ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Krankenhäuser: Traurige Realität
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In dem ansonsten guten und aufschlussreichen Artikel schreiben die Autoren: „Die erhebliche Zunahme der behandelten Diabetiker innerhalb von zehn Jahren um 49 Prozent ist nicht vorrangig aufgrund der demografischen Entwicklung erklärbar . . . Da die Diagnose eines Diabetes mellitus klaren laborchemischen und anderen Parametern folgt, kann der Fallzahlanstieg nicht durch ökonomische Anreize begründet werden.“ Dies ist leider falsch. Die Wissenschaft sollte hier den Fallzahlanstieg zeitlich korrelieren mit der Einrichtung der DMP-Diabetes mellitus und den daraus sich ergebenden Vorschriften und Abrechnungsmöglichkeiten, sprich: sich mit den daraus ergebenden finanziellen Zwängen, aber auch Möglichkeiten für die betroffenen Ärzte.

Absicht der DMP war, die Effizienz einer standardisierten Betreuung chronisch Kranker zu erreichen, zu erfassen und zu belohnen; ein strukturiertes Mindestmaß an Betreuung ist zwingend vorgeschrieben, ebenso Mindestqualifikationen und eine regelmäßige Dokumentation.

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Outcome am Beispiel DMP-Diabetes: Möglichst viele leichtkranke Patienten werden durch pathologische Werte im oralen Glukosebelastungstest (der als Kassenleistung gar nicht vorgesehen ist) als Diabetiker „erkannt“ und in die DMP eingeschrieben, um durch „guten Therapieerfolg“ schlechte Therapieerfolge von schwerer kranken oder uneinsichtigen Patienten wettzumachen, um für sich selbst ein Einkommen zu schaffen (bisweilen, indem man an das feststehende Mindestprogramm zusätzliche lukrative Untersuchungen ankoppelt) und zudem, um für die betroffene Kasse ein Zusatzeinkommen via RSA zu erreichen. Leichtkranke oder selbstständige Patienten, die ohne regelmäßige DMP-Anbindung in der Praxis gut klarkommen, werden entweder in dieses System eingebunden (entmündigt, dem Arzt ausgeliefert) und verursachen ein Mehr an Kosten, oder sie werden auch für ihren Bedarfsfall an sporadischer Diabetesversorgung aus der Diabetesversorgung hinauskatapultiert. Hinauskatapultiert werden auch die schwerer kranken, aber zur Mitarbeit unfähigen oder unwilligen Patienten – sprich: diejenigen mit der schlechtesten Prognose. Aufgrund der Überversorgung Leichtkranker und der Nicht-mehr-Versorgung Schwerkranker mit schlechter Prognose wird bei statistischer rückblickender Auswertung vorgegaukelt, dass die DMP-Diabetes ein Mordserfolg sind. De facto bringen sie lediglich mehr administrativen Aufwand bei (zumindest) fehlendem medizinischem Nutzen – vgl. Originalarbeit „Nutzen und Effizienz des Disease-Management-Programms Diabetes mellitus Typ 2“ (DÄ, Heft 10/2011) und den lesenswerten Kommentar „DMP Diabetes mellitus: Selektionsbias“ (DÄ, Heft 21/2008). Wer als Arzt Diabetiker betreut, muss sich der DMP-Logik unterwerfen, oder er kann die früher übliche Diabetikerbetreuung nach individuellem Bedarf seiner Patienten nicht mehr kostendeckend wahrnehmen . . .

Das eigentliche Problem ist aber, ob sich in diesem bestehenden System die Ärzte auf Dauer halten können, die sich in ihren medizinischen Entscheidungen nicht durch „ökonomische Anreize“ beeinflussen lassen.

Dr. med. Reginhard von Hirschhausen,
97422 Schweinfurt

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