ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Perkutane Koronarintervention: A. radialis ist Zugang erster Wahl

MEDIZINREPORT

Perkutane Koronarintervention: A. radialis ist Zugang erster Wahl

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-444 / B-398 / C-398

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Niedrigere Blutungskomplikationen und höherer Patientenkomfort haben europäische Fachgesellschaften zu der gemeinsamen Empfehlung veranlasst, die Handarterie als Punktionsstelle für eine PCI der A. femoralis vorzuziehen.

Die Punktion der A. radialis sollte circa einen Zentimeter proximal des Proc. styloideus in Seldingertechnik erfolgen – vorsichtig, zur Vermeidung von Spasmus und Dissektion. Heparingabe verhindert thrombotische Komplikationen. Foto: dpa
Die Punktion der A. radialis sollte circa einen Zentimeter proximal des Proc. styloideus in Seldingertechnik erfolgen – vorsichtig, zur Vermeidung von Spasmus und Dissektion. Heparingabe verhindert thrombotische Komplikationen. Foto: dpa

Die Punktion der Femoralarterie in der Leistenbeuge galt lange Zeit als klassische Eintrittspforte für Kathetersysteme bei perkutaner Koronarintervention (PCI). Erst 1989 ist zur Reduktion blutungs- und immobilisationsbedingter Komplikationen die Punktion der A. radialis am Handgelenk als alternativer Zugangsweg beschrieben worden. Obwohl frühzeitig vergleichbare prozedurale und klinische Resultate gezeigt werden konnten, etablierte sich der radiale Zugang weltweit sehr unterschiedlich: In Kanada, Frankreich, Italien und den skandinavischen Ländern wurde er bald als Standard gewählt, in Deutschland war man zunächst zurückhaltender.

Das dürfte sich nun ändern, denn europäische Fachgesellschaften unter Leitung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologe (ESC) haben die A. radialis als Punktionsstelle erster Wahl für eine PCI empfohlen (Eurointervention 2013, online 28. Januar). Vorteilhaft ist ihre günstige anatomische Lage: Sie liegt oberflächlich, und weder große Venen noch Nerven verlaufen in unmittelbarer Nähe der Arterie. Folglich verringert sich das Risiko, diese Strukturen zu verletzen – ein Umstand, der vor allem antikoagulierten und adipösen Patienten zugutekommt.

Da die Hand zudem über eine doppelte arterielle Blutversorgung verfügt, ist im Fall einer Komplikation mit Verschluss der A. radialis (circa drei Prozent) in der Regel die Perfusion durch die A. ulnaris weiterhin gewährleistet. Die Funktionsfähigkeit des Hohlhandbogens sollte vorab mit dem Allen-Test überprüft werden. Infolge ihres oberflächlichen Verlaufs und ihres geringen Durchmessers ist die Arterie gut komprimierbar, Nachblutungen sind seltener, und das Anlegen eines größeren Druckverbandes ist nicht erforderlich. Der Patient kann vielmehr direkt nach der Untersuchung vom Kathetertisch aufstehen und muss nur kurz im Krankenhaus überwacht werden. Die geringeren Liegezeiten gehen nicht nur mit erhöhtem Patientenkomfort einher, sie führen potenziell auch zu geringerer Personalbelastung und Krankenhauskosten.

Die Punktion ist allerdings technisch anspruchsvoller

Diesen Vorteilen gegenüber steht die Tatsache, dass die transradiale Intervention einen höheren technischen Anspruch an den Untersucher stellt und das Durchlaufen einer Lernkurve erfordert. Erschwerend kommt hinzu, dass bei älteren Patienten häufiger stark gewundene Gefäßverläufe der nachgeschalteten A. subclavia und eine Dilatation der Aorta ascendens beobachtet werden. Um die nötigen manuellen Fertigkeiten dauerhaft zu erhalten, empfehlen die ESC-Experten, dass der Anteil diagnostischer oder therapeutischer Kathetereingriffe via Radialiszugang an Zentren bei mehr als 50 Prozent liegen sollte und jeder Untersucher jährlich auf ein Minimum von 80 solcher Prozeduren kommen sollte.

Gefäßspasmen und postinterventionelle Gefäßobliterationen treten vor allem bei Patienten mit den hierfür typischen Prädiktoren Rauchen, weibliches Geschlecht und kleine Gefäßkaliber auf. Neben dem Gebrauch kleinerer Katheter (4/5 F) empfehlen sich eine adjuvante Heparingabe sowie eine periprozedurale spasmolytische Pharmakotherapie.

Die retrograde Passage der großen thorakalen Gefäße kann zudem geringfügig höhere Durchleuchtungszeiten nach sich ziehen. Wegen der potenziell besseren Abschirmungsmöglichkeiten vor Streustrahlen muss dies aber nicht automatisch zu einer höheren Strahlenbelastung für den Untersucher führen.

„Die praktischen Vorteile des transradialen Zugangswegs sind in internationalen Studien klar nachgewiesen worden“, so Prof. Dr. med. Josef Ludwig vom Universitäts-Herzzentrum Erlangen, einer der deutschen Pioniere dieser Technik, im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Aus der Reduktion der Blutungskomplikationen scheint nach derzeitiger Studienlage jedoch kein genereller prognostischer Vorteil zu resultieren. Allerdings mehren sich Belege dafür, dass vor allem Patienten mit ST-Hebungs-Myokardinfarkt (STEMI) auch von einer Reduktion der Mortalität bei transradialer PCI profitieren.

Dr. med. Vera Zylka-Menhorn

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema