ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Börsebius: Gier, Größenwahn, Hybris

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Börsebius: Gier, Größenwahn, Hybris

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-463 / B-411 / C-411

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Ganz am Anfang meiner Journalistenkarriere hatte ich die Ehre, bei Jeane Freifrau von Oppenheim zu einem Interview erscheinen zu dürfen. Welche Ehre, ich glaube, es ging damals um Kunst & Börse. Ich erinnere mich noch an das sehr gediegene bis pompöse Ambiente in der Marienburger Villa, einer ausgewiesenen Kölner Nobeladresse. Respektheischend, furchteinflößend. Am Ende war ich heilfroh, dass mich das feudale Anwesen nebst der geschäftstüchtigen Baronin an Leib und Seele unbeschadet wieder hat ziehen lassen, immerhin mit einem verwertbaren Interview, das dann in der Zeitschrift „DM“ erschienen ist.

Jahre später lernte ich in Frankfurt am Main Dieter Pfundt kennen. Das war eigentlich ein netter Kerl, er machte einen ziemlich toughen Eindruck. Pfundt, der stets elegante Banker, galt in der Branche als Teufelskerl, dem alles, was er anfasste, zu Gold wurde. Bei der Citigroup baute er mit sogenannten covered warrants ein Riesengeschäft auf und war somit einer der Ersten in Deutschland, der Zockerpapiere hoffähig machte, lange vor dem neuen Markt und der Finanzmarktkrise. Mir jedenfalls war das schon damals einigermaßen verdächtig. Umso mehr verschlug es mir vor mehr als einem Jahrzehnt fast den Atem, als ich las, Dieter Pfundt sei beim renommierten Kölner Bankhaus Sal. Oppenheim als persönlich haftender Gesellschafter eingetreten. Bei einer Privatbank, gut 200 Jahre auf dem Buckel, bei der Verschwiegenheit, Noblesse, Gediegenheit und Seriosität seinerzeit noch aus allen Ritzen quollen. Das schien mir unfassbar.

Mittlerweile haben wir ja alle erfahren, dass offenbar damals der Umbau dieses ehemals edlen Bankhauses in eine fulminante Zockerbude bereits im Gange war. Oppenheim musste mit Müh und Not von der Deutschen Bank „gerettet“ werden, und nahezu die gesamte ehemalige Führungsriege steht derzeit wegen des Vorwurfs dubioser Finanzpraktiken vor dem Kadi. Natürlich gilt auch hier immer noch die Unschuldsvermutung, und wie der Prozessauftakt zeigt, ist der Drops für die Staatsanwaltschaft noch lange nicht gelutscht. Die Angeklagten treten sowieso mit der allerersten Verteidigergarde auf, und die hat auch das Zeug dazu, den Prozess platzen zu lassen oder doch tierisch in die Länge zu ziehen.

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Warum ich Ihnen das alles erzähle? Ist es nicht völlig egal, ob eine Bankerriege vor Gericht steht oder nicht, und der Anleger hat am Ende ohnehin nichts davon? Kann sein, oder auch nicht. Darum geht’s mir auch gar nicht, sondern darum, aufzuzeigen, dass noble Adressen und smartes Auftreten noch lange nicht für gutes Investmentbanking stehen, und der Anleger wirklich gut beraten ist, sich von einer glitzernden Kulisse nicht blenden zu lassen. Die glitzernde Kulisse bedarf auch immer eines wohlfeilen Zuschauers. Die Hybris lauert also überall. Auf beiden Seiten.

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