ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Universitätsmedizin: Überschätzung
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Die Autoren geben an, dass die deutschen Universitätsklinika zahlreiche Spezialaufgaben erledigen, die im gegenwärtigen Finanzierungskonzept nicht ausreichend gewürdigt werden. Das DRG-System mag sowohl grundsätzlich als auch im Speziellen Grund zur Kritik bieten, aber das gilt genauso für einige Positionen der Autoren . . .

Zunächst zur Weiterbildung: Die Masse der Facharztausbildungen findet nicht in den Universitätskliniken, sondern an den außeruniversitären Krankenhäusern statt. Sicher erfordert dies im Vergleich zu einer nur aus Fachärzten bestehenden Abteilung Zusatzaufwand, dies trifft aber auf das gesamte Gesundheitssystem zu.

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Die Notfallversorgung wird in der weit überwiegenden Zahl der Fälle durch die außeruniversitären Krankenhäuser der Regelversorgung wahrgenommen. Außerhalb von sehr großen Städten sind in der Regel nur wenige Krankenhäuser als Anlaufstelle für Notfälle vorhanden. Diese Notfallversorgung erfolgt in aller Regel 24 Stunden am Tag sieben Tage die Woche. Sicher haben nicht alle Krankenhäuser alle in der Weiter­bildungs­ordnung vorgesehenen Fachdisziplinen im Haus, aber die von den Autoren genannten Traumazentren, Herzkatheterlabore und Schlaganfallstationen sind in Deutschland außerhalb der Universitäten flächendeckend etabliert. Interdisziplinäre Zentren sind ebenfalls außerhalb von Universitäten gebildet worden, und dies geschieht auch weiterhin. Eine universitäre Besonderheit ist dies ebenfalls nicht, sondern zum Teil elementarer Bestandteil von Zertifizierungen etc.

Was Innovationen angeht, sind auch Universitätskliniken zunächst Krankenhäuser der Regelversorgung, die darüber hinaus Zusatzaufgaben wahrnehmen. Sie sind keine reinen Forschungsinstitute. Grundsätzlich ist nicht anzunehmen, dass Routinefälle wie Appendizitis, Hüft- oder Knie-TEP, eine ambulant erworbene Pneumonie, ein Hirn- oder Herzinfarkt anders behandelt werden müssen, als dies in 90 Prozent der übrigen Krankenhausbetten geschieht. Extremkostenfälle sollten grundsätzlich durch die Fallgewichtung im DRG-System abgebildet werden. Gegebenenfalls sollte die Art der Abbildung diskutiert werden, aber es ist mir nicht ersichtlich, warum für Universitäten in solchen Fällen andere Kategorien gelten sollten als zum Beispiel für ein Städtisches Klinikum.

Sicherlich wollen wir alle einen Fortschritt der Medizin, und dafür ist Forschung – und die entsprechende Finanzierung – notwendig. Andererseits ist es vielleicht hilfreich, wenn die Universitäten die Entwicklung von Behandlungsstandards vor demselben finanziellen Hintergrund entwickeln, vor dem sie dann auch in der Fläche umgesetzt werden sollen.

Dr. Volker Böhme, 33332 Gütersloh

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