ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Nichtärztliche Chirurgieassistenz: Erfahrungen mit einem neuen Beruf

THEMEN DER ZEIT

Nichtärztliche Chirurgieassistenz: Erfahrungen mit einem neuen Beruf

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-436 / B-392 / C-392

Blum, Karl; Offermanns, Matthias

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Foto: picture alliance
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Nichtärztliche Chirurgieassistenten übernehmen ausgewählte ärztliche Aufgaben im OP. In einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts wurden sie zu ihrem Einsatz im Krankenhaus befragt.

Bei der nichtärztlichen Chirurgieassistenz geht es um die regelhafte Delegation ärztlicher Tätigkeiten an besonders geschultes Personal (1). Dabei unterscheidet sich das Aufgabenspektrum von Chirurgieassistenten klar von den Aufgaben des OP-Pflegepersonals oder eines operationstechnischen Assistenten (OTA). Der Chirurgieassistent erbringt intra- und perioperativ eine Vielzahl von Leistungen, die ansonsten ein Arzt durchführt.

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Konkret sollen Chirurgieassistenten intraoperativ assistierende Tätigkeiten der ersten und zweiten Assistenz unter Aufsicht und Anweisung eines verantwortlichen Arztes durchführen beziehungsweise dem Operateur direkt bei operativen Eingriffen assistieren. Daneben werden ihnen ausgewählte perioperative Aufgaben übertragen. Der Chirurgieassistent hat vor allem folgende Aufgaben (2, 3):

  • Kontrolle der OP-relevanten Patientenunterlagen auf Vollständigkeit
  • fachspezifische Lagerung des Patienten für den Eingriff
  • Inspektion, Desinfektion und steriles Abdecken des Patienten
  • Mithilfe beim Zugangsweg durch situationsgerechtes Verwenden von Instrumenten und/oder Händen
  • situationsgerechtes intraoperatives Darstellen des OP-Gebietes durch den Einsatz von Retraktoren, Haken und Händen
  • Mithilfe bei intraoperativer Blutstillung durch Elektrokoagulation, Saugertechniken, Setzen von Klammern, Legen und Knoten von Ligaturen, Einsatz von Clipinstrumenten, Einsatz von Tupfern und Tüchern
  • Bearbeitung unterschiedlicher Gewebestrukturen unter fachgerechter Verwendung chirurgischer Instrumente
  • Faden führen, Anwendung verschiedener Knotentechniken
  • Bedienung und Anwendung medizinischer Instrumente/Geräte
  • Einlegen und Sicherung von Drainagen/Sonden/Kathetern/Tamponaden
  • Mithilfe beim schichtweisen Wundverschluss, auch durch eigenständige Naht
  • Anlegen steriler Verbände jeglicher Art
  • Kameraführung bei endoskopischen Eingriffen.

Im Bereich der Chirurgieassistenz gibt es in Deutschland verschiedene Qualifizierungswege. Grundsätzlich ist hier zwischen grundständigen Ausbildungen, Weiterbildungen und einem Bachelorstudium zu differenzieren (4). Erste praktische Erfahrungen mit dem Berufsbild der nichtärztlichen Chirurgieassistenz wurden in einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) auf Basis einer Absolventenbefragung in den fünf Einrichtungen ermittelt, die zum Jahresende 2011 entsprechende Absolventen vorweisen konnten. Es handelte sich dabei im Auftrag des DKI um die bundesweit erste Vollerhebung aller bisherigen Absolventen der einschlägigen Qualifizierungswege. An der Erhebung beteiligten sich 116 Absolventen (Rücklaufquote: 60 %).

96 Prozent der Befragten, die zur Jahreswende 2011/2012 als nichtärztliche Chirurgieassistenten arbeiteten, waren in einem Krankenhaus beschäftigt, davon die meisten in einem Krankenhaus, in dem sie auch den praktischen Teil ihrer Qualifizierung absolviert haben. Die operativen Fachdisziplinen der nichtärztlichen Chirurgieassistenten sind breit gefächert. Am häufigsten arbeiten sie in der Orthopädie/Unfallchirurgie (57 %), der Allgemeinchirurgie (43 %) und der Viszeralchirurgie (37 %). Dienstrechtlich sind sie dabei überwiegend dem ärztlichen Dienst zugeordnet.

Die nichtärztlichen Chirurgieassistenten werden entsprechend ihrem spezifischen Kompetenzprofil weitgehend für Aufgaben der nichtärztlichen OP-Assistenz eingesetzt. So gaben etwa 80 Prozent der Befragten an, „oft“ oder „sehr oft“ die erste OP-Assistenz zu übernehmen. Fast zwei Drittel der nichtärztlichen Chirurgieassistenten sind darüber hinaus regelmäßig als zweite OP-Assistenz im Einsatz.

Zu den Standardaufgaben von nichtärztlichen Chirurgieassistenten im OP zählen unter anderem der eigenständige Wundverschluss beziehungsweise die Mithilfe beim Wundverschluss, das Anlegen von sterilen Verbänden sowie das Anlegen und die Sicherung von Drainagen, die Desinfektion und das sterile Abdecken sowie die Lagerung des Patienten, die situationsgerechte Darstellung des OP-Gebietes und die Mithilfe bei der intraoperativen Blutstillung (Grafik 1). Auf bettenführenden Stationen oder in der Ambulanz bilden Verbandswechsel, die Wundversorgung, Blutentnahmen und das Legen venöser Zugänge ihre Arbeitsschwerpunkte.

Ausgewählte Tätigkeiten der nichtärztlichen Chirurgieassistenz im OP
Ausgewählte Tätigkeiten der nichtärztlichen Chirurgieassistenz im OP
Grafik 1
Ausgewählte Tätigkeiten der nichtärztlichen Chirurgieassistenz im OP

Mehrheitlich ist das Aufgabenspektrum der befragten nichtärztlichen Chirurgieassistenten klar von dem der OP-Pfleger und OTA abgegrenzt. Einschlägige Tätigkeiten der OP-Pflege, wie Instrumentation oder die Vor- und Nachbereitung des OP-Saals, gehören nicht standardmäßig zum Aufgabenbereich der nichtärztlichen Chirurgieassistenz.

Gute Zusammenarbeit

Die Zusammenarbeit von nichtärztlichen Chirurgieassistenten und ärztlichem Dienst oder dem übrigen OP-Personal wird gemäß den Selbsteinschätzungen der Absolventen überwiegend positiv bewertet. Über alle Berufsgruppen und Hierarchiestufen hinweg bezeichnen zwischen 75 und 90 Prozent der Absolventen die Zusammenarbeit als „gut“ oder „sehr gut“. Das Gleiche gilt analog für die grundsätzliche Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz, die von den Befragten, je nach Berufsgruppe oder Hierarchiestufe, zwischen 60 und mehr als 80 Prozent als „gut“ bis „sehr gut“ eingestuft wird (Grafik 2).

Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz
Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz
Grafik 2
Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz

Hohe Berufszufriedenheit

Tendenziell fällt die grundsätzliche Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz bei den Chef- und Oberärzten sowie den Assistenzärzten mit abgeschlossener Weiterbildung etwas besser aus als bei den Assistenzärzten in Weiterbildung, den OTA und weitergebildeten OP-Pflegern sowie beim sonstigen OP-Personal.

Nach Auffassung der Befragten tragen nichtärztliche Chirurgieassistenten zur Entlastung des ärztlichen Dienstes im OP bei, nicht zuletzt durch eine Konzentration der ärztlichen Weiterbildung auf ärztliche Kernleistungen. Darüber hinaus gehen die Befragungsteilnehmer mehrheitlich von einer verbesserten Qualität von Assistenzleistungen im OP sowie einer verbesserten Organisation der Handlungsabläufe im OP durch den Einsatz von nichtärztlichen Chirurgieassistenten aus.

Die Berufszufriedenheit der nichtärztlichen Chirurgieassistenten fällt sehr hoch aus. Dies ist nicht zuletzt auf das genuine Aufgabenprofil zurückzuführen: So gaben jeweils etwa 80 Prozent der Befragten an, dass ihre speziellen Fähigkeiten aktuell sehr gut zum Einsatz kommen. Dies schließt allerdings nicht aus, dass nichtärztliche Chirurgieassistenten aus ihrer Sicht noch fachfremde oder qualifikationsferne Aufgaben erledigen müssen. Bei gut einem Drittel der Befragten ist dies zumindest teilweise oder öfters der Fall. Insofern existieren in der Praxis partiell noch „Mischformen“ von nichtärztlicher Chirurgieassistenz und traditioneller Funktionspflege im OP.

„Wildwuchs“ vermeiden

Die Ergebnisse einer bundesweiten Absolventenbefragung belegen eine gute Praxisbewährung der nichtärztlichen Chirurgieassistenz. So werden die nichtärztlichen Chirurgieassistenten überwiegend entsprechend ihrem spezifischen Qualifikationsprofil für Tätigkeiten eingesetzt, die bislang weitgehend Ärzten vorbehalten waren. Dabei hatten sie überwiegend keine Probleme, eine qualifikationsadäquate Stelle zu finden. Die Befragten berichten mehrheitlich von einer guten Resonanz und überwiegend positiven Auswirkungen in der Krankenhauspraxis.

Methodisch weist die Untersuchung aber auch Grenzen auf: So handelt es sich bei den Ergebnissen um Selbsteinschätzungen von nichtärztlichen Chirurgieassistenten. Für eine umfassendere Bewertung müssten daher auch Ärzte und nichtärztliches OP-Personal zu ihren Erfahrungen mit der nichtärztlichen Chirurgieassistenz befragt sowie objektive Leistungs- oder Qualitätsindikatoren erfasst werden.

Insgesamt spricht vieles dafür, dass sich das Berufsbild der nichtärztlichen Chirurgieassistenz und die hierfür erforderlichen Qualifizierungswege mittel- bis langfristig auch in Deutschland etablieren werden: So fällt die grundsätzliche Akzeptanz bei einer Reihe von chirurgischen Fachgesellschaften mittlerweile hoch aus (57). Der bestehende und sich gegebenenfalls weiter verschärfende Ärztemangel in der Chirurgie begünstigt die weitere Delegation ärztlicher beziehungsweise operativer Leistungen an hierfür eigens qualifiziertes nichtärztliches Fachpersonal. Ohnehin ist die nichtärztliche Chirurgieassistenz teilweise schon gängige Praxis, stärker formalisierte Qualifizierungen würden somit zu mehr Rechtssicherheit und Qualitätssicherung beitragen (8).

Vor diesem Hintergrund ist insgesamt von einem großen Bedarf an einschlägig qualifiziertem Fachpersonal auszugehen. Auch deswegen stellt sich hier die Frage nach einer Standardisierung oder staatlichen Reglementierung in diesem qualifikatorisch wie rechtlich äußerst sensiblen Bereich. Einen „Wildwuchs“ an nicht evaluierten, nicht qualitätsgesicherten oder nicht bedarfsgerechten Angeboten gilt es in jedem Fall zu verhindern. Daher erscheint es – zumindest mittelfristig – empfehlenswert, Qualifikationen im Bereich der nichtärztlichen Chirurgieassistenz durch Richtlinien von Fachverbänden oder Fachgesellschaften oder über staatliche Regelungen zu standardisieren und anzuerkennen.

Über die nichtärztliche Chirurgieassistenz hinaus hat die DKI-Studie bestenfalls einschlägige Berufsbilder der nichtärztlichen Anästhesieassistenz aus den USA, Großbritannien und der Schweiz sowie ihre Übertragbarkeit auf hiesige Verhältnisse untersucht. Mittelfristig dürfte sich auch hier die Frage nach der Schaffung eines neuen Berufsbildes mit hinreichender Qualifizierung stellen.

Dr. Karl Blum, Dr. Matthias Offermanns

Deutsches Krankenhausinstitut (DKI)

@Die DKI-Studie „Nicht-ärztliche Chirurgie- und Anästhesie-Assistenz – Perspektiven für neue Berufsbilder im OP“ unter: www.aerzteblatt.de/13436

1.
Offermanns, M./Bergmann, O. (2008): Neuordnung von Aufgaben des Ärztlichen Dienstes. Düsseldorf, Deutsche Krankenhaus Verlagsgesellschaft.
2.
Berentzen, J. (2005): Erfahrung ist gefragt – Aufstieg durch Spezialisierung. nahdran, 2/05, 29–31.
3.
Berentzen, J. (2009): Delegation ärztlicher Tätigkeiten im OP. Die Schwester/Der Pfleger, 5/05, 458–63.
4.
Blum, K./Offermanns, M. (2013): Nicht-ärztliche Chirurgie- und Anästhesie-Assistenz – Perspektiven für neue Berufsbilder im OP. Düsseldorf (www.dki.de).
5.
Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (2007): CTA-Workshop, Workshop der DGCH zur Delegation ärztlicher Aufgaben in der Chirurgie. (www.dgch.de/dgch/aktuelles/cta-workshop/index.html).
6.
Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie (2007): Gefäßassistent/-in. Berlin, Akademie der DGG, www.akademie-dgg.de.
7.
Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (2007): Überarbeitetes Positionspapier der DGU zu den Themen: Chirurgisch-Technischer Assistent (CTA), Bologna-Prozess. Frankfurt a. M., DGU.
8.
Blum, K./Grohmann, J. (2010): Weiterentwicklung der nicht-ärztlichen Heilberufe am Beispiel der technischen Assistenzberufe im Gesundheitswesen. Düsseldorf, Bonn (www.bmg.bund.de).
Ausgewählte Tätigkeiten der nichtärztlichen Chirurgieassistenz im OP
Ausgewählte Tätigkeiten der nichtärztlichen Chirurgieassistenz im OP
Grafik 1
Ausgewählte Tätigkeiten der nichtärztlichen Chirurgieassistenz im OP
Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz
Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz
Grafik 2
Akzeptanz des Berufsbildes der nichtärztlichen Chirurgieassistenz
1.Offermanns, M./Bergmann, O. (2008): Neuordnung von Aufgaben des Ärztlichen Dienstes. Düsseldorf, Deutsche Krankenhaus Verlagsgesellschaft.
2.Berentzen, J. (2005): Erfahrung ist gefragt – Aufstieg durch Spezialisierung. nahdran, 2/05, 29–31.
3.Berentzen, J. (2009): Delegation ärztlicher Tätigkeiten im OP. Die Schwester/Der Pfleger, 5/05, 458–63.
4.Blum, K./Offermanns, M. (2013): Nicht-ärztliche Chirurgie- und Anästhesie-Assistenz – Perspektiven für neue Berufsbilder im OP. Düsseldorf (www.dki.de).
5.Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (2007): CTA-Workshop, Workshop der DGCH zur Delegation ärztlicher Aufgaben in der Chirurgie. (www.dgch.de/dgch/aktuelles/cta-workshop/index.html).
6.Deutsche Gesellschaft für Gefäßchirurgie (2007): Gefäßassistent/-in. Berlin, Akademie der DGG, www.akademie-dgg.de.
7.Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (2007): Überarbeitetes Positionspapier der DGU zu den Themen: Chirurgisch-Technischer Assistent (CTA), Bologna-Prozess. Frankfurt a. M., DGU.
8.Blum, K./Grohmann, J. (2010): Weiterentwicklung der nicht-ärztlichen Heilberufe am Beispiel der technischen Assistenzberufe im Gesundheitswesen. Düsseldorf, Bonn (www.bmg.bund.de).

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