ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Börsebius: Teppichhändler

GELDANLAGE

Börsebius: Teppichhändler

Dtsch Arztebl 2013; 110(9): A-404 / B-364 / C-364

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Bei mir um die Ecke logiert ein Teppichhändler, der seit Jahren ständig und mittlerweile zum x-ten Mal den totalen Räumungsverkauf propagiert und das mit wunderschönen Geschichten verbrämt, etwa so, er habe sich Jahrzehnte für seine Kunden den Buckel krumm gemacht, aber jetzt fordere seine angegriffene Gesundheit ihren Tribut und, ach leider, nun müsse er eben schließen, gleichwohl würden die lieben Kunden jetzt aber mit grandiosen Rabatten von 80 Prozent für ihre Treue belohnt. Na ja, ist ja auch kein großes Kunststück, etwa einen mittelalten Täbris, der einen Wert von bestenfalls 1 000 Euro hat, mit dem Zehnfachen auszuzeichnen und ihn dann für 2 000 zu verhökern. Echt ein tolles Geschäft.

So eine Art personalen Räumungsverkauf, wenn auch nicht total, hat jüngst die Commerzbank verkündet. In Deutschland sind allein 4 600 Stellen gefährdet, und die Mitarbeiter reagierten auf die Streichungsankündigung mit Wut, Enttäuschung, aber auch Verzweiflung. Mit besonderer Bitternis vernahmen die Geldleute denn auch die Ankündigung ihres obersten Chefs, wegen der ziemlich lauen Bilanz für das Geschäftsjahr 2011 auf die ihm eigentlich zustehende „Erfolgsprämie“ zu verzichten. Kunststück, zuvor ließ sich Martin Blessing sein (zuvor auf 500 000 Euro gedeckeltes) Salär nahezu verdreifachen, genaugenommen sind es „nur“ 1,3 Millionen Euro. Großartig. Ein Teppichhändler hätte es nicht besser hinbekommen.

Wie die Politik und die Regierung als Miteigentümer der Commerzbank eine solche Chuzpe hinnehmen, weiß ich nicht, es bleibt nur mehr zu hoffen, dass hinter den Kulissen dem Herrn Blessing gründlich die Leviten gelesen werden. Dass die Aktionäre seit 2008 keine Dividende mehr bekommen haben und diese auch für das laufende Jahr leer ausgehen werden, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil.

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Ach, und übrigens, um noch einmal die Kurve zu den Teppichhändlern zu bekommen. Natürlich kann es Ihnen dort jederzeit passieren, dass Sie einen echten Perser für teures Geld erstehen, der am Ende so echt ist, wie Don Giovannis Liebesschwüre. Natürlich hilft es unmittelbar, solche Etablissements zu meiden. Nur glauben Sie bloß nicht, dass Ableger im Geiste nicht auch am Finanzmarkt vorkommen. Indexzertifikate, die keineswegs die Werte im Bestand haben, die sie zu haben vorgeben, gehören genauso dazu wie Aktienanleihen, die nach wie vor auch von Banken verkauft werden, die sich gern als renommiert bezeichnen. Die branchenübergreifende Vorsicht also, die ist wichtig.

Börsebius-Telefonberatung „rund ums Geld“

Wie an jedem 1. Samstag des Monats, können Sie auch am 2. März 2013 in der Zeit von 9 bis 13 Uhr Börsebius (Diplom-Ökonom Reinhold Rombach) anrufen (0221 985480-20). Die kostenlose Telefonberatung ist ein spezieller Service des Deutschen Ärzteblattes für seine Leser.

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