ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Weiterbildung für die Generation Y: Sie fordern, was alle immer wollten

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Weiterbildung für die Generation Y: Sie fordern, was alle immer wollten

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-421 / B-381 / C-381

Korzilius, Heike

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Angesichts des drohenden Ärztemangels kann es sich der Nachwuchs leisten, Ansprüche zu stellen – auch an die Weiterbildung. Planbarkeit, Struktur und regelmäßiges Feed-back stehen auf der Wunschliste ganz oben.

Foto: dapd
Foto: dapd

Was erwarten junge Ärztinnen und Ärzte von ihrem Beruf, was fordern sie für ihre Weiterbildung? Ein eigenes Symposium zu diesem Thema hätte es vor zehn, 15 Jahren nicht gegeben. Damals herrschte „Ärzteschwemme“, und die Generation X konnte froh sein, wenn sie überhaupt einen Job ergatterte. Inzwischen fällt es den Krankenhäusern zunehmend schwer, offene Stellen zu besetzen. Auch die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte finden nicht mehr automatisch einen Nachfolger für ihre Praxen. Und nun betritt eine Generation die Bühne, „die die Macht der Demografie hinter sich weiß“, wie „Spiegel online“ schreibt (7. Juni 2011).

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Die Generation Y ist, glaubt man dem Magazin, qualifiziert, selbstbewusst, extrem anspruchsvoll und fordert klare Ansagen über Karrierewege und die eigene Leistung. Die in den 1980er und 1990er Jahren Geborenen könnten es sich leisten, Ansprüche zu stellen, der Karriere nicht alles unterzuordnen und eine Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit einzufordern.

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„Weiterbildung sollte nicht als Druckmittel im ärztlichen Arbeitsalltag fungieren.“ Henning Meyer, Assistenzarzt in der Radiologie an der Charité − Universitätsmedizin Berlin
„Weiterbildung sollte nicht als Druckmittel im ärztlichen Arbeitsalltag fungieren.“ Henning Meyer, Assistenzarzt in der Radiologie an der Charité − Universitätsmedizin Berlin
rtragen auf die ärztliche Weiterbildung heißt das, die Generation Y will Verbindlichkeit, Struktur, Anleitung und ein regelmäßiges Feed-back über das eigene Fortkommen. Oder, wie Dr. med. Hans-Albert Gehle es formulierte: „Die jungen Ärztinnen und Ärzte wollen das, was wir alle schon immer wollten.“ Der Anästhesist ist Vorsitzender des Arbeitskreises Fort- und Weiterbildung des Marburger Bundes (MB), der dem Thema „Weiterbildung für die Generation Y“ am 23. Februar in Berlin ein eigenes Symposium widmete.

„Eine gute Weiterbildung sollte nicht als Druckmittel im ärztlichen Arbeitsalltag fungieren oder einem Assistenzarzt wie eine Mohrrübe vor die Nase gehalten werden“, fordert beispielsweise Dr. med. Henning Meyer, angehender Radiologe an der Charité − Universitätsmedizin Berlin in einem Video, dass der MB zum Symposium auf seine Website gestellt hat (www.marburger-bund.de). Auch wenn im Alltag häufig Routinejobs erledigt werden müssten, sei es wichtig, immer wieder auf die Weiterbildung zurückzukommen.

Seine Kollegin aus der Chirurgie, Claudia Friedrich, fordert eine besser strukturierte Weiterbildung beispielsweise durch Kooperationen oder Rotationen. „Auch an einer Uniklinik sollte die chirurgische Facharztweiterbildung nicht sieben Jahre dauern müssen“, meint sie. Ihr Vorbild sind die USA. „Da weiß man genau, wann man anfängt, wann man fertig sein wird und seinen OP-Katalog abgeleistet hat.“ Außerdem sollte nach Ansicht von Friedrich die Forschung stärker in die Weiterbildung integriert werden. Die gegenwärtige Feierabendforschung könne nicht den gewünschten Effekt erzielen.

Das schlechte Image der Weiterbildung beklagt Dr. med. Diane Bi

„Auch an einer Uniklinik darf die chirurgische Weiterbildung nicht sieben Jahre dauern.“ Claudia Friedrich, Assistenzärztin in der Chirurgie an der Charité − Universitätsmedizin Berlin, Fotos: Marburger BundDas Video zum Symposium des Marburger Bundes findet man unter www.marburgerbund.de. Es enthält auch die Forderungen der Generation Y an eine gute Weiterbildung.
„Auch an einer Uniklinik darf die chirurgische Weiter­bildung nicht sieben Jahre dauern.“ Claudia Friedrich, Assistenzärztin in der Chirurgie an der Charité − Universitätsmedizin Berlin, Fotos: Marburger Bund
Das Video zum Symposium des Marburger Bundes findet man unter www.marburgerbund.de. Es enthält auch die Forderungen der Generation Y an eine gute Weiterbildung.
tzinger im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Sie befindet sich im dritten Weiterbildungsjahr in der Klinik für Anästhesiologie an der Uniklinik Regensburg. „Zunehmende Arbeitsverdichtung, hoher ökonomischer und zeitlicher Druck führen dazu, dass Weiterbildung im derzeitigen System eine Belastung darstellt und oft als solche empfunden wird.“ Deshalb hofft Bitzinger, dass es irgendwann gelingt, über eine gesonderte Finanzierung der Weiterbildung die notwendigen Freiräume zu schaffen. „Weiterbildung sollte keine Belastung sein, sondern durch zeitgemäße Weiterbildungskonzepte wieder zu einem integralen Bestandteil unseres ärztlichen Berufsalltags werden“, meint die 28-Jährige.

Seit 2009 erheben die Ärztekammern systematisch, wo Weiterbilder und Weiterzubildende der Schuh drückt. „Seither bewegt sich was“, sagt MB-Vorstand Gehle. Einige Lan­des­ärz­te­kam­mern hätten in Abteilungen, die bei der Bewertung schlecht abgeschnitten haben, Gespräche geführt. Und Radiologieassistent Meyer kennt viele Kollegen, die neue Jobs aufgrund der Evaluationsergebnisse ausgesucht haben. „Dieser Trend wird sich verstärken und zu besserer Weiterbildung führen“, ist er überzeugt.

Auch Bitzinger nimmt Veränderungen wahr: „Ich finde es gut, dass viele Weiterbilder zunehmend ihrer Verpflichtung nachkommen und Weiterbildungsgespräche führen.“ Positiv sei auch, dass zahlreiche Fachgesellschaften inzwischen offizielle Vertreter der jungen Generation in ihre Weiterbildungsgremien berufen hätten, um die Anliegen der Weiterbildungsassistenten besser berücksichtigen zu können. Bitzinger selbst repräsentiert seit Anfang des Jahres die Junge Anästhesie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin. „Vielleicht kann man durch eine Vernetzung dieser ,Jungen Foren’ eine Plattform schaffen, die sich in die Diskussionen über die Weiterbildung einbringt.“ Diskussionen, die bislang eher von denen geprägt werden, die die Weiterbildung längst hinter sich haben.

Zurzeit sind Fachgesellschaften und Berufsverbände aufgerufen, sich über eine elektronische Plattform (Wiki-BÄK) an einer grundlegenden Reform der Weiter­bildungs­ordnung zu beteiligen (siehe auch DÄ, Heft 50/2012). Der wissenschaftlich-technische Fortschritt, eine sich wandelnde Versorgungslandschaft, aber auch die Ergebnisse aus den Umfragen zur Zufriedenheit mit der Weiterbildung machten Änderungen notwendig, erklärte der Vorsitzende der Weiterbildungsgremien der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), Dr. med. Franz Bartmann, in Berlin. Er legte auch dar, wohin die Reise gehen soll:

Die Weiter­bildungs­ordnung soll künftig anhand von Kompetenzen strukturiert und vorrangig über Inhalte definiert werden. Berufs- und sozialrechtliche Vorgaben sollen in Einklang gebracht, die ambulante Weiterbildung gestärkt und Möglichkeiten der berufsbegleitenden Weiterbildung geschaffen werden. Dabei, so betonte Bartmann, bleibe aber die Grundstruktur der Weiter­bildungs­ordnung – Gebiets-, Facharzt-, Zusatzbezeichnungen und Mindestweiterbildungszeiten – erhalten. Beispiel Richtzahlen: Hier seien die Anforderungen zum Teil derart hochgeschraubt, dass sie in der Kürze der Weiterbildungszeit nicht leistbar seien, meinte Bartmann. In Zukunft sollten sich diese Vorgaben an den didaktischen Anforderungen, der Versorgungsrealität und der Umsetzbarkeit orientieren. Die Fachgesellschaften und Berufsverbände können noch bis zum 30. April ihre Vorstellungen einbringen. 2014 oder 2015 soll dann der Deutsche Ärztetag die neue Weiter­bildungs­ordnung beschließen.

Dass bei der Weiterbildung künftig Inhalte im Vordergrund stehen statt Zeiten und Zahlen, findet Weiterbildungsassistentin Bitzinger prinzipiell sinnvoll. Aber bis zur Umsetzung der Novelle wird noch viel Zeit vergehen. Deshalb fordert sie zunächst einmal mehr Transparenz über die vorhandenen Strukturen für die Berufsanfänger. Wer nicht wisse, dass es Logbücher für den Nachweis von Kompetenzen gebe oder verpflichtende Evaluationsgespräche, könne sie auch nicht einfordern. Hier seien auch die Ärztekammern und Verbände in der Pflicht. BÄK-Vorstand Bartmann verspricht Rückendeckung: „Assistenten, die nicht auf die geforderten Bedingungen stoßen, haben die Pflicht, sich an ihre Kammer zu wenden.“

Heike Korzilius

Gute Weiterbildung

Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hat im Vorfeld zu dem Symposium „Weiterbildung für die Generation Y“ Weiterzubildende und Weiterbilder zu ihren Anforderungen an eine gute Weiterbildung befragt. Die wichtigsten Forderungen:

Weiterbildung ist kein Selbstläufer. Sie muss eingebettet sein in Rotationen und Kooperationen. Weiterbildung darf nicht von Sympathie und Wohlwollen des Chefs abhängig sein. Sie braucht Struktur und verbindliche Pläne. Die Ärztinnen und Ärzte in Weiterbildung benötigen Feed-back, Anleitung und Handlungshilfen. Die Weiter­bildungs­ordnung muss gut umgesetzt und regelmäßig angepasst werden.

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