ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Sechs Stunden als Notfallpatient: Ein Betrieb, der krank macht

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Sechs Stunden als Notfallpatient: Ein Betrieb, der krank macht

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-475 / B-423 / C-423

Ehlen, Leonhard

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner

Ein Hausarzt im Ruhestand erleidet einen Schwächeanfall und wird in die Notaufnahme eines Universitätsklinikums gefahren. Ein Erfahrungsbericht

Heute findet im Lübecker Rathaus eine Festrede mit Einführung in die Ausstellung zum Exil und der Fremdheit im eigenen Land und im Land des Exils statt. Als Schirmherrin spricht die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, selbst Exilantin aus Rumänien. Sie berichtet über ihre Ausreise aus Rumänien und die Schikanen der Securitate. Meine Frau und ich sitzen in der dritten Reihe.

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Nach einigen Minuten überkommen mich Hitzewellen, und mir wird flau. Das Gesprochene kommt von weiter weg, wird nebulös. Ich beschließe, nicht hinauszugehen, kenne ich ich doch seit Jahrzehnten diese Angstreaktion in Theatern und vollen Sälen, die sich erfahrungsgemäß im Laufe einer halben Stunde legt. Ich ziehe mir die Strümpfe herunter, um Kühlung zu haben und auch, um mich zu bewegen.

Als ich erwache, hält meine Frau mich am linken Arm, und eine festlich gekleidete Zuhörerin mit blauer Stola hält mich am rechten Arm. Sie hat mir bereits die Brille abgenommen und fordert mich auf, aus dem Saal zu gehen, ein Rettungswagen sei schon angefordert. Es braucht einen Moment, bis ich orientiert bin. Ich kann aus eigener Kraft aufstehen und, wenn auch auf wackeligen Beinen, den Saal verlassen. Mir ist flau. Die Dame mit der blauen Stola gibt sich als Neurologin zu erkennen. Ich soll mich auf den Rücken und die Beine auf den bereitgestellten Stuhl legen. Sie hockt sich in ihren Röcken neben mich. Trotz der Situation gibt es eine gewisse Komik. Mir fallen Szenen aus dem Roman von Thomas Hürlimann „Fräulein Stark“ ein. Ich spüre Durst und Übelkeit. Sie lässt mir ein Glas Wasser bringen. Die Retter treffen ein. Ich fühle mich benommen, bekomme aber alles scharf, fast karikaturenhaft mit. Das abgeleitete EKG ist unauffällig, Blutdruck 130/80. Meine Frau bittet mich auch, im Rettungswagen zum Krankenhaus zu fahren. Sie ist äußerst besorgt. Ich kann die Treppe im Rathaus mit Armhalte-Eskorte der beiden Retter hinuntergehen, seitlich in den Rettungswagen einsteigen und mich auf die mittig platzierte Liege legen. Man reicht mir einen Brechbeutel und erbittet die Krankenversichertenkarte. Während der Fahrt ohne Signal werden noch anamnestische Fragen an mich gerichtet. Es liegt eine dünne Schneedecke.

Der Wagen hält in der zugigen Sichtbetonhalle des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, in der noch mehrere Rettungswagen mit Besatzung einsatzbereit sind. Auf der Liege liegend werde ich in die Notaufnahme gerollt. Hier stehen Betten schon auf dem Flur. Eine Schwester holt ein Bett, in das ich mich nach Aufforderung mit Kleidung lege. Das Bett wird jetzt in einen Raum geschoben, in dem bereits Patienten an Überwachungsgeräte angeschlossen sind, die alle laut Pieptöne von sich geben. Die Sicht auf die Nachbarn ist durch mobile Vorhänge notdürftig versperrt.

Ich fühle mich schläfrig, mir ist leicht übel. Ein Arzt kommt kurz vorbei, fragt mich nach der Vorgeschichte und jetzigen Umständen. Er kündigt an, mich 24 Stunden mit EKG und automatischem Blutdruckmessen überwachen zu wollen. Ich erkläre mich einverstanden. Er komme gleich wieder zu mir, erscheint aber nicht mehr. Ich werde entsprechend verkabelt. Meine Signale mischen sich jetzt unter das Piepsen der anderen. Eine Braunüle wird in eine Vene meines rechten Unterarms gelegt. Am rechten Ohrläppchen wird ein Finalgon-Pflaster befestigt, um später besser Kapillarblut zur Blutgasanalyse gewinnen zu können. Das bleibt hernach trotzdem schwierig, muss zweimal gemacht werden und geht nur unter „Melken“ des Ohrläppchens. Venenblut wird über die Braunüle entnommen, eine Infusion angehängt. Überraschend, ohne Kommentar wird mir ein Pappbecher mit Kalinor-Brause gebracht. Die Lösung schmeckt widerlich süß, verstärkt meinen latenten Brechreiz. Ich mag sie nicht austrinken.

Es vergehen etwa drei Stunden. Zwischenzeitlich bekomme ich MCP via Braunüle gegen meine Übelkeit. Das Bett ist unbequem. Das Kopfteil steht zu steil, ich kann es nicht selbst verstellen. Das Personal hat alle Hände voll zu tun. Insgesamt herrscht trotz des Andrangs ein ruhiger Ton. Meine Frau ist mit dem Auto nachgekommen. Sie wird nicht zu mir gelassen, weil im Raum und auf dem Flur fortlaufend Patienten zu versorgen sind.

Im Raum der Notaufnahme, in dem ich links von der offenstehenden Tür im Bett liege, krampft hinter dem Vorhang zu meinem Fußende ein Mann. Er ist bei Bewusstsein und spricht sehr höflich. Nach vermutlich langjähriger Erfahrung mit seiner Krankheit weiß er offenbar, was er braucht, um den Anfall zu kupieren. Ich höre von einer weiblichen Stimme das Wort „Leitlinie“ als Gegenargument und die Aufforderung an ihn, jetzt mal mit dem Zittern aufzuhören. Ich höre über Minuten die Übertragungen des hochfrequenten Körperzuckens auf das Bett. Es hört sich an, als liefe eine Pumpe. Nach vergeblicher Anwendung der Leitlinien, während Konvulsierender und Therapierende fortwährend miteinander sprechen, beide Parteien auf ihren Vorstellungen beharrend, bekommt er doch das von ihm von vornherein geforderte Mittel aus der Gruppe der Benzodiazepine, und der Krampf ist nach kurzer Zeit beruhigt.

Zu meiner Linken wird jemand entlassen, das Bett ausgetauscht, und ein alter Herr, der zu Fuß das Zimmer betritt und mir durch eine Vorhanglücke im Vorbeigehen lächelnd zunickt, wird aufgenommen. Das Aufnahmegespräch, das sich auf mehrere nacheinander ihn befragende Pflegepersonen verteilt und inhaltlich wiederholt, ist keinesfalls zu überhören. Der Patient ist einer der stets Dankbaren, die ja sehr viel mit Ergebenheit ertragen, um sich dann doch plötzlich als Notfall zu empfinden und mit unabweisbarer Bestimmtheit zu jeder Tages- und Nachtzeit die Notfallstation aufzusuchen. Für diesen Menschen ist das Maß jetzt einfach voll, obwohl sich die diagnostizierte Krankheit (Prostatakrebs, Harnverhalt und Schlafstörung, bedingt durch sehr häufigen Harndrang) nicht verändert hat. Mein freundlich-dankbarer Nachbar wird also mit stoischer Ruhe vom Personal aufgenommen, muss aber noch selbst um eine Bettflasche bitten, obwohl er sein durchaus delikates „Hauptproblem“, die frustran häufige Miktion, mehrfach und mit wohlgewählten Worten, ohne Scheu gegen alle ungefragten Mithörer, schildert. Nachdem auch er verkabelt wurde, gehen auch seine Signale nun piepsend in die Geräuschkulisse ein.

Und in dieser Fabrik, in der auch Patienten eine Rolle spielen, soll ich nun bleiben? In mir keimt ein heftiger Widerwille. Mir geht es besser. Die Übelkeit ist fast weg, und ich fühle mich kräftiger.

Ein junger kardiologischer Assistenzarzt kommt zusammen mit meiner Frau ins Zimmer. Ich bin besorgt um sie. Sie muss den ganzen Stress aushalten. Der Arzt ist freundlich, aber nicht wirklich zugewandt. Er gehört zu der Generation, die auch innerlich, bei äußerlich weggestecktem Gerät, immer tendenziell auf ihr Smartphone-Display schauen. Er erhebt noch einmal meine nahezu leere Anamnese. Pflegende und Ärzte wirken je etwas verwundert, nahezu ungläubig, wenn ich sage, dass ich keinerlei Medikamente nehme.

Alle Laborwerte, bis auf ein geringfügig unter der Norm liegendes Kalium – daher das Kalinor – und das EKG mit unbedeutendem linksanterioren Hemiblock sowie die Blutdruckwerte sind unauffällig. Er macht noch eine flüchtige körperliche Untersuchung, die auch keine Auffälligkeiten ergibt und bietet mir einen Platz im Vierbettzimmer zur weiteren Überwachung an. Meine Frau fragt ihn, ob weitere Untersuchungen nicht auch am Heimatort gemacht werden können. Er bejaht dies, bleibt aber bei 24 Stunden stationärer Erstüberwachung.

Gerne unterschreibe ich meine Entlassung gegen ärztlichen Rat. Als Gesunder, als solchen betrachte ich mich immer noch nach dem Kollaps, kann man in diesem „Gesundheits“-Moloch nur krank werden. Die elektronische Geräuschkulisse empfinde ich belastender als meinen langjährigen Tinnitus. Der Arzt macht zügig die Papiere fertig. Gegen 24 Uhr verlassen meine Frau und ich das Krankenhaus und fahren mit unserem Auto nach Hause. Wir haben Schwierigkeiten, den Ausgang aus dem riesigen Gelände zu finden. Das gelingt erst nach zweimaligem Wenden und Rückfrage beim Pförtner über die Gegensprechanlage an einer der Schranken. Wir sind beide geschafft und froh, zusammen zu Hause zu sein.

Leonhard Ehlen

Leserkommentare

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Avatar #648603
normalerdoktor
am Sonntag, 19. Mai 2013, 22:46

Etwas unverschämt

Dem vorherigen Kommentar ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen. Außer vielleicht folgendes: Wie kommt der Autor dazu, den Kollegen wie folgt zu beschreiben? "Er gehört zu der Generation, die auch innerlich, bei äußerlich weggestecktem Gerät, immer tendenziell auf ihr Smartphone-Display schauen." Wie bitte? Er hat also gar nicht auf sein Smartphone geschaut? Und selbst wenn. Vielleicht hätte er eine Medikamentendosierung nachgesehen, oder eine Leitlinie?

Das ist schon wirklich etwas unverschämt.
Avatar #101668
zingel
am Donnerstag, 18. April 2013, 20:08

Und nun ?!

Was sollte das gewesen sein: eine unterhaltsame Satire ? Ein erschütterndes Misshandlungsdrama, welches eklatante Missstände unseres Gesundheitswesens anprangert ? Der schlank als "Erfahrungsbericht" eingeleitete, zweiseitige Artikel beschreibt für alle, die jemals als Patient oder Profi eine Notaufnahme am späten Abend erlebt haben, nachvollziehbare Zustände. Man liest mit einem innerlichen Kopfnicken: Ja, so ist es eben. Aber was war jetzt so schlimm? Dass mit ihm zu wenig kommuniziert wurde ? Dass die Blutabnahme schwierig war, das Bett zu unbequem ? Wo ist die politische Forderung ? Oder das literarische Augenzwinkern ? Eine Notaufnahme ist nun einmal keine Wohlfühloase, die Not treibt dahin, nicht das Ambiente: keiner geht gern dort hin oder bleibt gern. Wie schön, dass der Autor gesundheitlich in der Lage war, gegen den fürsorglichen Rat einer weiteren Beobachtung sich zu entlassen. Leider hat er uns am Ende des Artikels nicht erspart zu erwähnen, dass er nicht die Orientierung hatte, das Krankenhausgelände ohne Hilfe verlassen zu können. Was lässt das über seine Wahrnehmungs- und Urteilsfähigkeit über das Erlebte vermuten ?! Mit welcher redaktionellen Idee verbindet das Deutsche Ärzteblatt die Veröffentlichung dieses Erlebnisberichtes ? Der Artikel hinterlässt nur Fragen…..