ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Dolmetscher-Apps im Patientengespräch: Talk per Touch

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Dolmetscher-Apps im Patientengespräch: Talk per Touch

Dtsch Arztebl 2013; 110(9): A-400

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Zwar können Übersetzungs-Apps menschliche Dolmetscher nicht ersetzen. Dennoch kann ihr Einsatz auch in der medizinischen Praxis hilfreich sein.

Foto: Fotolia/vege

Nicht selten kommt es in der medizinischen Routine zu der Situation, dass Patienten aufgrund sprachlicher Probleme nicht adäquat mit ihrem behandelnden Arzt kommunizieren können. Die sprachlichen Hürden reichen von unterschiedlichen Sprachen von Arzt und Patient bis hin zu gehörlosen und stummen Patienten, die dem notwendigerweise zu führenden Aufklärungsgespräch nicht folgen beziehungsweise keine Nachfragen stellen können.

Aufklärung und Einwilligung

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Für die Behandlung und Pflege des Patienten ist dies ein nicht zu vernachlässigender Gesichtspunkt. Insbesondere die Aufklärung erfordert ein mit Sprache zu vermittelndes Verständnis der geplanten Behandlung. Die Patienten sind über die Risiken der geplanten Behandlung im Großen und Ganzen aufzuklären. Hierbei liegt es in der Verantwortung des aufklärenden Arztes sicherzustellen, dass der Patient den Gegenstand der Aufklärung korrekt verstanden hat. Da der Patient selbst die Einwilligung zur Behandlung geben muss, ist er auch Adressat der Aufklärung. Gibt es beispielsweise bei fremdsprachigen Patienten Bedenken, dass der Patient die Erklärungen des Arztes nicht ausreichend verstanden hat, muss der Arzt in diesem Fall eine Person hinzuziehen, die der jeweiligen Sprache mächtig ist. Im Haftungsprozess hat der Arzt gegebenenfalls nachzuweisen, dass die Aufklärung zutreffend erfolgte und dass der Patient die Aufklärung auch verstanden hat (1).

Zusätzliche Kommunikationsdefizite können zutage treten, wenn in Notfallsituationen zeitnah Probleme mitgeteilt werden müssen. Hier ist es denkbar, dass der Patient in fremder Sprache versucht, dem Arzt seine Beschwerden zu schildern. Dabei ist es nicht immer möglich, eine sprachkundige Person hinzuzuziehen.

Lösungsansätze für diese Situationen bieten Übersetzungs- beziehungsweise Dolmetscher-Apps für mobile Endgeräte, die dazu dienen sollen, die Kommunikation zwischen Arzt und Patient zu verbessern und Sprachbarrieren zu überwinden.

Im nach wie vor stetig wachsenden Markt für Smartphones, Tablet-PCs Applikationen (Apps) findet man zunehmend Apps, die sich unterschiedlicher medizinischer Fragestellungen annehmen. Sie sollen therapeutischen oder diagnostischen Zwecken dienen und werden als Medizinprodukte in den Verkehr gebracht und vermarktet. Andere dienen als Nachschlagewerke, und wieder andere sollen den ärztlichen Arbeitsalltag vereinfachen (2). Hier findet man auch die genannten Dolmetscher-Apps.

Aus der Perspektive der Patienten sind solche Apps ebenfalls nützlich. Patienten, die aufgrund von Sprachproblemen oder körperlichen Einschränkungen nicht mit dem ärztlichen Personal oder dem Pflegepersonal kommunizieren können, haben oft nur einen eingeschränkten Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen (3). Dies fällt vor allem im Vergleich zu Patienten auf, die keine solche Probleme haben (4, 5). Es ist zu erwarten, dass die daraus resultierenden Kommunikationsprobleme auf beiden Seiten zu Frustrationen führen; zusätzlich kann die Qualität des Behandlungs- und Pflegeprozesses leiden.

Verschiedene Studien (6, 7) weisen außerdem darauf hin, dass entsprechende Patienten häufiger als der Durchschnitt unerwünschte Nebenwirkungen erleiden und somit die Patientensicherheit für diese Patientengruppe reduziert ist. Zusätzlich können durch Sprachbarrieren verursachte Probleme zu unnötigen Kostensteigerungen führen, da hierdurch bedingte Missverständnisse und sonstige im Behandlungsprozess auftretende Probleme oft zu zusätzlichen Besuchen der Patienten in Arztpraxen und Krankenhäusern führen. Auch hier kann eine mögliche Lösung dieses Dilemmas der Einsatz einer mobil und überall verfügbaren, einfach anzuwendenden Übersetzungsapplikation sein.

Im Wesentlichen gibt es zwei unterschiedliche Arten von DolmetscherApps. Die häufigste Variante ist wie ein digitales „Phrasebook“ aufgebaut. Hierbei befinden sich vorgefertigte Sets von Sätzen und Begriffen in unterschiedlichen Sprachen in einer Datenbank. Jedem Satz (engl. „Phrase“) ist eine entsprechende Übersetzung einer anderen Sprache zugeordnet, wobei die Sprachen bestenfalls frei kombinierbar sind. Meistens sind die Sätze und Begriffe bestimmten Themen zugeordnet, die als Menü eine Navigation durch den Phrasenpool ermöglichen.

Zwei Arten von Dolmetscher-Apps

Zusätzlich ist eine Suche nach bestimmten Begriffen integriert. Praktisch sucht sich der Nutzer über das Menü den gewünschten Satz aus, dessen Übersetzung dann in Form von Text, Audio oder Video dargestellt wird. Vorteil dieser Lösung ist, dass eine strukturierte Übersicht des Inhalts vorliegt und nach dem Prinzip „What you see is what you get“ der Inhalt ausgewählt werden kann. Bei gut entwickelten Apps sind die Sätze und Begriffe so auf das Thema abgestimmt, dass diverse Situationen abgedeckt sind und durch eine sinnvolle Kombination der Phrasen und Begriffe auch andere Situationen bedient werden können. Es gibt speziell für die Medizin ausgelegte Apps, zum Beispiel den „Medibabble Translator“ (8) von NiteFloat, Inc. oder den „Universal Doctor Speaker“ (9) von Universal Projects and Tools S. L. Der Nachteil liegt allerdings darin, dass die Nutzer damit gleichzeitig an die inhaltlichen und die Qualitätsvorgaben der Entwickler gebunden sind.

Beispiele für speziell für die Medizin entwickelte Übersetzungs-Apps sind der „Universal Doctor Speaker“...
... und der „Medibabble Translator“. Diese Programme arbeiten mit vorgefertigten Sets von Sätzen und Begriffen und zugeordneten Übersetzungen.

Alternativ werden auch Apps angeboten, die per Spracheingabe funktionieren, zum Beispiel der „Lingo Translator Pro – Speech Translator“ (10) und „iTranslate Voice“ (11). Nach der Auswahl der Ausgangs- und Zielsprache wird der gewünschte Satz in das Mikrofon des Mobilgerätes gesprochen, von der App selbst oder einem Webdienst analysiert und die Übersetzung angefertigt, die dann ebenfalls als Text oder Sprachausgabe wiedergegeben wird. Diese, für den Anwender komfortable, weil natürlichere Art der Kommunikation ist allerdings bei hohem Geräuschpegel der Umgebung störanfällig, was zu falscher Erkennung und folgerichtig zu falscher Übersetzung führt. Hinzu kommt, dass nicht nur die verwendeten Algorithmen der Spracherkennung, Analyse der Grammatik und der Semantik, sondern auch der „Wortschatz“ der zugrunde liegenden Datenbank für das Übersetzungsergebnis verantwortlich sind. Der Nutzer hat keinen Überblick darüber, ob die Übersetzung formal korrekt durchgeführt wurde.

Unabhängig von der verwendeten Methode ist unbestritten, dass Dolmetscher- und Übersetzungs-Apps nicht das persönliche Gespräch mit einem menschlichen Dolmetscher ersetzen können. Menschliche Kommunikation ist kompliziert und facettenreich, und der Schwierigkeitsgrad steigt bei Gesprächen, die über „Small Talk“ hinausgehen. Medizinische Inhalte sind schon bei gleichsprachiger Kommunikation anspruchsvoll und der Verlauf abhängig von Faktoren, wie zum Beispiel Dringlichkeit, Emotionalität, Empathie, Erwartungen und Kenntnisstand.

Diese Flexibilität ist bisher durch Algorithmen schwer nachzubilden und der Phrasenpool meist nicht erschöpfend. Dennoch sind solche Apps eine Hilfe, wenn es um weniger kritische Inhalte geht, die regelmäßig zur Anwendung kommen (Alltagssituationen). Allerdings muss sich der Nutzer über die Grenzen der Technologie im Klaren sein.

Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit

Bei den Apps zählt grundsätzlich die Qualität der Übersetzung, unabhängig davon, ob es sich um eine Sammlung von Phrasen oder eine Direktübersetzung handelt. In der Beschreibung der App sollten Angaben über die Verlässlichkeit der Übersetzungen/Übersetzer oder Algorithmen zu finden sein. Angaben zum Umfang des Phrasenpools und der abgedeckten Themenbereiche sind wertvolle Informationen. Die App sollte idealerweise so angelegt sein, dass zusätzliche Sprachpakete einfach hinzugefügt oder bestehende Pakete erweitert werden können. Die Ausgabequalität der multimedialen Inhalte ist für das Verständnis ebenso wichtig. Im Zusammenhang mit der erfolgreichen Nutzung ist die möglichst barrierefreie Handhabbarkeit, die eine eingängige und flexible Bedienung ermöglicht, wesentlich. Neben diesen Angaben zur Leistung und den Einschränkungen der App ist es zur Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit der App wichtig, dem Nutzer hinreichende Informationen zu Wirksamkeitsnachweisen, angewendeten Entwicklungsstandards, dem Datenschutz und nicht zuletzt Informationen zum Hersteller selbst an die Hand zu geben. Hilfreich wären noch Angaben über eine Zertifizierung der App durch eine private oder gewerbliche Stelle.

Ärztinnen und Ärzte sehen sich häufig mit der Problematik konfrontiert, dass sich Patienten in der Praxis oder Klinik vorstellen, die sprachliche Defizite aufweisen oder dass andere Schwierigkeiten im Rahmen der Kommunikation auftreten. Ärzte, Pflegekräfte, aber auch Patienten und nicht zuletzt die Qualität des Behandlungs- und Pflegeprozesses leiden hierunter. Die behandelnden Ärzte tragen letztendlich die Verantwortung dafür, dass bei der Kommunikation zwischen ihnen und den Patienten keine Unzulänglichkeiten auftreten. Das Verständnis der für die Aufklärung und Behandlung wesentlichen Informationen muss sichergestellt werden. Apps für mobile Endgeräte, wie Dolmetscher- beziehungsweise Übersetzungs-Apps, können hierbei hilfreich sein, doch muss sich der Nutzer über die Limitationen der Anwendung im Klaren sein. Die Vertrauenswürdigkeit der Inhalte sollte der Nutzer über Angaben zur App abschätzen können. Die Anwendung entlässt den Arzt aber nicht aus der Verantwortung. Im Zweifelsfall ist zusätzlich ein Dolmetscher oder eine der jeweiligen Sprache mächtige Person hinzuzuziehen.

Urs-Vito Albrecht1, Ute von Jan1,
Oliver Pramann
2

Anschrift für die Verfasser
Dr. med. Urs-Vito Albrecht, MPH
PLRI MedAppLab, P. L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover, Carl-Neuberg-Str.1, 30265 Hannover
albrecht.urs-vito@mh-hannover.de

1 PLRI MedAppLab, P. L. Reichertz Institut für Medizinische Informatik der TU Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover

2 Kanzlei 34, Rechtsanwälte und Notare, Königstraße 34, 30175 Hannover

@Literatur unter:
www.aerzteblatt.de/lit0813

1.
Geiß K, Greiner HP: Arzthaftpflichtrecht, 6. Auflage 2009, Rn. 113, m.w. N.
2.
Pramann O, Gärtner A, Albrecht U-V: Medical Apps: Mobile Helfer am Krankenbett, Dtsch Arztebl 2012; 109(22–3): 1201 VOLLTEXT
3.
Ou L, Chen J, Hillman K: Health services utilisation disparities between English speaking and non-English speaking background Australian infants. BMC Public Health. 2010 Apr 8;10:182. PMID: 20374663 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4.
Timmins CL: The impact of language barriers on the health care of Latinos in the United States: a review of the literature and guidelines for practice. J Midwifery Womens Health. 2002;47(2):80–96. PMID: 12019990 CrossRef MEDLINE
5.
Fiscella K, Franks P, Doescher MP, Saver BG: Disparities in health care by race, ethnicity, and language among the insured: findings from a national sample. Med Care. 2002 Jan;40(1):52-9. PMID: 11748426 CrossRef MEDLINE
6.
Bartlett G, Blais R, Tamblyn R, Clermont RJ, MacGibbon B: Impact of patient communication problems on the risk of preventable adverse events in acute care settings.CMAJ. 2008 Jun 3; 178(12): 1555–62. PMID: 18519903 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7.
Schyve P: Language differences as a barrier to quality and safety in health care: the Joint Commission perspective. J Gen Intern Med. 2007; 22 Suppl 2: 360-1. PMID: 17957426 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8.
NiteFloat Inc. 2012. App Store™ – MediBabble Translator. http://itunes.apple.com/us/app/medibabble-translator/id355398880?mt=8.
9.
Universal Projects and Tools S.L. 2012. App Store™ – Universal Doctor Speaker. https://itunes.apple.com/de/app/universal-doctor-speaker-full/id389202856?mt=8.
10.
iLegendSoft. 2013. AppStore™ – iLingo Translator. https://itunes.apple.com/de/app/ilingo-translator-pro-speech/id492160704?mt=8
11.
Sonico GmbH. 2013. AppStore™ – iTranslate Voice. https://itunes.apple.com/de/app/itranslate-voice/id522626820?l=en&mt=8&ign-mpt=uo%3D2
1. Geiß K, Greiner HP: Arzthaftpflichtrecht, 6. Auflage 2009, Rn. 113, m.w. N.
2. Pramann O, Gärtner A, Albrecht U-V: Medical Apps: Mobile Helfer am Krankenbett, Dtsch Arztebl 2012; 109(22–3): 1201 VOLLTEXT
3. Ou L, Chen J, Hillman K: Health services utilisation disparities between English speaking and non-English speaking background Australian infants. BMC Public Health. 2010 Apr 8;10:182. PMID: 20374663 CrossRef MEDLINE PubMed Central
4. Timmins CL: The impact of language barriers on the health care of Latinos in the United States: a review of the literature and guidelines for practice. J Midwifery Womens Health. 2002;47(2):80–96. PMID: 12019990 CrossRef MEDLINE
5. Fiscella K, Franks P, Doescher MP, Saver BG: Disparities in health care by race, ethnicity, and language among the insured: findings from a national sample. Med Care. 2002 Jan;40(1):52-9. PMID: 11748426 CrossRef MEDLINE
6. Bartlett G, Blais R, Tamblyn R, Clermont RJ, MacGibbon B: Impact of patient communication problems on the risk of preventable adverse events in acute care settings.CMAJ. 2008 Jun 3; 178(12): 1555–62. PMID: 18519903 CrossRef MEDLINE PubMed Central
7. Schyve P: Language differences as a barrier to quality and safety in health care: the Joint Commission perspective. J Gen Intern Med. 2007; 22 Suppl 2: 360-1. PMID: 17957426 CrossRef MEDLINE PubMed Central
8. NiteFloat Inc. 2012. App Store™ – MediBabble Translator. http://itunes.apple.com/us/app/medibabble-translator/id355398880?mt=8.
9. Universal Projects and Tools S.L. 2012. App Store™ – Universal Doctor Speaker. https://itunes.apple.com/de/app/universal-doctor-speaker-full/id389202856?mt=8.
10.iLegendSoft. 2013. AppStore™ – iLingo Translator. https://itunes.apple.com/de/app/ilingo-translator-pro-speech/id492160704?mt=8
11.Sonico GmbH. 2013. AppStore™ – iTranslate Voice. https://itunes.apple.com/de/app/itranslate-voice/id522626820?l=en&mt=8&ign-mpt=uo%3D2

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