ArchivDeutsches Ärzteblatt PP3/2013Psychotherapie in Europa: Irland und Nordirland – Keine herkömmlichen Traumata

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Psychotherapie in Europa: Irland und Nordirland – Keine herkömmlichen Traumata

PP 12, Ausgabe März 2013, Seite 116

Sonnenmoser, Marion

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Die Folgen des Nordirlandkonflikts und die Rezession, die mit Arbeitslosigkeit, Armut und Verschuldung einhergeht, stellen das irische Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Psychotherapeutenmangel auf dem Land führt zu Unterversorgung.

Die Konflikte in Belfast nehmen kein Ende: Bei den „Union Flag Protests“ im Januar attackieren Demonstranten Polizeiabsperrungen. Foto: picture alliance
Die Konflikte in Belfast nehmen kein Ende: Bei den „Union Flag Protests“ im Januar attackieren Demonstranten Polizeiabsperrungen. Foto: picture alliance

Allen Bürgern gewährleistet Irland (gemeint sind im Folgenden Nordirland und die Republik Irland) eine medizinische Versorgung. Es besitzt einen staatlichen Gesundheitsdienst, der aus Steuermitteln und Sozialversicherungsbeiträgen finanziert wird. Der Gesundheitsbeitrag der Versicherten richtet sich nach Alter und Einkommen. Versicherte über 70 Jahre und Geringverdiener erhalten die sogenannte Medical Card und sind von Zuzahlungen und Selbstbeteiligungen befreit, jedoch in der Arztwahl eingeschränkt. Im Krankheitsfall müssen sie einen festgelegten örtlichen Allgemeinmediziner aufsuchen und können einen Facharzt erst nach Überweisung konsultieren. Etwa ein Drittel der irischen Bevölkerung hat Anspruch auf eine Medical Card. Der Rest der Bevölkerung muss sich an den für medizinische Leistungen anfallenden Kosten beteiligen. Er hat dafür aber freie Arztwahl und kann auch ohne Überweisung einen Facharzt aufsuchen. Mehr als die Hälfte der Iren, die keine Medical Card besitzen, sind zusätzlich privat versichert. Sie können sich als Privatpatienten in staatlichen Krankenhäusern oder privaten Kliniken behandeln lassen und müssen weniger lange als nicht Privatversicherte auf Operationen und Therapieplätze warten.

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Menschen mit psychischen Erkrankungen, die Inhaber einer Medical Card sind, wenden sich an einen Hausarzt und werden von diesem in der Regel erst einmal mit Psychopharmaka behandelt und nur in schwereren Fällen an einen Psychiater oder Psychotherapeuten überwiesen. Patienten ohne Medical Card steht es hingegen frei, sich direkt an einen Psychiater oder Psychotherapeuten zu wenden. Ihre Privatversicherung kommt für eine psychiatrische Behandlung in vollem Umfang auf, für eine psychotherapeutische Behandlung muss hingegen häufig eine Zuzahlung geleistet werden.

In Irland werden viele verschiedene psychotherapeutische Verfahren angeboten, unter anderem kognitive Verhaltenstherapie, konstruktivistische, humanistische, integrative und psychoanalytische Psychotherapie sowie Paar- und Familientherapie, wobei sich die Mehrzahl der Patienten für eine kognitive Verhaltenstherapie entscheidet. Auf dieses Verfahren sind auch die meisten Psychotherapeuten spezialisiert. Es ist allerdings nicht immer einfach, einen fachlich gut ausgebildeten Therapeuten zu finden, denn es besteht keine Qualifizierungs- und Registrierungspflicht für Psychotherapeuten. „In Irland kann im Prinzip jeder Psychotherapie erlernen und ausüben“, sagt der klinische Psychologe Declan Aherne von der University of Limerick.

Unter den Psychotherapieanbietern und -beteiligten sind im irischen Gesundheitswesen circa 3 000 akkreditierte Psychotherapeuten sowie Sozialarbeiter, Drogenberater, psychiatrisches Gesundheitspflegepersonal und andere Personen tätig, die weder eine Ausbildung zum Psychiater noch zum Psychologen, sondern lediglich spezielle Schulungen absolviert haben. Daneben besteht die Möglichkeit, im Rahmen von Universitäten und privaten Instituten eine Ausbildung zum Psychotherapeuten zu absolvieren. Sie umfasst sieben Jahre Grundausbildung, ein Jahr Vertiefung und drei Jahre Praxis in Teilzeit und endet mit dem Erwerb des „European Certificate of Psychotherapy“. Etwa 450 der 1 250 irischen Psychotherapeuten, die dem Berufsverband „Irish Council of Psychotherapy“ angehören, haben dieses Zertifikat bisher erworben.

Eine besonders große psychische Belastung für weite Teile der Bevölkerung stellte der Nordirlandkonflikt („The Troubles“) dar, der in den Jahren 1969 bis 1998 zwischen irischen Katholiken und Protestanten ausgetragen wurde und auch heute gelegentlich wieder aufflammt. Dem Konflikt fielen circa 4 000 Zivilisten zum Opfer. Es gab ungefähr 34 000 Schießereien und 14 000 Bombenanschläge. Ein Großteil der Iren war in die politischen Auseinandersetzungen involviert oder davon betroffen. Die Menschen wurden fast täglich mit neuen Gräueltaten konfrontiert, so dass eine normale, angstfreie und friedvolle Existenz über Jahrzehnte hinweg nicht möglich war.

Wie sich das Leben in alltäglicher Gewalt auf die psychische Verfassung der Bevölkerung ausgewirkt hat, haben Psychologen um Finola Ferry von der University of Ulster in Londonderry untersucht. Sie fanden anhand einschlägiger Studien heraus, dass es der Mehrzahl der Iren offenbar gelang, trotz der schwierigen Umstände psychisch zu überleben und zumindest nicht behandlungsbedürftig zu erkranken. Sie lernten, mit der ständigen Bedrohung zu leben, indem sie sich teilweise daran gewöhnten, sich innerlich davon distanzierten oder sie ignorierten und verleugneten. Manche akzeptierten sie auch als besonderen Aspekt des Lebens in Irland und empfanden sie als Normalität. Diese Anpassung wurde möglicherweise aus der Not geboren, denn während des Nordirlandkonflikts gab es nur wenige therapeutische Hilfs- und Behandlungsangebote für Opfer und Täter, so dass die meisten selbst mit ihren Traumata fertig werden mussten. Darüber hinaus betrachteten sich viele Betroffene nicht als Opfer und bemühten sich daher auch nicht um therapeutische Unterstützung.

Neben denjenigen, die in der Lage waren, die allgegenwärtige Gewalt zu verkraften, gab und gibt es jedoch viele, die damit nicht fertig wurden. Mehrere Studien, die von Ferry und Kollegen ausgewertet wurden, zeigen die Folgen des Nordirlandkonflikts in aller Deutlichkeit: Zahlreiche Suizide, eine relativ hohe Rate an posttraumatischen Belastungsstörungen, die in einigen Fällen über Jahrzehnte persistierten, ein allgemein vermindertes psychologisches Wohlbefinden, eine erhöhte Rate an psychischen Erkrankungen sowie eine Verstärkung bestehender psychischer Erkrankungen waren die Bürde, die die irische Bevölkerung tragen musste, unabhängig davon, ob sie an dem Konflikt aktiv beteiligt war oder nicht.

Und es ist noch nicht vorbei: Der Nordirlandkonflikt lebt in der Psyche vieler Iren weiter, auch in der der jüngeren Generation. Eine Untersuchung von Psychologen um Kareena McAloney von der Queens University in Belfast zeigt, dass die meisten irischen Kinder und Jugendlichen über Berichte, Erzählungen und Reportagen von den Gräueltaten erfahren, viele haben Familienmitglieder, die psychisch oder körperlich versehrt wurden, oder sie haben Familienmitglieder und Freunde durch einen Terrorakt verloren. Anhand einer Befragung von 3 828 15- bis 16-jährigen nordirischen Jugendlichen fanden die Wissenschaftler heraus, dass drei Viertel der Befragten direkt oder indirekt mit Gewalt, die in Zusammenhang mit dem Nordirlandkonflikt stand, in Berührung gekommen waren. Ein Drittel der Jugendlichen, die häufig und intensiv konfrontiert worden waren, zeigte klinisch relevante Ausprägungen von Depressionen, Psychosen und Drogenmissbrauch, drei Viertel waren alkoholsüchtig. „Die psychische Entwicklung und das psychische Wohlbefinden von Heranwachsenden werden durch eine gehäufte Konfrontation mit Gewalt und Terrorakten – selbst wenn dies nur indirekt über Erzählungen geschieht – stark beeinträchtigt“, schließen McAloney und Kollegen aus ihrem Befund. Die Tatsache, dass sich die Folgen der Gewalterfahrungen und Traumatisierungen nicht nur bei den Generationen zeigen, die vom Nordirlandkonflikt direkt betroffen waren, sondern auch bei solchen, die ihn nur vom Hörensagen kennen, ist für sie ein Hinweis dafür, dass eine intergenerationale Übertragung stattfindet, die möglicherweise auch eine Ursache dafür ist, dass sich viele junge irische Männer heutzutage suizidieren.

Die Nachwirkungen des Nordirlandkonflikts werden mittlerweile intensiv beforscht, und es wird mit verschiedenen Maßnahmen versucht, sowohl den älteren als auch den jüngeren Generationen zu helfen. Ob dies allerdings im ausreichenden Maße gelingt, ist fraglich. Denn der Umstand, dass über viele Jahre hinweg jeder Ire zu jeder Zeit in eine politische Auseinandersetzung verwickelt werden und dabei Schaden nehmen konnte, kam einer wiederholten Traumatisierung gleich. Es ist dementsprechend davon auszugehen, dass die Traumata der irischen Bevölkerung nicht mit herkömmlichen Traumata (etwa ein Autounfall oder ein tätlicher Übergriff) zu vergleichen sind. Vielmehr handelt es sich um komplexe Traumata, die womöglich mit den bislang zur Verfügung stehenden Methoden nicht umfassend genug behandelt werden können. Darüber hinaus befindet sich Irland seit der Finanzkrise in einer Rezession, was auch nachteilige Auswirkungen auf das Gesundheitssystem hat. Während die Versorgungslage in den Großstädten noch befriedigend sein mag, führen hohe Arbeitslosigkeit, Armut, Verschuldung, ein unzureichender öffentlicher Nahverkehr sowie Ärzte- und Psychotherapeutenmangel in den ländlichen Gebieten zu einer Unterversorgung psychisch erkrankter Personen. Zu den alten psychischen Belastungen durch den Nordirlandkonflikt sind somit neue durch die aktuelle wirtschaftliche Lage hinzugekommen, so dass das irische Gesundheitssystem momentan vor großen Herausforderungen steht.

Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerztblatt.de/pp/lit0313

Ungewöhnliche Prävention

In Irland ziehen immer mehr Menschen in die Städte, weil sie nur noch dort Arbeit und eine passable Infrastruktur finden. Diejenigen Iren, die in den ländlichen Regionen zurückbleiben, leiden zunehmend unter Vereinsamung, wodurch viele depressiv werden, dem Alkohol verfallen oder sich umbringen. Um diesen Problemen vorzubeugen, hat die irische Grafschaft Kerry im Januar 2013 einen Antrag im Justizministerium eingereicht, um eine Genehmigung für die Kampagne „Drink and Drive“ zu erhalten. Sie möchte betrunkenes Fahren legalisieren, um es den Menschen auf dem Land zu ermöglichen, in den Pubs zusammenzukommen. Auf diese Weise sollen Depressionen und Suizide, die aus Einsamkeit und Frustration begangen werden, indirekt verhindert werden.

Die Folgen des Nordirlandkonflikts und die Rezession, die mit Arbeitslosigkeit, Armut und Verschuldung einhergeht, stellen das irische Gesundheitssystem vor große Herausforderungen. Psychotherapeutenmangel auf dem Land führt zu Unterversorgung.

PP-Artikelreihe

Die Artikelreihe „Psychotherapie in Europa“ erscheint in unregelmäßigen Abständen.
Bisher erschienen:

  • „Psychotherapie in Finnland“, PP, Heft 2/2012
  • „Psychotherapie in den Niederlanden“, PP, Heft 12/2011
  • „Psychotherapie in Italien“, PP, Heft 10/2011
  • „Psychotherapie in Großbritannien“, PP, Heft 4/2011
  • „Psychotherapie in Frankreich“, PP, Heft 3/2011
  • „Psychotherapie in Polen“, PP, Heft 1/2011
  • „Psychotherapie in Österreich“, PP, Heft 1/2009
  • „Psychotherapie in Spanien“, PP, Heft 9/2008
1.
Aherne D: Ireland. In: BPtK: Psychotherapy in Europe. Berlin: BPtK 2011: 23–9.
2.
AOK-Bundesverband: Das Gesundheitssystem in Irland. Online: www.aok-bv.de/politik/europa/index_01376.html
3.
Bathelt J: Das irische Gesundheitswesen. Rheinisches Ärzteblatt 2007; 7: 13–4.
4.
Daly O: Northern Ireland: Dealing with the past. Irish Journal of Psychological Medicine 2011; 28: 45–7.
5.
Ferry F, Bolton D, Bunting B, O’Neill S, Murphy S: The experience and psychological impact of „troubles“ related trauma in Northern Ireland. The Irish Journal of Psychology 2010; 31: 95–110.
6.
McAloney K, McCrystal P, Percy A, McCartan C: Damaged youth. Journal of Community Psychology 2009; 37: 635–48.
1.Aherne D: Ireland. In: BPtK: Psychotherapy in Europe. Berlin: BPtK 2011: 23–9.
2.AOK-Bundesverband: Das Gesundheitssystem in Irland. Online: www.aok-bv.de/politik/europa/index_01376.html
3.Bathelt J: Das irische Gesundheitswesen. Rheinisches Ärzteblatt 2007; 7: 13–4.
4.Daly O: Northern Ireland: Dealing with the past. Irish Journal of Psychological Medicine 2011; 28: 45–7.
5.Ferry F, Bolton D, Bunting B, O’Neill S, Murphy S: The experience and psychological impact of „troubles“ related trauma in Northern Ireland. The Irish Journal of Psychology 2010; 31: 95–110.
6.McAloney K, McCrystal P, Percy A, McCartan C: Damaged youth. Journal of Community Psychology 2009; 37: 635–48.

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