ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2013Studie zum onkologischen Versorgungsbedarf: Mehr Krebsfälle, zu wenig Onkologen

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Studie zum onkologischen Versorgungsbedarf: Mehr Krebsfälle, zu wenig Onkologen

Dtsch Arztebl 2013; 110(9): A-364 / B-339 / C-339

Richter-Kuhlmann, Eva

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Allein aufgrund des demografischen Wandels wird in den nächsten Jahren die Zahl onkologischer Patienten deutlich steigen. „Wir brauchen mehr Nachwuchs“, warnt deshalb die DGHO. Benötigt werde dieser vor allem im ambulanten Bereich.

Die Zahl der Krebsneuerkrankungen in Deutschland wird in den nächsten Jahren um etwa ein Sechstel steigen, da ist sich der Epidemiologe Prof. Dr. med. Wolfgang Hoffmann vom Institut für Community Medicine der Universität Greifswald sicher. Auch bei der Anzahl der Menschen, die mit einer Krebserkrankung leben, rechnet er mit einer Zunahme um 13 Prozent.

Anlass für seine Kalkulationen war die Studie „Herausforderung demografischer Wandel – Bestandsaufnahme und künftige Anforderungen an die onkologische Versorgung“, die sein Institut im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. (DGHO) anfertigte. Die Studie erstellt auf der Basis der Krebsregisterdaten des Jahres 2008 Prognosen zur Entwicklung der Krebsmorbidität und der onkologischen Versorgung für 2020. „Die DGHO schafft damit die Voraussetzung für eine sachliche, nicht interessengeleitete Abschätzung des stationären und ambulanten Versorgungsbedarfs in der Onkologie“, erläuterte Prof. Dr. med. Mathias Freund, neuer Geschäftsführender Vorsitzender der Fachgesellschaft.

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Konkret wird den Berechnungen der Universität Greifswald zufolge im Vergleich zu 2008 die Zahl der Krebsneuerkrankungen bis zum Jahr 2020 um etwa 67 000 Krebsfälle zunehmen. Die größten absoluten Anstiege soll es bei Krebsentitäten mit einem Altersgipfel im höheren Lebensalter geben, beispielsweise bei Prostatakrebs, Darmkrebs, Lungenkrebs und Brustkrebs.

Eine Kostenexplosion bei den Krebstherapien erwartet der DGHO-Vorsitzende trotz steigender Patientenzahlen allerdings nicht: „Die onkologische Behandlung wird auch in Zukunft bezahlbar bleiben“, sagte er. Gemessen am Vergleichsjahr 2008 werde allerdings der Bedarf an Ärztinnen und Ärzten mit der Schwerpunktbezeichnung Hämatologie und Onkologie steigen. Je nach Bundesland würden zwischen sechs und 25 Prozent mehr Ärzte gebraucht.

Ambulante Versorgung gefragt

Ein großer Teil dieses Bedarfs wird Freund zufolge im ambulanten Sektor entstehen. Eine im Rahmen der Greifswalder Studie vorgenommene Analyse der Abrechnungsdaten des Wissenschaftlichen Instituts der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen habe gezeigt, dass die Zahl der Patienten mit ambulanten Krebstherapien zwischen 2008 und 2011 stärker zugenommen hat als dies allein durch demografische Effekte zu erwarten gewesen wäre. Dies deute auf eine Verschiebung von Leistungen aus dem stationären in den ambulanten Bereich hin. „Auch in der Peripherie lässt sich eine qualitativ hochwertige Versorgung leisten“, ist Freund überzeugt. Aufgrund der steigenden Gesamtzahl an Krebspatienten prognostiziert die Studie jedoch auch im stationären Bereich eine um 13 Prozent höhere Anzahl der Belegungs- und Berechnungstage im Jahr 2020 gegenüber 2008.

Die Vorsitzende der DGHO, Dr. med. Diana Lüftner, befürchtet jedoch, dass es in Zukunft nicht ausreichend qualifizierte Ärztinnen und Ärzte für die vielen Patienten mit Krebserkrankungen gibt. Deshalb versuche die DGHO bereits, Nachwuchs für das Fach Hämatologie und Onkologie zu gewinnen.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann

3 Fragen an . . .

Prof. Dr. med. Mathias Freund,

Geschäftsführender Vorsitzender der DGHO

Die Zahl der Krebsneuerkrankunge

Foto: DGHO
Foto: DGHO
n steigt. Muss man von einer „Krebsepidemie“ sprechen?

Freund: Nein. Zwar wird die Zahl der Krebsneuerkrankungen bis 2020 um 14 Prozent zunehmen, gleichzeitig wird aber die Sterblichkeit sinken. Beispielsweise vermindern bei operablem Darmkrebs adjuvante und neoadjuvante Chemotherapien die Sterblichkeit um zehn bis 30 Prozent.

Dennoch befürchtet Ihre Fachgesellschaft, dass in Zukunft eine optimale Versorgung von Krebspatienten nicht mehr gewährleistet sein könnte . . .

Freund: Wir sehen einen massiven Bedarf an medizinischen Onkologen, die als Experten für die medikamentöse Therapie der Tumorerkrankungen das Management übernehmen und Nebenwirkungen der Therapie frühzeitig erkennen, vermeiden und lindern können. Denn gerade die neuen, gut wirksamen Medikamente haben ein breites Spektrum an potenziellen, teils lebensbedrohlichen Nebenwirkungen. Zudem werden in den nächsten sieben Jahren etwa 25 Prozent aller Hämatologen und medizinischen Onkologen aus Altersgründen aus der Versorgung ausscheiden.

Der Studie zufolge wird der Versorgungsbedarf besonders auf dem Land zunehmen. Kann man an den jetzigen Strukturen festhalten?

Freund: Da wir künftig einen Mangel an Nachwuchsonkologen haben werden, müssen wir uns zwangsläufig auf andere Versorgungskonzepte einstellen. Sicher wird an der Qualitätssicherung der onkologischen Versorgung in Zentren festgehalten. Wir werden aber auch über ambulante Versorgungsnetzwerke nachdenken.

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