ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2013Liebe: Blalla W. Hallmann – Frühlingsenttäuschung

KUNST + PSYCHE

Liebe: Blalla W. Hallmann – Frühlingsenttäuschung

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 98

Kraft, Hartmut

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Eine blaue Form springt ins Auge. Einerseits erscheint sie wie ein auf dem Kopf stehendes Herz, andererseits aber imponiert sie durch die Brustwarzen als Busen. Da zwischen den Brüsten eine braungelbe Substanz abgesondert wird, aus der sich das Wort Liebe geformt hat, haben wir es bei dieser offensichtlich überdeterminierten Form nun auch noch mit einem Gesäß zu tun. Das fahle, kalte Blau steht in einem denkbar und fühlbar großen Kontrast zu den drei genannten Bedeutungen der Form, die eher mit einer warmen Hautfarbe oder Rot zu assoziieren wären. Handelt es sich um eine Verkehrung ins Gegenteil – aus warm wird kalt, aus Liebe wird Enttäuschung, vielleicht sogar Hass? Ganz in diesem Sinne wäre die Bildung des Wortes Liebe aus Kot zu verstehen. In drastischer Form wird die Liebe entwertet, legt sich als ein Haufen Sch. . . über eine platt auf den Boden niedergestreckte Figur. Diese ganze, bei genauerer Betrachtung doch recht unappetitliche Szene ereignet sich auf einer fahlen bläulich grünen, quer gestreiften Fläche. Aber diese Räumlichkeit steht Kopf und weist am unteren Bildrand durch zunehmend enger stehende Linien in die Ferne! Es ist eine verkehrte, verrückte Welt.

Wie bei dem größten Teil der Werke Blalla W. Hallmanns spielen Bildtitel eine entscheidende Rolle: „Ein neuer Frühling, die alten Ärsche flattern im Winde, und wer`s nicht glaubt, wird ganz gelinde, aus lauter ‚Liebe‘ von ihnen zugeschissen.“ Ein Bild der Enttäuschung also. Das Frühlingserwachen war ein böses. Bei der geschilderten Mehrdeutigkeit der zentralen blauen Figur muss offenbleiben, ob es sich um eine Liebesenttäuschung oder – eher dem Text entsprechend – um eine Enttäuschung durch mächtige Personen oder Institutionen („die alten Ärsche“) handelt.

Das Bild entstand 1975, zu einer Zeit, als der Künstler Wolfgang Ewald Hallmann, der seit seiner Studienzeit Blalla genannt wurde, ganz langsam seine seit 1969 bestehende schizophrene Dekompensation überwand. Gerade aber 1975 unternahm er zwei Selbsttötungsversuche. In seinem „Curriculum vitae Wolfgang Ewald Hallmann“ berichtete er zwei Jahrzehnte später in einer Serie von 149 Linolschnitten und Texten von seiner Herkunft, der künstlerischen Ausbildung, den enttäuschenden Beziehungen zu Frauen – und auch von seiner schizophrenen Psychose, die ihn noch bis zum Ende der 70er Jahre beschäftigen sollte. Danach aber gehörte er zu den 22 Prozent schizophren erkrankter Patienten, denen es gelingt, ihre Erkrankung ohne chronische oder rezidivierende Symptomatik und Leistungseinbußen zu überwinden. Sein galliger Humor hat durch die Abstürze an Schärfe gewonnen und war vermutlich ein Bollwerk der Seele gegen Enttäuschungen im Liebes- und Berufsleben. Außergewöhnliche, stark farbige Bilder voller inhaltlicher Anspielungen, begleitet von lakonischen Texten und Wortspielen, wurden sein Markenzeichen. Ab den 80er Jahren wurde er zunehmend als Künstler anerkannt. Vom 23. Februar bis 21. April informiert eine Ausstellung im Museum für Sepulkralkultur in Kassel über sein Leben und Werk. Dr. med. Hartmut Kraft

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Biografie Blalla W. Hallmann

Geboren 1941 in Quirl im Riesengebirge. Nach einem Probesemester an der Kunstakademie in Düsseldorf Anstreicherlehre, danach Studium an der Kunstakademie Nürnberg, Meisterschüler von Fritz Griebel. Während eines Aufenthaltes in den USA 1967–1969 Ausbruch einer schizophrenen Psychose, Rückkehr nach Deutschland. Nach mehreren Klinikaufenthalten zunehmende psychische Stabilisierung und Erfolge auf dem Kunstmarkt ab den 80er Jahren. 1992–1995 Professur an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig. Verstorben 1997 in Windsbach.

1.
Blalla W. Hallmann: Arbeiten 1958–1990. Gemeinsamer Katalog der Albrecht Dürer Gesellschaft Nürnberg, Emsdettener Kunstverein und Kunstverein Rosenheim 1990.
2.
Kraft H (Hrsg.): Ecce BLALLA! Abstürze und Höhenflüge – ein Leben. Köln: Salon Verlag 2013.
3.
Reichelt M (Hrsg.): Die Sprache verschlagen – Die Bildgewalt des Blalla W. Hallmann. Katalog der Kunsthalle Recklinghausen, Institut für moderne Kunst, Nürnberg 2007.
1.Blalla W. Hallmann: Arbeiten 1958–1990. Gemeinsamer Katalog der Albrecht Dürer Gesellschaft Nürnberg, Emsdettener Kunstverein und Kunstverein Rosenheim 1990.
2.Kraft H (Hrsg.): Ecce BLALLA! Abstürze und Höhenflüge – ein Leben. Köln: Salon Verlag 2013.
3.Reichelt M (Hrsg.): Die Sprache verschlagen – Die Bildgewalt des Blalla W. Hallmann. Katalog der Kunsthalle Recklinghausen, Institut für moderne Kunst, Nürnberg 2007.

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