ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Primäre HIV-Infektion: Frühe Therapie verzögert Beginn der Langzeit-ART

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Primäre HIV-Infektion: Frühe Therapie verzögert Beginn der Langzeit-ART

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-447 / B-400 / C-400

Meyer, Rüdiger

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Ob eine frühe, antiretrovirale Therapie (ART) bei primärer HIV-Infektion den infektionsverursachten Störungen des Immunsystems vorbeugen kann – sie sind durch eine später beginnende ART nicht vollständig reversibel –, war Fragestellung der randomisierten SPARTAC-Studie* mit 366 Patienten (60 % männlich). Die Serokonversion lag maximal 6 Monate vor Studienbeginn zurück, die Teilnehmer hatten zum Zeitpunkt der Aufnahme in die Studie im Durchschnitt 559 CD4+Zellen/mm3 Blut. Es wurden drei mögliche Strategien untersucht:

Ein Drittel der Patienten erhielt keine ART. Dies entspricht den heute geltenden Leitlinien, die erst zu einer Therapie raten, wenn die CD4+-Zellen auf unter 350/mm3 abgefallen sind. In den beiden anderen Gruppen wurde für 12 oder für 48 Wochen therapiert. Primärer Endpunkt war der Abfall der CD4+-Zellen auf eine Anzahl von weniger als 350/mm3 oder der Beginn einer Langzeit-ART.

Der Endpunkt wurde bei 50 % der Probanden erreicht, die 48 Wochen therapiert wurden, und bei 61 % in den beiden anderen Gruppen (Hazard Ratio [HR] für 48 Wochen ART versus keine oder 12 Wochen Therapie: 0,63; 95-%-Konfidenzintervall [KI] 0,45–0,90, p = 0,01). Die Unterschiede waren also nur in der Gruppe bei 48 Wochen ART statistisch signifikant.

Bei den Patienten ohne initiale Therapie wurde der primäre Endpunkt nach 157 Wochen erreicht, bei 12 Wochen Therapie nach 184 Wochen, und nach einer 48-wöchigen Therapie musste die Dauerbehandlung erst nach 222 Wochen begonnen werden. Die Studie belege zwar nicht die unbedingte Notwendigkeit einer frühen Therapie, die höhere durchschnittliche Zahl der CD4+-Zellen in der Gruppe der für 48 Wochen Therapierten aber sei positiv zu bewerten, sie lasse einen klinischen Benefit erwarten, schreiben die Autoren. Einen Vorteil könnte die Therapie für die Sexualpartner haben, da die Virussuppression das Ansteckungsrisiko mindert. Der Schutz ist auf die Phase der Therapie begrenzt. Nach deren Ende steigt die Viruskonzentration im Blut und damit das Ansteckungsrisiko wieder an.

Für einen frühen Therapiebeginn spricht eine Beobachtungsstudie: sie ergab, dass Patienten häufiger normale CD4+-Werte (900/mm3 oder mehr) erreichen, wenn sie die Therapie innerhalb der ersten vier Monate nach Infektion beginnen (2).

Primärer Endpunkt in Bezug auf die Zeit zwischen Serokonversion und Randomisierung
Primärer Endpunkt in Bezug auf die Zeit zwischen Serokonversion und Randomisierung
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Primärer Endpunkt in Bezug auf die Zeit zwischen Serokonversion und Randomisierung

Fazit: Eine vorübergehende antiretrovirale Therapie in der Frühphase einer HIV-Infektion beschleunigt die Erholung der Immunparameter und kann den Zeitpunkt der lebenslangen Behandlung in der Spätphase hinauszögern. Priv.-Doz. Dr. med. Christian Hoffmann vom Infektionsmedizinischen Zentrum Hamburg kommentiert: „Die Kontroverse, ob in der akuten HIV-Infektion eine ART begonnen werden sollte, wird auch durch diese Studien nicht beendet. Die Entscheidung für oder gegen eine sofortige ART bleibt individuell. Allerdings könnte der moderate immunologische Benefit einer frühen ART an Bedeutung gewinnen, vor allem im Hinblick auf künftige Eradikationskonzepte.“ Rüdiger Meyer

  1. The SPARTAC Trial Investigators: Short-course antiretroviral therapy in primary HIV infection. NEJM 2013; 368: 207–17. MEDLINE
  2. Le T, Wright EJ, et al.: Enhanced CD4+ T-Cell recovery with earlier HIV-1 antiretroviral therapy. NEJM 2013; 368: 218–30. MEDLINE

*SPARTAC: Short Pulse Anti-Retroviral Therapy at Seroconversion

Primärer Endpunkt in Bezug auf die Zeit zwischen Serokonversion und Randomisierung
Primärer Endpunkt in Bezug auf die Zeit zwischen Serokonversion und Randomisierung
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Primärer Endpunkt in Bezug auf die Zeit zwischen Serokonversion und Randomisierung

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