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Herr Wörz spricht den viel diskutierten Zusammenhang zwischen einer Cannabisverwendung und kognitiven Einbußen beziehungsweise der Auslösung einer Psychose an. In einer kürzlich publizierten Kohortenstudie, die als bisher zuverlässigste Untersuchung zu Wirkungen von Cannabis auf die Intelligenz gilt, konnten frühere Ergebnisse bestätigt werden: während Studienteilnehmer, die bereits vor dem 18. Lebensjahr Cannabis abhängig waren, deutliche Beeinträchtigungen von Gedächtnis, Konzentration und Intelligenz aufwiesen, waren bei Erwachsenen – selbst bei starkem Cannabiskonsum – keine Defizite nachweisbar (1). Es ist somit davon auszugehen, dass Cannabis zwar das heranwachsende, nicht aber – und im Gegensatz zu Alkohol – das ausgewachsene Gehirn schädigen kann. Nach derzeitigem Kenntnisstand ist somit eine bei erwachsenen Patienten durchgeführte Behandlung mit Cannabinoid-Medikamenten im Hinblick auf das Eintreten kognitiver Defizite als unbedenklich einzustufen.

Eine ähnliche Einschätzung ist für das Eintreten einer Psychose zu treffen: ein regelmäßiger Cannabiskonsum verdoppelt das Risiko für eine Psychose offenbar nur dann, wenn er bereits vor dem Abschluss des Gehirnwachstums erfolgt. Mittlerweile sind zahlreiche Faktoren bekannt, die die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten einer Psychose erhöhen. Eine Verdopplung des Erkrankungsrisikos besteht etwa auch bei Kindern, die in einer großen Stadt aufgewachsen sind, im Vergleich zu Kindern, die in ländlicher Umgebung groß geworden sind (2). Vor einer Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Cannabismedikamenten muss stets eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen.

Herr Wörz betont zu Recht, dass alle Medikamente Nebenwirkungen verursachen können und auch nicht bei allen Patienten wirksam sind. Experten teilen die Auffassung des Medizininstituts der USA, nach der sich „die Nebenwirkungen einer Marihuanaverwendung mit Ausnahme der Schäden, die mit dem Rauchen verbunden sind, innerhalb der Wirkungen bewegen, die bei anderen Medikamenten toleriert werden“ (3). Cannabinoide kommen zur Zeit vor allem bei solchen Indikationen zum Einsatz, in denen etablierte Therapien nicht zu einer Besserung führen oder unakzeptable Nebenwirkungen hervorrufen.

Herr Hagmann weist auf die Gefahren des Rauchens für die Atemwege hin. Nach der aktuellen Studienlage verursacht Cannabisrauch zwar deutlich geringere Schäden als Tabakrauch (4), aus medizinischer Sicht ist Patienten aber in der Tat generell von der Inhalation toxischer Verbrennungsprodukte abzuraten. Da die interindividuelle Ansprechbarkeit auf Cannabinoide und damit auch die anvisierten Plasmakonzentrationen stark variieren, ist eine Bestimmung der Blutspiegel weder erforderlich noch sinnvoll. Relevante psychische Nebenwirkungen von Cannabinoidmedikamenten werden am zuverlässigsten durch eine einschleichende und individuelle Dosierung vermieden. Starke zentral nervöse Nebenwirkungen spielen, wie von Herrn Hagmann befürchtet, im Praxisalltag keine Rolle. Daher ist auch eine „Einstellung unter stationärer Kontrolle“ in aller Regel nicht erforderlich.

DOI: 10.3238/arztebl.2013.0175

Prof. Dr. med. Kirsten Müller-Vahl

Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie

Medizinische Hochschule Hannover

mueller-vahl.kirsten@mh-hannover.de

Interessenkonflikt

Prof. Müller-Vahl erhielt Erstattung von Teilnahmegebühren für Kongresse
sowie Reise- und Übernachtungskosten von Astra-Zeneca und Lundbeck.

Ebenso erhielt sie Honorare für die Durchführung von klinischen
Auftragsstudien und Gelder für ein von ihr initiiertes Forschungsvorhaben von Böhringer Ingelheim.

Sie ist Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin e.V. (ACM) und der International Association for Cannabinoid Medicines (IACM).

1.
Meier MH, Caspi A, Ambler A, et al.: Persistent cannabis users show neuropsychological decline from childhood to midlife. Proc Natl Acad Sci USA, 2012, published online before print August 27, 2012,
doi: 10.1073/pnas.1206820109 PNAS August 27, 2012 CrossRef
2.
Klosterkötter J: Indicated prevention of schizophrenia. Dtsch Arztebl Int 2008; 105(30): 532–9 VOLLTEXT
3.
Joy BJE, Watson SJ Jr, Benson JA Jr (eds.): Marijuana and Medicine. Division of Neuroscience and Behavioral Health. Institute of Medicine, National Academy Press Washington, D.C., 1999. Available online at: www.nap.edu/openbook.php?record_id=6376.
4.
Hashibe M, Morgenstern H, Cui Y, et al.: Marijuana use and the risk of lung and upper aerodigestive tract cancers: results of a
population-based case-control study. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2006; 15: 1829–34. Available online at:
http://cebp.aacrjournals.org/content/15/10/1829.long CrossRef MEDLINE
5.
Grotenhermen F, Müller-Vahl K: The therapeutic potential of cannabis and cannabinoids. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(29–30): 495–501. VOLLTEXT
1. Meier MH, Caspi A, Ambler A, et al.: Persistent cannabis users show neuropsychological decline from childhood to midlife. Proc Natl Acad Sci USA, 2012, published online before print August 27, 2012,
doi: 10.1073/pnas.1206820109 PNAS August 27, 2012 CrossRef
2.Klosterkötter J: Indicated prevention of schizophrenia. Dtsch Arztebl Int 2008; 105(30): 532–9 VOLLTEXT
3.Joy BJE, Watson SJ Jr, Benson JA Jr (eds.): Marijuana and Medicine. Division of Neuroscience and Behavioral Health. Institute of Medicine, National Academy Press Washington, D.C., 1999. Available online at: www.nap.edu/openbook.php?record_id=6376.
4.Hashibe M, Morgenstern H, Cui Y, et al.: Marijuana use and the risk of lung and upper aerodigestive tract cancers: results of a
population-based case-control study. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev. 2006; 15: 1829–34. Available online at:
http://cebp.aacrjournals.org/content/15/10/1829.long CrossRef MEDLINE
5.Grotenhermen F, Müller-Vahl K: The therapeutic potential of cannabis and cannabinoids. Dtsch Arztebl Int 2012; 109(29–30): 495–501. VOLLTEXT

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