhaltigkeit. Als Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheitswirtschaft im BDI setzt er sich für die Forschungsförderung ein. Fotos: Eberhard Hahne
Wolfgang Plischke (61) gehört seit 2006 dem Vorstand der Bayer AG an. Der Biologe ist dort verantwortlich für Technologie, Innovation und Nachhaltigkeit. Als Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheitswirtschaft im BDI setzt er sich für die Forschungsförderung ein. Fotos: Eberhard Hahne

Kostentreiber oder Wachstumsmotor? Der Bundesverband der Deutschen Industrie will über die Bedeutung der Gesundheitsbranche für die Patientenversorgung und die Volkswirtschaft aufklären.

Prof. Dr. rer. nat. Wolfgang Plischke hat sich Zeit genommen, denn das Thema ist ihm wichtig. Es geht um die Bedeutung der Gesundheitswirtschaft, deren Interessen seit kurzem in einem eigenen Ausschuss im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gebündelt werden sollen. Der Vorstand der Bayer AG hat dort den Vorsitz übernommen. „Es gibt eigentlich keinen größeren Sektor, in dem Wertschöpfung für Deutschland, aber auch für unsere Exportwirtschaft stattfindet“, sagt Plischke im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt und lässt Zahlen sprechen:

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Zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden im Gesundheitssektor erwirtschaftet. Fünf Millionen Menschen sind dort beschäftigt. „Das bedeutet, dass jeder siebte Arbeitnehmer in dieser Branche tätig ist“, betont der Bayer-Vorstand. Weltweit schätze man das Wachstum in der Gesundheitswirtschaft auf jährlich sechs Prozent, in Deutschland werde immerhin ein Wachstum von 3,3 Prozent erwartet – deutlich mehr als für die Gesamtwirtschaft. „Die Zukunftsperspektiven für diese Branche sind enorm gut“, meint der Manager. Die Gründe: Die Weltbevölkerung wächst, die Menschen leben länger, benötigen mehr medizinische Leistungen, können sich diese durch zunehmenden Wohlstand auch vermehrt leisten.

Für Plischke ist es deshalb höchste Zeit, das Image der Gesundheitsindustrie aufzupolieren. „Wir haben den Ausschuss Gesundheitswirtschaft etabliert, weil wir erreichen wollen, dass der Branche die entsprechende Aufmerksamkeit zugutekommt – in der Öffentlichkeit und in der Politik.“ Dort stehe noch viel zu sehr der Kostenaspekt von Gesundheitsleistungen im Mittelpunkt. „Wir wollen, dass der gesellschaftliche Wert von Gesundheitsprodukten anerkannt wird“, erklärt Plischke. Das betreffe den wirtschaftlichen Wert, aber auch den Wert für die Patientinnen und Patienten – durch bessere Diagnoseverfahren, bessere Arzneimittel oder neue Technologien. „Im Moment ist es doch so, dass das neue iPhone mehr Aufmerksamkeit erhält als echte Durchbrüche in der Medizin.“ Das Resultat seien Sparmaßnahmen, die auf lange Sicht den Patienten schadeten.

Jüngste Beispiele dafür sind aus Sicht der Pharmaindustrie der erhöhte Zwangsabschlag und das Preismoratorium für Arzneimittel. Beides war 2010 eingeführt worden, weil man bei den Krankenkassen ein Defizit von elf Milliarden Euro befürchtete. Inzwischen verzeichne die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) Überschüsse von nahezu 30 Milliarden Euro. Trotzdem müssten die Pharmaunternehmen den Kassen weiterhin den von sechs auf 16 Prozent erhöhten Zwangsrabatt einräumen, klagt der Verband forschender Arzneimittelhersteller, Mitglied im BDI-Ausschuss Gesundheitswirtschaft. Auch der Preisstopp gelte weiter. „Die Krise ist ausgefallen. Da überrascht es schon, dass das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium die einschneidenden Notmaßnahmen nicht beenden will“, heißt es dort.

Im Ministerium geht man hingegen nicht davon aus, dass die Pharmaunternehmen durch das Preismoratorium und die Herstellerabschläge überproportional belastet werden. Beide Maßnahmen seien als Vorgriff auf die Preisverhandlungen zwischen dem GKV-Spitzenverband und den Pharmaunternehmen getroffen worden. Das jährliche Einsparvolumen, das man sich davon verspreche, werde allerdings noch nicht erreicht. Deshalb bleibe erst einmal alles beim Alten.

Dagegen hob Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler bei einer Veranstaltung des BDI im vergangen Oktober die Wachstumskraft und Innovationsstärke der Gesundheitsbranche hervor. Gerade die Medizintechnik „Made in Germany“ genieße international hohes Ansehen. Das Gesundheitssystem brauche aber einen gut funktionierenden Markt. Die derzeitige Durchregulierung sei nicht innovationsförderlich.

Gregor Strauch (36) leitet den Ausschuss Gesundheitswirtschaft seit dessen Gründung im September 2012.
Gregor Strauch (36) leitet den Ausschuss Gesund­heits­wirtschaft seit dessen Gründung im September 2012.

Kostentreiber oder Wachstumsfaktor? Für Bayer-Vorstand Plischke ist das keine Frage. Er wünscht sich einen besseren Dialog über die einzelnen Felder der Gesundheitswirtschaft, aber auch über die Politikressorts hinweg. „In der Industrie sitzen bei Entscheidungen immer mehrere Personen am Tisch: diejenigen, die etwas von Forschung verstehen, diejenigen, die etwas von Wirtschaftlichkeit verstehen, und diejenigen, die wissen, was dem Patienten nützt.“ Für einen solchen fachübergreifenden Dialog ebenfalls in der Politik zu werben, sei wichtig. Dann könne man auch inhaltlich etwas bewegen. „Dabei spielt die Frage der Kosten natürlich auch für uns eine Rolle“, meint der gelernte Biologe. „Wir sind uns wohl bewusst, dass wir dazu beitragen müssen, dass man sich neue Therapien auch leisten kann.“

Denn: „Ohne Innovationen gibt es keine bessere Versorgung“, sagt der Geschäftsführer des Ausschusses Gesundheitswirtschaft, Dr. jur. Gregor Strauch, und kommt damit zu einem zentralen Anliegen. Um die Innovationskraft der Industrie zu erhalten, müssten Anreize geschaffen werden, fordert der Jurist. Man wolle sich deshalb für eine steuerliche Forschungsförderung einsetzen, wie sie in fast allen OECD-Staaten bereits etabliert sei.

Zwar steht Deutschland, was die Innovationsfähigkeit betrifft, im internationalen Vergleich nicht schlecht da. In einem Ranking der OECD-Staaten belegt das Land Strauch zufolge „einen guten sechsten Platz“. Das Beispiel vergleichsweise kleiner Nationen wie Belgien oder der Niederlande belege aber, was eine Steigerung der Ausgaben für Innovationen leisten könne. Gemessen am Ranking 2011 seien beide an Deutschland vorbeigezogen.

Beim Thema Innovationsförderung sei das Geld die eine Seite, die andere sei die „ideelle Akzeptanz“, wie Bayer-Vorstand Plischke es formuliert. In Deutschland herrsche da eine eher kritische Einstellung. Beispiel Pharmaindustrie: Vielfach werde kritisiert, dass es nicht genügend wirkliche Innovationen gebe, die Firmen sich auf die Weiterentwicklung bekannter Substanzen konzentrierten. „Dabei ist wahnsinnig viel passiert. Nehmen Sie HIV.“ Die Industrie habe erst in den 1980er Jahren mit der Forschung dazu begonnen. „Heute ist das eine chronische Erkrankung.“ Ähnliches gelte für die Behandlung von Leukämien oder Parkinson. „Was gab es denn da vor 20 Jahren zur Behandlung?! Wir müssen mehr dafür tun, solche Errungenschaften zu kommunizieren.“

Die deutsche Skepsis gegenüber Technik und Innovationen hat für den Naturwissenschaftler Plischke auch etwas mit der hiesigen Bildungstradition zu tun. „Wir haben zu lange die sogenannten MINT-Fächer vernachlässigt, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik.“ Wenn sich junge Leute damit nicht beschäftigten, könnten sie vieles weder intellektuell noch emotional begreifen. Der Innovationsindikator 2012 der Deutschen-Telekom-Stiftung und des BDI gibt ihm recht. Das schwache Bildungssystem sei ein wesentlicher Grund, warum Deutschland nicht den Durchbruch an die Spitze der innovationsfähigsten Industrienationen schaffe, heißt es dort.

Grund für Pessimismus sehen aber weder Strauch noch Plischke. „Die Gesundheitswirtschaft in Deutschland ist trotz mancher Schwachpunkte sehr gut aufgestellt“, bekräftigt der Bayer-Vorstand. „Wir haben sehr kompetitive Arzneimittelfirmen, wir haben Weltmarktführer im Bereich Medizintechnik.“ Industrie und Wissenschaft seien gut vernetzt, die Firmen könnten auf hochqualifizierte Mitarbeiter zurückgreifen, die Exportquote in der Gesundheitswirtschaft liege bei 75 Prozent. „International wettbewerbsfähig bleiben Sie aber nur, wenn Sie im eigenen Land eine starke Stellung haben und entsprechend gewürdigt werden.“

Heike Korzilius

Fakten und Forderungen

Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) werden zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts im Gesundheitssektor erwirtschaftet. Knapp fünf Millionen Arbeitnehmer sind dort beschäftigt. Weltweit erwartet man für die Branche ein Wachstum von jährlich sechs Prozent, in Deutschland von 3,3 Prozent. Die Exportquote liegt bei 75 Prozent. Der neue Ausschuss Gesundheitswirtschaft im BDI will Wahrnehmung und Wertschätzung der Branche verbessern und sich für ein abgestimmtes Vorgehen der für die Gesundheitswirtschaft bedeutsamen politischen Ressorts einsetzen. Konkret fordert der Ausschuss, Forschung steuerlich zu fördern und in der Bildungspolitik die Naturwissenschaften zu stärken.

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