ArchivDeutsches Ärzteblatt10/2013Pathogenese der Myopie: Aktivitäten unter freiem Himmel beugen Myopie vor

MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Pathogenese der Myopie: Aktivitäten unter freiem Himmel beugen Myopie vor

Dtsch Arztebl 2013; 110(10): A-447 / B-400 / C-400

Gerste, Ronald D.

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In der Diskussion über die Pathogenese der Kurzsichtigkeit (Myopie) geraten vermehrt Umweltfaktoren und individuelles Verhalten in den Fokus. Jetzt haben gleich mehrere Studien eine Assoziation der Myopie und der ihr zugrundeliegenden Anatomie des Bulbus – ein kurzsichtiges Auge weist in der Regel eine sehr hohe Achsenlänge auf – mit einem essenziellen Umweltfaktor belegt: ob sich das Individuum in Innenräumen aufhält – und damit wahrscheinlich primär Naharbeit verrichtet – oder unter freiem Himmel. Eine Untersuchung an 681 Kindern zwischen 5 und 8 Jahren aus Peking zeigte auf, dass die Achsenlänge (und damit die Wahrscheinlichkeit der Myopie) bei jenen Kindern überdurchschnittlich hoch war, die vergleichsweise viel Zeit in Innenräumen und bei Lernaktivitäten verbrachten. Auch Wohnen in einer ländlichen Region sowie eine kurzsichtige Mutter waren eher mit einer längeren Bulbusachse assoziiert. Nicht allein der Verzicht auf Nahaktivität zugunsten von Spiel und Sport wird als Präventivum angesehen, sondern auch die Exposition gegenüber Sonnen- oder zumindest Tageslicht (1).

Eine dänische Untersuchung an 235 Kindern im Alter von 8 bis 14 Jahren ergab, dass Kinder, die sich sehr viel – im Mittel 2 782 akkumulierte Tageslichtstunden – unter freiem Himmel aufhielten, über 6 Monate eine durchschnittliche Zunahme der Achsenlänge um 0,12 mm und einer Myopie um –0,26 Dioptrien verzeichneten (2). Gleichaltrige, die weniger draußen waren – im Schnitt 1 681 akkumulierte Tageslichtstunden – zeigten eine höhere Zunahme der Achsenlänge (um durchschnittlich 0,19 mm) und der Kurzsichtigkeit (um ‒0,32 Dioptrien).

Dies passt zu einer Studie aus China, bei der an 85 Kindern zwischen 6 und 12 Jahren, die bei Baseline zwischen ‒0,75 und ‒3,50 Dioptrien kurzsichtig waren, die Progressionsraten in Abhängigkeit von den Jahreszeiten ermittelt wurden (3). Im Sommer war die Zunahme der Kurzsichtigkeit gegenüber den Wintermonaten um circa 60 % reduziert. Im Durchschnitt wurden die Kinder im Sommer um ‒0,31 Dioptrien, im Herbst um ‒0,40 Dioptrien, im Winter um ‒0,53 Dioptrien und im Frühling um –0,42 Dioptrien kurzsichtiger. Auch hier bleibt unklar, ob die Ergebnisse primär auf eine Wirkung des Tageslichtes, zum Beispiel aufgrund von lichtinduziert erhöhten Dopaminspiegeln in der Retina, oder auf jahreszeitlich abhängig reduzierte Naharbeit zurückzuführen sind. Neben den Mechanismen dieser Progressionsverminderung gilt es in künftigen Studien auch herauszufinden, ob die Progression selbst bei Hochmyopen durch mehr „Outdoor“-Aktivitäten gebremst werden kann – bei jenen Myopiepatienten also, die aufgrund okulärer Komplikationen – wie zum Beispiel choroidalen Neovaskularisationen und Netzhautablösungen – in erhöhtem Maße von Erblindung bedroht sind.

Fazit: Die Empfehlungen der Autoren aller Studien sind – ob aus China oder Dänemark – beinahe identisch: Emmetrope und bereits myope Kinder sollten möglichst viel Zeit unter freiem Himmel verbringen. Dr. med. Ronald D. Gerste

  1. Guo Y, Liu LJ, Xu L, et al.: Outdoor acticity and myopia among primary students in rural and urban regions of Beijing. Ophthalmology 2013; 120: 277–83. MEDLINE
  2. Cui D, Trier K, Munk Ribel-Madsen S: Effect of day length on eye growth, myopia progression, and change of corneal power in myopic children. Ophthalmology. 2013 Feb 1. doi:pii: S0161–6420(12)01040–8. 10.1016/j.ophtha.2012.10.022 MEDLINE
  3. Donovan L, Sakaridurg P, Ho A, et al.: Myopia progression in chinese children is slower in summer than in winter. Optom Vis Sci 2012; 89: 1196–202. MEDLINE

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