ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Antibiotika in der Tierhaltung: Die Waffen werden stumpf

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Antibiotika in der Tierhaltung: Die Waffen werden stumpf

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-423 / B-383 / C-383

Osterloh, Falk

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Antibiotikaresistenzen werden zunehmend zu einem Problem. Eine Ursache dafür ist der regelmäßige Einsatz dieser Medikamente in der Massentierhaltung.
Mit einem neuen Gesetz will die Bundesregierung nun gegensteuern.

Widerstand in gelb: Ein Mitglied des Bündnisses „Meine Landwirtschaft“ protestierte im vergangenen Jahr vor dem Kanzleramt gegen den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Foto: dpa
Widerstand in gelb: Ein Mitglied des Bündnisses „Meine Landwirtschaft“ protestierte im vergangenen Jahr vor dem Kanzleramt gegen den Einsatz von Antibiotika in der Massentierhaltung. Foto: dpa

Das Problem schien bereits gelöst. Als der schottische Bakteriologe Alexander Fleming 1928 die keimtötende Wirkung des Penicillins entdeckte, verloren bakterielle Infektionen nach und nach ihren Schrecken. Heute aber, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, kehrt der Schrecken zurück. Denn gegen manche multiresistente Keime sind die Waffen, die die Medizin geschmiedet hat, stumpf geworden.

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Mehr Reserveantibiotika

Die Ursachen für Antibiotikaresistenzen sind vielfältig. Sie reichen von unkritischer Verordnung bis zu inkonsequenter Einnahme. Von nachlassender Erforschung neuer Antibiotika bis zum massenhaften Einsatz in der Tierhaltung. Aus dem aktuellen „Bericht über den Antibiotikaverbrauch und die Verbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Veterinärmedizin in Deutschland“, kurz GERMAP 2010, geht hervor, dass die Zahl der Verordnungen von Antibiotika im ambulanten Bereich in den Vorjahren kaum gestiegen ist. Allerdings habe die Verordnung von Reserveantibiotika am Gesamtverbrauch stark zugenommen, so die Autoren. In Krankenhäusern der Akutversorgung ist die Verbrauchsdichte von Antibiotika seit 2004 zudem von circa 50 auf 64 definierte Tagesdosen pro 100 Pflegetage gestiegen.

Die Bildung von Resistenzen verläuft dabei nicht einheitlich. So ist beispielsweise die Makrolid-Resistenz bei den Pneumokokken von Patienten mit invasiven Erkrankungen seit 2006 stark rückläufig. Bei den Escherichia-coli-Isolaten aus dem stationären Bereich hat sich der Trend zur Zunahme der Resistenzhäufigkeit gegen Breitspektrum-Penicilline oder Fluorchinolone hingegen fortgesetzt, heißt es im GERMAP-Bericht.

Die Bundesregierung will unterdessen den massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung reduzieren. Am 28. Februar hat der Bundestag dafür die 16. Novelle des Arzneimittelgesetzes beschlossen. Darin wird vor allem das Landwirtschaftsministerium dazu ermächtigt, durch Rechtsverordnungen in die Vergabe von Antibiotika in der Tierhaltung einzugreifen. Beispielsweise kann es auf diesem Weg künftig den Einsatz von Antibiotika, die für die Humanmedizin von Bedeutung sind, in der Tierhaltung verbieten.

Mit Tierarztvorbehalt

Bislang hat ein Tierarzt im Einzelfall die Möglichkeit, ein Antibiotikum umzuwidmen, also abweichend von seiner Zulassung zur Behandlung kranker Tiere einzusetzen. Wenn jedoch zum Beispiel Chinolone und Cephalosporine der dritten und vierten Generation umgewidmet würden, könne dies einen Beitrag zur Ausbreitung von Resistenzen leisten, heißt es in der Gesetzesbegründung. Denn die Anwendung dieser Antibiotika stehe im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Resistenzphänomens ESBL-(Extended Spectrum Betalactamasen)bildender Keime.

Zudem kann das Ministerium künftig vorschreiben, dass bestimmte Antibiotika nur durch den Tierarzt selbst angewendet werden dürfen, zum Beispiel, wenn sie „die Gesundheit von Mensch oder Tier auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch unmittelbar oder mittelbar gefährden können, sofern sie nicht fachgerecht angewendet werden“ oder wenn sie „wiederholt in erheblichem Umfang nicht bestimmungsgemäß gebraucht werden“.

Darüber hinaus sollen die zuständigen Behörden in Zukunft ermitteln, wie viele Antibiotika pro Betrieb und Tierarzt in einem Halbjahr zum Einsatz kommen. Liegt ein Tierhalter über dem Durchschnitt, muss er, zusammen mit einem Tierarzt, die Gründe dafür nennen, aufzeigen, wie der Antibiotikaeinsatz verringert werden kann und eine Verringerung umsetzen.

Falk Osterloh

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Avatar #663353
Herzogs18
am Freitag, 8. März 2013, 09:47

6000 MRSA-Stämme

Und wie Sie wissen gibt es derzeit rd. 6.000 unterschiedliche Methicillin-resistente Staphylococcus aureus (MRSA)-Stämme. Dabei wird u.a. auch zwischen Tier- und Humanassozierten Stämmen unterschieden. Nach bisherigen Kenntnisstand sollen die tierassoziierten Stämme für den Menschen kein großes Risiko darstellen (siehe EU-Projekt Safeguard).
Mediziner der St George's University of London fanden jetzt heraus, dass insbesondere Verschreibungen mit Reserveantibiotika aus der Familie der Fluorchinolone für die steigenden Resistenzen im Humanbereich verantwortlich sein könnten. Die MRSA-Raten sanken signifikant, wenn weniger Ciprofloxacin verschrieben wurde. Dabei handelt es sich um das am häufigsten verschriebene Antibiotikum der Fluorchinolon-Familie (m.E. werden Reserve-AB in der Tiermedizin so gut wie gar nicht verwednet!?)

Quelle: G. M. Knight, E. L. Budd, L. Whitney, A. Thornley, H. Al-Ghusein, T. Planche, J. A. Lindsay. Shift in dominant hospital-associated methicillin-resistant Staphylococcus aureus (HA-MRSA) clones over time. Journal of Antimicrobial Chemotherapy, 2012; 67 (10): 2514 DOI: 10.1093/jac/dks245
Avatar #663353
Herzogs18
am Freitag, 8. März 2013, 09:45

Bitte an die eigene Nase packen!

Hallo Herr Osterloh, Sie machen es sich etwas zu einfach:

1. Resistenzen werden in Groß- und Kleinbetrieben beobachtet - unabhängig von der Bewirtschaftsungsform, also ob Bio- oder Konventionell: http://www.plosone.org/article/info:doi/10.1371/journal.pone.0030092
und
http://www.animal-health-online.de/gross/2012/02/08/antibiotikaresistenzen-behandlungsintensitat-und-betriebsgrosse-ohne-zusammenhang/20143/
2. In Deutschland erfolgt die Verschreibung nicht im rechtsfreien Raum. Bis zu sieben Aufzeichnungen (bei Landwirt und Tierarzt) sind erforderlich, die jederzeit und 10 Jahre rückwirkend eingesehen werden können.
3. In der Humanmedizin werden je kg Körpergewicht wesentlich mehr AB verschrieben, als in der Tiermedizin: http://www.medcom24.de/content/Die-AVA-zum-Antibiotikaeinsatz-bei-Tieren-Deutschland-%E2%80%93-was-bedeuten-die-Zahlen
4. In der deutschen Veterinärmedizin werden keine (oder nur sehr wenig) Reserveantibiotika eingesetzt. Der überwiegende Anteil umfasst "alte" AB und deren Wirksamkeit belegt die fehlenden Resistenzen: http://www.openpr.de/drucken/662784/AVA-zur-Veroeffentlichung-des-Antibiotikaeinsatzes-in-der-Tiermedizin-durch-das-BVL.html
5. Insbesondere in Abwässern aus Kliniken und Abwässern finden sich resistente Keime: http://www.animal-health-online.de/drms/rinder/keime.htm
6. Resistenzen entstehen auch ohne Antibtiokaanwendung: http://www.animal-health-online.de/gross/2007/03/10/resistenzen-auch-ohne-antibiotikaanwendung-ant/9251/
7. Falsche Verschreibungen in der Humanmedizin führen zu mehr Resistenzen: http://www.animal-health-online.de/gross/2013/02/07/humanmedizin-mehr-antibiotika-resistenzen-durch-falsche-verordnung/23975/
und
http://www.animal-health-online.de/gross/2010/09/15/humanmediziner-gefaehrden-wirksamkeit-von-antibiotika/14685/
und
http://www.animal-health-online.de/gross/2012/03/22/wissenschaftler-antibiotikaresistenzen-aus-kliniken-und-haushalten-auf-dem-vormarsch-krankenhausabwasser-separat-behandeln/20611/
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