ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Valproatexposition des Fetus I: Risiko für autistische Störungen ist erhöht

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Valproatexposition des Fetus I: Risiko für autistische Störungen ist erhöht

Dtsch Arztebl 2013; 110(9): A-386 / B-352 / C-352

Imhoff-Hasse, Susanne

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Die Antiepileptika-Einnahme bei Schwangeren kann mit einer erhöhten Prävalenz von Entwicklungsstörungen des zentralen Nervensystems beim Kind assoziiert sein. In der im Jahr 2000 begonnenen Kohortenstudie zur Dokumentation der physischen und kognitiven Entwicklung von Kindern, die vor der Geburt gegenüber Antiepileptika exponiert waren, wurde ihren Müttern Valproat (VPA), Valproat in Kombination mit anderen Substanzen (PolyVPA), Carbamazepin (CBZ) oder Lamotrigin (LTG) gegeben. 243 schwangere Epileptikerinnen bildeten die eine Kohorte, 285 gesunde Schwangere die Kontrollgruppe, rekrutiert wurden sie jeweils in Pränatalkliniken in Großbritannien. Einer Exposition im Uterus waren 59 ungeborene Kinder CBZ ausgesetzt, 59 weitere VPA, 36 LTG, 14 einer anderen Monotherapie und 41 einer Therapie von Valproat kombiniert mit mindestens einem anderen Wirkstoff. 34 Epileptikerinnen nahmen in der Schwangerschaft keinen Arzneistoff ein.

Von den zwischen 2000 und 2004 geborenen 528 Kindern wurden 415 (78,6 Prozent) longitudinal bis zum Alter von sechs Jahren begleitet, dem Endpunkt der Studie. Die Epileptikerinnen gebaren 201 Kinder, die Frauen der Kontrollgruppe 214. Die übrigen Kinder schieden formal aus. Ein 6-fach erhöhtes Risiko für neuronale Entwicklungsstörungen verglichen mit den Schwangeren der Kontrollgruppe zeigte demnach der Nachwuchs der Epileptikerinnen unter VPA in der Schwangerschaft und ein 10-fach erhöhtes Risiko derjenige von Müttern mit Poly-VPA. Die häufigste Entwicklungsstörung war Autismus, gefolgt vom Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) sowie Dyspraxie. Von 19 Kindern insgesamt mit neuronalen Entwicklungsstörungen hatten 12 eine aus dem Autismus-Spektrum wie Asperger oder Autismus und ein Kind zusätzlich ADHS. Bei 3 Kindern war ADHS die Einzeldiagnose, bei 4 wurde Dyspraxie diagnostiziert. Körperliche Fehlbildungen wurden bei
3 Kindern beschrieben. In der Kontrollgruppe betrug die Prävalenz von Kindern mit einer autistischen Störung 1,87 Prozent (repräsentativ für Großbritannien), dagegen fehlten die Diagnosen Dyspraxie oder ADHS völlig. Einschränkend verweisen die Autoren darauf, dass diese Krankheiten häufiger erst bei älteren Kindern erkannt werden. Bei unbehandelter Epilepsie während der Schwangerschaft wurde keine Schädigung berichtet.

Prävalenz für Hirnentwicklungsstörungen bei Kindern von Epileptikerinnen unter verschiedenen Medikationen (n = 175) und einer Kontrollgruppe von Frauen ohne Epilepsie (n = 214)
Prävalenz für Hirnentwicklungsstörungen bei Kindern von Epileptikerinnen unter verschiedenen Medikationen (n = 175) und einer Kontrollgruppe von Frauen ohne Epilepsie (n = 214)
Grafik
Prävalenz für Hirnentwicklungsstörungen bei Kindern von Epileptikerinnen unter verschiedenen Medikationen (n = 175) und einer Kontrollgruppe von Frauen ohne Epilepsie (n = 214)

Fazit: Ein erhöhtes Risiko für Hirnentwicklungsstörungen, vor allem aus dem Autismus-Spektrum, konnte bei Kindern mit Valproatexposition in der Schwangerschaft nachgewiesen werden, nicht aber bei Carbamazepin, Lamotrigin oder bei unbehandelter Epilepsie. Über das erhöhte Risiko für das Kind sollte den Autoren zufolge vor einer möglichen Schwangerschaft ausführlich gesprochen werden, wenn Valproat die Therapie der Wahl ist. Kinder mit Valproateexposition im Uterus sollten engmaschig vor allem in den ersten Lebensjahren hinsichtlich möglichst früher Diagnosen und Unterstützung beobachtet werden.

Susanne Imhoff-Hasse, Apothekerin

Bromley RL, et al.: The prevalence of neurodevelopmental disorders in children prenatally exposed to antiepileptic drugs; Neurol Neurosurg Psychiatry 2013; 0: 1–7. MEDLINE

Prävalenz für Hirnentwicklungsstörungen bei Kindern von Epileptikerinnen unter verschiedenen Medikationen (n = 175) und einer Kontrollgruppe von Frauen ohne Epilepsie (n = 214)
Prävalenz für Hirnentwicklungsstörungen bei Kindern von Epileptikerinnen unter verschiedenen Medikationen (n = 175) und einer Kontrollgruppe von Frauen ohne Epilepsie (n = 214)
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Prävalenz für Hirnentwicklungsstörungen bei Kindern von Epileptikerinnen unter verschiedenen Medikationen (n = 175) und einer Kontrollgruppe von Frauen ohne Epilepsie (n = 214)

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